Krimi-Rezension: Bangalore Masala - ein Kriminalroman für Indienfans mit eurozentrischem Weltbild

Als ich vor einigen Wochen auf eine neue Reihe des Conbook-Verlages aufmerksam gemacht wurde, die die Schlagworte "Weltliteratur" und "Kriminalromane" zusammenbringt, fiel mein Blick sofort auf Karin Kaisers "Bangalore Masala". Da ich selbst ein großer Freund der indischen Kultur bin, musste ich dieses Buch einfach lesen. Und ich wurde nicht enttäuscht: "Bangalore Masala" ist ein intelligenter und phasenweise nervenzerreißender Kriminalroman. Dass die Autorin selbst in keinerlei Weise indischen Erzähltraditionen folgt, fällt zwar auf, stört aber keineswegs. Das ist prima Nachurlaubslektüre, die einem noch einmal vor Augen führt, was einen an diesem Land eigentlich so fasziniert.



Eine Karrierefrau, die bei ihrer Mutter lebt

Anjali Mathur, die Protagonistin dieses Kriminalromans, ist alleinerziehende Mutter und Journalistin. Seit sie ihrem Mann davon gelaufen ist, weil er sie betrogen hat, lebt sie wieder bei ihrer Mutter, wo sie sich um ihren kleinen Sohn und ihren in Bangalore studierenden Neffen kümmert. Das Familieneinkommen bestreitet sie als Kolumnistin mit dem Schwerpunkt "Glitzer und Glamour". Doch was ihr Chef ihr als weibliches Genre aufdrückt, erfüllt sie nicht im geringsten und so ermittelt sie in einem Umweltskandal, in den nicht nur ein großes Unternehmen, sondern auch eine mafiöse Verbrecherbande verwickelt sind. Sie schließt sich dazu mit einer Umweltorganisation zusammen, die die Machenschaften der Firma schon lange beobachtet. Als bei den Recherchen allerdings ein junger Aktivist stirbt und Anjali zur einzigen Trägerin seines Ermittlungsgeheimnisses wird, gerät auch sie ins Fadenkreuz der Drahtzieher. Als diese ihren kleinen Sohn entführen lassen, erwacht die Löwenmutter in ihr und sie beginnt immer fieberhafter nach ihren Peinigern zu fahnden.

Ein wahres Masala

"Bangalore Masala" - der Titel ist geradezu das Programm dieses Kriminalromans. Die südindische Millionenstadt Bangalore wird zur Kulisse eines munteren Stilmixes, der ein paar der bekanntesten Probleme Indiens - die Rolle der Frau, Korruption und Umweltverschmutzung - mit einem klassisch linear-europäischen Erzählstil und dem beliebten Genre des Krimis mischt. Man könnte das als "Indien light" abtun oder das Potential dieser Mischung als Erfolgsformel betrachten. Denn Kaisers Roman macht in einer Weise auf die Probleme aufmerksam, die man als Europäer gut verstehen kann, auch wenn man dieses vielleicht exotischste aller Länder noch nicht bereist hat.

Kaiser zeigt, wie schwer es ist, als allein Erziehende zu bestehen, indem sie Anjali und ihre Familie so porträtiert, dass sie wie eine Brücke zu unserer Gesellschaft wirken, in der das Los der allein Erziehenden zwar ein schweres aber kein Makel mehr ist. Anjalis Mutter macht ihrer Tochter zwar Vorwürfe, verstößt sie aber nicht und schickt sie auch nicht zu ihrem Mann Ram zurück. Die Ehe zu ihm war übrigens eine arrangierte, aber trotzdem verliebten sich die Brautleute noch vor ihrer Heirat - auch hier scheint also eine sorgfältig überlegte Brücke der Kulturen angelegt worden zu sein. Anstatt die Ausbeutung der Umwelt durch Großkonzerne lediglich anzuprangern, zeigt Karin Kaiser, dass es sehr wohl bereits aufgeklärte Bürger gibt, die ihren Protest laut werden lassen. Ja, sogar die Korruption erscheint in einer deutlichen Mafia-Analogie und kann darum vom europäischen Leser nicht so einfach als "indisches Problem" abgetan werden. Dieses geschickte Geflecht, das den Leser so sehr mit einbezieht, sorgt dafür, dass man die Figuren sehr gut versteht und den Kontext auf das eigene Umfeld übertragen kann. Die Autorin schafft es also ihren Lesern Indien ein ganzes Stück näher zu bringen.

Gleichzeitig verliert sie aber nicht ihre Faszination für die bunte und reiche Kultur, die sie gerne anhand von Traditionen und Ritualen beschreibt. So erstellt Anjalis Mutter jeden Morgen sorgfältig eine farbiges Mandala vor der Tür, verrichtet ihre Pujas also Gebete und kocht jeden Morgen typisch südindische Idlis zum Frühstück. Auf diese Weise bringt sie ihren Lesern das Land nicht nur nah, sondern nimmt sie auch mit in die faszinierende Kultur, die mit so viel Sorgfalt seit tausenden von Jahren entwickelt und gepflegt wird. Das ist ein Schwelgen, dem man sich gerne einmal hingibt, vor allem, wenn draußen der Sommer einmal gerade nicht halten will, was er gestern noch versprochen hat.

Ein guter Krimi für alle, die Urlaub auf Balkonien verbringen

"Bangalore Masala" ist kein Thriller mit Hochspannung von der ersten bis zur letzten Seite und auch kein klassischer Kriminalroman. Es ist eher ein intelligent komponierter Spannungsroman, der zum Schluss mit einem guten Showdown aufwartet. Es ist keine Urlaubslektüre im klassischen Sinne und bestimmt nicht gerade geeignet, um nach Indien mitgenommen zu werden. "Bangalore Masala" ist eher ein Roman, der Urlaubsstimmung nach Hause bringt - die Faszination und die Schrecken einer fernen Kultur und ein bisschen etwas von einem ganz anderen Alltag. Das ist genau die richtge Portion Exotik, die einen eintauchen lässt in eine ferne Welt, selbst wenn man gerade nur die Mittagspause dafür zur Verfügung hat.  

Kaiser, Karin: Bangalore Masala. Conbook 2014. ISBN: 3943176649. 12.95€.

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