Film vs. Buch Rezension: Warum es in Saramagos "Der Doppelgänger" um viel mehr als einen "Enemy" geht

Als der Hoffmann und Campe Verlag zu einem Buch vs. Film Test einlud, um José Saramagos "Der Doppelgänger" mit dem Kinofilm "Enemy" zu vergleichen, war ich als entschiedener Gegner des Film-Bashings bei Literaturverfilmungen der Ansicht, dass ich über eine hervorragende Adaption berichten würde. Der Trailer war sehr ansprechend und immerhin kam die Romanvorlage von einem meiner Lieblingsnobelpreisträger. Doch leider muss ich mich jetzt doch in die Reihe der Buchverfechter eingliedern. Das liegt nicht nur daran, dass "Enemy" einer der wenigen Filme ist, den ich trotz erhöhter Aufmerksamkeit nicht sofort verstanden habe, sondern vor allem daran, dass das von Saramago virtuous aufbereitete uralte literarische Motiv des Doppelgängers zu einer Feindbildmontage verkommt, die am Ende auch noch mit einer "Moral von der Geschicht'" um die Ecke kommt.



Eine der hitzigsten Diskussionen des Kulturbetriebs war in den letzten Jahren die über Kopie und Original. Wo liegt nun die Schöpfungshöhe, wem gebührt die Ehre und wird durch die Verdoppelung vielleicht letztendlich nur die Quelle aufgewertet - um diese und andere zentrale Fragen kreiste die Debatte und kreist sie zum Teil immer noch. Ob der kanadische Regiesseur Denis Villeneuve die doch eher eurozentristische Debatte kannte oder nicht, sei hier mal dahin gestellt, auf jeden Fall hat man bei seinem Film den Eindruck, dass er dem Original lieber nicht allzu nahe kommen möchte, da er den Vergleich mit der Romanvorlage scheut. Dass er beinahe schon verbissen nach Originalität sucht, zeigt die Einführung neuer Motive und die damit verbundene Interpretation eines vieldeutigen Stoffes als eindeutig. Das Ergebnis erinnert mich an eine Diskussion, der ich erst neulich im Bekanntenkreis lauschte und bei der es um elektronisch abgelichene Fingerabdrücke ging. Werden nur sechs Punkte verglichen, so ist unter einer begrenzten Auswahl zwar die Identifizierung möglich, wird die Vergleichsgruppe allerdings aufgehoben, ist eine Zuordnung nur noch vage und mit zu vielen möglichen Ergebnissen zu leisten. Metapher beiseite, was ich sagen will ist, dieser Film ist bei aller Einhaltung der Bezugspunkte am Ende eher eine vage Adaption. Bei einer so genialen Vorlage allerdings kann das nur zu Ungunsten dieser gehen. Aber zurück zum Anfang, ich erzähle erst einmal, worum es geht:

Die Story

Irgendwo in einer Großstadt dieser Erde gibt es einen Mann zwei Mal. Das heißt es gibt zwei Männer, die einander bis aufs Haar und mehr noch bis auf die Narben an ihren Körpern gleichen. Einer ist Geschichtslehrer. Er lebt in einer kleinen Junggesellenbude ein immer gleiches Leben. Seine Freundin arbeitet in einer Bank. Sie ist hübsch, aber in ihrer Beziehung gibt es nichts romantisch Verklärtes. Der andere ist Schauspieler. Klingt glamourös, ist es aber nicht. Er hat sich gerade erst vom viert- zum drittklassigen Darsteller hochgearbeitet. Er ist verheiratet und lebt in einer großen, schönen Wohnung.

Der Geschichtslehrer stößt irgendwann in einem Film auf sein Double und begibt sich auf die Suche nach ihm. Zuerst ruft er nur an, dann treffen sie sich. Sie vergleichen einander. Der Gedanke daran, dass es sie zweimal gibt, erschüttert sie zutiefst. Da ersinnt einer von ihnen einen teuflischen Plan. 

Der Roman "Der Doppelgänger"

In gewohnt ironischer Weise erzählt Saramago das Leben des Geschichtslehrers Tertuliano Maximo Afonso. Er lässt seine Leser teilhaben an dem routinierten Leben, das den Intellekt des Protagonisten so stark unterfordert, dass er ganz im Austüfteln komplizierter Methoden zur Suche seines Doubles aufgeht. Niemand, nicht einmal er selbst oder der Erzähler des Romans, kann nachvollziehen, warum er von diesem Detektivspiel so eingenommen ist und warum es sein Leben derart erschüttert. In einem genialen Schachzug lässt Saramago uns aber erfahren, was das Perfide an Tertulianos Situation ist. Nicht der andere, sondern er selbst ist der zweite, der Doppelgänger, die Fälschung. Der Protagonist wird zum Antagonisten.

So oft das Motiv des Doppelgängers schon in der Literatur verwendet wurde, eine solche Konstellation ist mir noch nicht untergekommen. Während sonst meist das "Original" zum Protagonisten wird, der von der Kopie verfolgt und geplagt wird, ist es hier anders herum. Tertuliano sucht den Schauspieler Daniel Claro zwar heim, die Plage aber ist der. Sein unstetes Leben, seine lediglich angedeuteten Seitensprünge, lassen seine Ehe zu einer leeren Hülle verkommen. Er hat alles, genießt aber nichts. Außer den Spieß umzudrehen und am Ende Tertuliano heimzusuchen, was letztendlich in sein eigenes Verderben führt.

Doch es ist nicht nur das uralte und so neuartig eingesetzte Motiv, das Saramagos Roman zu einem Genuss macht. Die Erzählweise ist gleichzeitig ruhig und von tragikomischer Tiefe. Die Worte werden so spielend verwendet, dass man oft lachen möchte, obwohl die Geschichte eigentlich alles andere als witzig ist. Die Wendungen kommen gleichzeitig ruhig und unerwartet und hat man das Buch einmal bei Seite gelegt, so denkt man noch lange über das, was Tertuliano und Antonio widerfahren ist, nach.

Darüber hinaus demontiert Saramago wie nebenbei althergebrachte Erzähltraditionen. Nicht nur, dass er das Doppelgänger-Motiv neu einsetzt, er lässt seinen Erzähler auch immer wieder die eigene Erzählweise erklären, rechtfertigen oder beschimpfen. Mal stört ihn die Eintönigkeit, dann wieder fragt er sich, warum er eine Episode nun so erzählt wie er es tut und ganze Passagen lässt er als Hypothesen stehen, indem er sie einleitet mit Halbsätzen wie "Nun könnte Tertuliano gesagt haben, dass...". Am Ende gibt es nichts mehr, auf das sich der Leser verlassen kann. Das klingt niederschmetternd, eröffnet aber auch Räume für einen eigenen Umgang mit der Geschichte. So findet die demontierte Literatur am Ende zu ihrer Kernfunktion zurück, den Leser zum Erdenken vielfältiger Interpretationen zu bringen.

Der Film "Enemy"

Die Eingangsszene von "Enemy" zeigt den Protagonisten in einem zwielichtigen Nachtclub. Völlig oder nahezu unbekleidete Frauen geben merkwürdige Performances auf einer kleinen Bühne. Dazu gehört das Zertreten einer Vogelspinne mit einem Pfennigabsatz. Und so werden wir gleich in die größte Merkwürdigkeit dieser Adaption geworfen, die darin besteht, dass ständig irgendwo Spinnen auftauchen. Eine Hommage an das Heimatland Saramagos? Wohl kaum, denn die Handlung ist gnadenlos nach Kanada versetzt worden, die Charaktere tragen statt sprechender Namen wie Tertuliano schnöde Allerweltsnamen wie Adam. Nein, ich habe wirklich darüber nachgedacht, was die Spinnen sollen und neben dem offensichtlichen (das ich nach einer kurzen Google-Suche dann auch gefunden habe) - dass sie für die Weiblichkeit stehen sollen, vor der der Protagonist flieht - denke ich, dass sie vielmehr auf plumpe Weise darstellen, dass wir es hier gar nicht mit zwei Männern zu tun haben. Denn wie wir später im Film erfahren, hat der Schauspieler den Club besucht, der Geschichtsdozent aber ist derjenige, der von den Spinnen im Traum bedroht wird.

Gut, soviel zur Spinne, ich werde das Thema hier nicht überreizen, denn das tut der Film schon zur Genüge. Nächste Ärgerlichkeit ist, dass im Film die Frau des Schauspielers schwanger ist. Das sieht zwar schön aus und erklärt vielleicht aus männlicher Sicht ihre emotionale Reaktion auf das Auftauchen des Doppelgängers, lässt aber die Thematik in die nächste Plattitude abdriften. Bei Saramago ist der Schauspieler einfach ein Lebemann, ein Tunichtgut, ein Draufgänger. Seine Ehe leidet, aber er spürt keinerlei moralischen Druck. Über dem Film hingegen schwebt die ganze moralische Last einer betrogenen werdenden Mutter. Moral von der Geschicht: Betrüge deine schwangere Frau niemals nicht - das hat wirklich nicht viel mit Saramagos Ideen zu tun.

Nächste Plattitude: Weibliche Intuition. Helena spürt im Buch rein gar nichts, als auf einmal Tertuliano vor ihr steht und nicht ihr Mann. Maria, seine Verlobte hingegen verspürt die leichte Unerklärlichkeit eines Unwohlseins, erkennt den Unterschied zwischen den beiden Männern letztendlich aber nur am Abdruck des Eherings an Antonios Finger. Im Film hingegen spüren beide Frauen fast sofort (die schwangere Ehefrau natürlich noch etwas eher als die wilde), dass ein anderer vor ihr steht. Das ist für Mary schlecht, denn sie ist plötzlich mit der schlechten Seite konfrontiert, für Helen aber gut (prima, sieht genauso aus wie mein Mann, ist aber netter - ich tausche). Warum es wichtig und richtig sein sollte, dass beide Frauen den Betrug intuitiv wahrnehmen, erschließt sich mir nicht. Die wahrscheinlichste Auflösung scheint mir allerdings wieder die vom Film erzwungene Interpretation der beiden Männer als Einheit zu sein.

Schließlich und endlich bleibt mir noch ein kurzes Wort zum pathetischen Titel "Enemy" - Feind. Weg mit dem vielschichtigen Motiv, her mit der Eindeutigkeit. Aber halt, ich urteile zu vorschnell, ist das nicht toll, intensiv und innovativ, dass der Feind hier jetzt plötzlich in der eigenen Person zu finden ist, dass quasi die eigene dunkle Seite einen verfolgt. Bedaure, kleine, feine, innere oder wie auch immer geartete Stimme, aber nein. Dass der größte Feind oft in der eigenen Persönlichkeit verankert ist, ist weder weltwissend noch literarisch neu. Mit einem Teufel haben wir es schon spätestens seit der Schauerromantik nur noch selten zu tun. Dr. Jekyll und Mr. Hyde, der Mönch Medardus, Dracula (um nur ein paar zu nennen) - sie alle tragen Gut und Böse in sich, manchmal in einer Person mit zwei Gestalten, manchmal in einer Person mit einer Gestalt, manchmal mit zwei Personen in einer Gestalt, von denen eine nicht wirklich da ist. Nein, so oder so betrachtet, führt Villeneuves Film die Dekonstruktion Saramagos zurück in die Herkömmlichkeit, da nützt es auch nichts, verstörende Bilder von Spinnen einzusetzen, die den Zuschauer für einen Moment ablenken und verwirren.

Ein, zwei kleine Apelle meinerseits:

Dieser Artikel ist bereits viel zu lang, darum schließe ich jetzt schnell mit einem Appell an alle Literaturverfilmer dieser Erde: Wenn ihr eine wunderbare, mehrdeutige, vielseitig erzählte, dekonstruktivistische  Geschichte vor euch habt, habt Mut ihr nahe zu kommen. Bezwingt euer Ego und lasst eure interpretatorischen Ideen zu Hause, zumindest dann, wenn sie wirklich nicht gut sind. Sonst wird die ewige "Buch ist besser als Film"-Debatte ja niemals aufhören.

Und an alle Leser und Kinofans - lest dieses Buch, das Zuhausebleiben lohnt sich diesmal doppelt!

José Saramago: Der Doppelgänger (Enemy). Hoffmann und Campe Verlag 2014. ISBN: 9783455812688. Ebook 9,99€.

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5 Responses to Film vs. Buch Rezension: Warum es in Saramagos "Der Doppelgänger" um viel mehr als einen "Enemy" geht

  1. Danke für den Hinweis! Ich gehöre eh zur Kategorie "Beurteile ein Buch niemals nach seiner Verfilmung". Nur ganz seltenkann ein Film die Grundstimmung einer Buchvorlage in ihrer Gesamtheit übertragen....ist vielleicht auch nicht möglich, vor allem ,wenn es sich um große Literatur handelt. Beschränkungen sind wohl unumgänglich. Also sollte man beides von vorneherein trennen und seine Erwartungshaltung a priori ändern: Buch ist nicht gleich Film und vice versa. Die nächste Überlegung ist dann unter dieser Voraussetzung, ob man einem Regisseur seine eigene Interpretation absprechen muß....

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich gebe dir völlig Recht - man sollte niemandem seine Interpretation absprechen und das möchte ich auch gar nicht. Nun ist ja aber ein Regisseur in erster Linie niemand der Interpretationen vorgeben sollte, sondern eher Räume dafür eröffnen. Er wird ja eigentlich zum Autor des Films. Und Autoren sollten in meiner Linie gerne mehrere Interpretationen zulassen. Das Problem bei diesem Film ist für mich, dass er nur dann schlüssig wird, wenn man der einen hier beschriebenen Interpretationslinie folgt. Ohne diese wäre der Film einfach nicht plausibel. Das geht sogar so weit, dass ich sagen würde, der Film ist als eigenständiges Werk gar nicht tragbar, da man den Roman braucht, um überhaupt eine Grundlage für die von Villeneuve verfochtene Interpretation zu haben. Ja, ich glaube ohne das Buch hätte mir der Film sogar noch weniger gefallen, da er für mich in sich einfach nicht schlüssig ist.
    Liebe Grüße,
    Mareike

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    1. Ja, manchmal muß man auch einfach sagen, daß nicht jedes Buch verfilmt werden sollte...vielleicht gehört ja Saramagos Buch auch dazu...LG Andrea

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  4. Hallo,
    ein interessanter Vergleich.
    Ich gebe dir Recht, dass sich der Film teilweise weit vom Buch entfernt, was bei ‚based on a novel by‘ - Filmen trotzdem meiner Meinung nach nachvollziehbar ist und häufig sogar zu eigenständigeren, interessanteren Filmen führt.
    Ich ging den umgekehrten Weg, und habe zuerst den Film gesehen, der mich wiederum neugierig auf das Buch machte.
    Obwohl mich der Film, den ich visuell und atmosphärisch faszinierend fand, am Ende wegen seiner wie ich finde zu oberflächlichen Charakterzeichnung etwas ratlos machte, war ich doch umso enttäuschter von der Buchvorlage.
    Diese verschenkt meiner Meinung nach eine faszinierende Idee durch eine sehr zähe, sich in endlosen Exkursen verlierende Erzählweise.

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