Belletristik-Rezension: Benjamin Horrig "War doch klar" - literarische Whitebox für eine Generation

Das Weißbuch einer Generation: Benjamin Horrigs "War doch klar"
Momente wie diese sind die ganz besonderen Augenblicke des Bloggerlebens. Ich darf euch nämlich heute einen jungen Indie-Autoren vorstellen, der gerade in diesem Jahr sein erstes Buch veröffentlicht hat - und es ist eine einfach wunderbare, schlichte und doch starke Geschichte über eine Generation, die keiner so richtig zu kennen glaubt, eine Generation, die ihre Stundenpläne nach Erfolgsrezepten erstellt und die alles erreicht, was sie erreichen will; die oft be- und verschriene Generation Y. Horrigs Protagonist Muck ist einer von ihnen und will doch anders sein. So streift er durch seinen Alltag um von ihm zu erzählen und überreicht uns als Leser am Ende ein kleines, weißes Büchlein, dass zur Whitebox seiner Umwelt wird.


Ein literarisches Überraschungspaket

Es fing schon damit an, dass Indie-Autor Benjamin Horrig mir seinen Debütroman nicht in meinem sonst präferierten Medium als Ebook zukommen ließ, sondern als Hardcoverausgabe (oder wie viele Fortschrittsverweigerer gerne betonen als "richtiges" Buch). Es gibt nämlich keine Ebookausgabe, was für eine Indie-Publikation heute schon einmal ungewöhnlich ist. Dann ging es so weiter, dass ich plötzlich ein rein weißes Buch in der Hand hielt, ohne Titel oder was sonst so ablenken könnte, und dazu einen giftgrünen Buntstift und ein paar Buchaufkleber. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auch nur einen Menschen auf dieser Welt gibt, der nicht sofort angefangen hätte dieses so ungewöhnlich daherkommende Büchlein zu lesen; und ich habe dann auch nicht so schnell wieder aufgehört.

Darf ich vorstellen, Generation Y

Der Protagonist des Romans, der auf einen ganz gewöhnlich eigentümlichen Namen hört, wie wohl die meisten seiner Generation, ist ein twenty-something Student an einer deutschen Universität, deren Standort man schon bald wieder vergessen hat. Trotz des strikten neuen Bachelor-Master-Systems hat er es Dank des universitären Verwaltungsdschungels geschafft, seinen Abschluss aus formalen Gründen zu versemmeln. Doch, wer regt sich schon über verschüttete Milch auf, er geht trotzdem wieder an den Campus, trifft trotzdem dort die gleichen Leute wie immer; kuriose Langzeitstudenten, Kumpel, Ex-Freundin, neuer Freund von Ex-Freundin, unbekannten Networker. Er lässt sich trotzdem zu diversen alkoholischen Getränken überreden und verspricht zu einer Party zu gehen, obwohl er weiß, dass SIE da sein Wird.

SIE ist die mysteriöse Angebetete, die Muck vor etwa einem Jahr kennenlernte und nach ein paar gemeinsam durchwachten Nächten wieder verlor. SIE ist diejenige, mit der er tagelang durchreden und ganz normale Orte ganz neu erleben konnte. SIE ist diejenige, die plötzlich fortging und bei der er sich dann nie wieder gemeldet hat. Dieser Roman erzählt sowohl Mucks Vergangenheit, die paar Tage mit seiner verlorenen Liebe, als auch die Gegenwart seines gescheiterten Studiums. Er beobachtet und verachtet die Menschen um ihn herum, die alle so gleich sind, dass sie ebenso austauschbar werden wie die Stadt, in der er lebt. Das Leben der anderen scheint klar und erfüllt zu sein von lernen, feiern, trinken, lieben und sich im Ausland selbst finden. Alles wird sorgfältig bedacht und abgehakt, sogar die eigene Begeisterung folgt einem idealen Plan. Zur Not wird eben mit etwas Alkohol nachgeholfen. Oder mit etwas mehr.

Ein Chronist, der gern auch Antagonist wäre

Mucks Weg dagegen ist ein Weg, der gleichzeitig parallel und gegenläufig zu dem der anderen zu verlaufen scheint. Indem er scheitert, verweigert er sich der Idealisierung und Optimierung des eigenen Lebens. Indem er scheitert, bringt er sich dazu, Dinge wirklich zu fühlen. Indem er scheitert findet er eine zwar traurige, aber doch seltene Individualität.

Es ist noch nicht lange her, dass ich das Gefühl hatte von einer Welle Zeitungsartikel über die sogenannte Genration Y überschwemmt zu werden. Eine Generation, die die Selbstverwirklichung optimiert zu haben scheint und nun vom Leben und Denken älterer Generationen Besitz zu ergreifen droht. Sie suchen nicht mehr nach Work-Life-Balances, sondern nach dem Work-Life-Merge. Sie gehen in der Mittagspause ins Fitnessstudio und lesen dafür nachts noch Emails. Sie sind Opportunisten, deren Entscheidungen meistens von den direkten Auswirkungen auf ihre eigene Person abhängt. Sie definieren Politik so um, dass sie das eigene Leben nur noch peripher berührt. Über diese Generation schreibt Benjamin Horrig und darüber, wie schwer es ist, nicht dazu zu gehören. Die Frage danach, wie man eigentlich zu einem Outsider werden soll, in einer Gesellschaft, in der alles toleriert wird, zieht sich ebenso durch Mucks Geschichte, wie die nach dem echten Erleben, in einer Welt, in der alles irgendwie positiv genutzt wird. Ohne in die Extreme zu gehen, zeigt Horrig, was eigentlich mit einer Generation passiert, die kein emotionales Gut und Böse kennt. Das ewige Dauerhoch seiner Umwelt wird dem Protagonisten zur Gefühlshülse, die keine Wertigkeit mehr annehmen kann.

Ein Rohdiamant

Dieses selbst verlegte Romandebüt hat mich ausgesprochen überrascht und darum spontan begeistert. Dennoch hatte ich beim Lesen hier und da das Gefühl so etwas wie einen Rohdiamanten in der Hand zu halten - der eine oder andere Schliff würde dem Ganzen noch mehr Glanz verleihen. Der Schreibstil des Autors ist mal schnodderig und mal überhöht, selten allerdings schlicht und schnörkellos. Damit rutscht er in meinen Augen ein Stück weit in die gleiche Falle wie die Generation, über die er schreibt. Wenn jeder Satz in seiner Zuspitzung einem Berggipfel gleicht, dann gibt es nur noch Gipfel und nichts mehr, wovon sie sich abheben können. Aber ich jammere auf einem hohen Niveau und gerate hier wirklich in stilistische Feinschliff-Angelegenheiten und möchte euch damit jetzt nicht weiter von dem Griff zu einem wirklich schönen Erstlingswerk abhalten.

Wenn ihr also noch nicht gegooglet habt, geht jetzt am besten gleich auf die Webseite des Autors und bestellt euch eure persönliche Whitebox der Generation Y. Lernt unsere Zukunft kennen und entscheidet selbst, ob ihr euch am Ende für den einzig möglichen Weg zur wahren Liebe entscheiden werdet. Es lohnt sich!

Ich danke dem Autoren für einen, zwei,.... viele literarische Überraschungsmomente, die dieses Leseexemplar mir beschert hat und bin gespannt auf alle weiteren, die da noch so kommen mögen.

Horrig, Benjamin: War doch klar. Eigenverlag 2014. 9€

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