Belletristk-Rezension: A.S.A Harrisons "Die stille Frau" und das Banale des Bösen

Ein bisschen von den Desperate Housewives, ein bisschen von Blue Jasmin, ein bisschen Krimi und ein bisschen Sozialstudie - das ist die Formel für A.S.A. Harrisons Roman "die stille Frau". Eine solide Formel, wenn es um Buchverkäufe geht; so sollte man meinen. Doch um richtig fesselnd zu sein, fehlt diesem Roman die Nähe zu den eigenen Figuren und leider auch das Originäre.


Wenn Bree van de Kamp und Carl Meyer ein Paar geblieben wären...

So wären sie wie Jodi und Todd. Denn genau wie die rothaarige Protagonistin aus Desperate Housewives ist "die stille Frau" auf den ersten Blick eine perfekte Lady. Sie ist schön und schlank, hält ihr Zuhause in perfekter Ordnung und kann herrlich kochen. Natürlich ist sie auch gebildet, doch sie kann es sich leisten, ihren Beruf als Psychologin eher wie ein Hobby zu betreiben. Und genau wie Carl, der stürmische Liebhaber Brees aus einer fortgeschrittenen Staffel, ist Todd ein Mann, der einfach nicht treu sein kann. Jodi ist sich dessen bewusst, aber nicht bereit, ihre "kleine Schwäche" - wie sie ihren langjährigen Freund nennt - aufzugeben. 

Wie aus Bree Jasmin wird

Der Blick aus Jodis Wohnung fällt auf einen ruhigen See
Und so kommt es, wie es kommen muss, Todd verliebt sich in eine seiner Affären und sie wird schwanger. Jodi hat es leider in den letzten Jahren versäumt, den Wechsel von der "wilden" zur rechtmäßigen Ehefrau in Erwägung zu ziehen und so bleibt ihr nach der Trennung gar nichts. Todd will zwar nicht geizig sein, wird aber von seiner jungen Freundin zu einer ausgesprochen teuren Hochzeit gedrängt. Und so kommt es, dass man sich plötzlich in dem Woody Allen Film "Blue Jasmin" wähnt. Denn die perfekte sogutwie-Ehefrau wollte immer nur das sein und stürzt sich nun, da nur noch Scherben vor ihr liegen, in psychische Abgründe. Hinzu kommt, dass es in Amerika wirklich verführerisch leicht zu sein scheint, jemanden ins Jenseits zu befördern, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen.

Aus zwei Leben wird eines

Die Struktur diesses Romans ist dreigeteilt. Zu Beginn erhält der Leser paralellen Einblick in Jodis und in Todds Lebenswelt. Hier erfährt er von ihrem Alltag, Todds beruflicher Karriere und seinen Ausflüchten in stürmische Begegnungen, die selten mehr sind als das. Hier wird auch immer einmal wieder eine dunkle Phase Todds angesprochen, eine Depression, die Jodi - sie muss wirklich eine Meisterin ihres Faches sein - nicht etwa mit intensiven Gesprächen nach der Ursache bekämpft, sondern indem sie Todd einen Hund schenkt. Da ist es beinahe schon kein Wunder mehr, dass der Dank für die Überwindung der negativen Stimmung seiner aktuellen Geliebten Natasha zukommt, die das Ganze gründlicher angeht als Jodi und Todd den insgeheim von ihm ersehnten Nachwuchs schenkt.

Im zweiten Teil des Romans geht es dann nur noch um Jodi. Hier erfahren wir nach und nach von einem tiefen Kindheitstrauma und der Erfahrung, dass am Ende nur Verdrängung der Protagonistin ein normales Leben ermöglichte. Doch wir sehen auch, dass diese Taktik ihre Grenzen hat und nun, da rein egoistische Motive der Selbsterhaltung zum Anlass des Vergessens werden sollen, klappt dies nicht mehr so recht. Jodi wird krank, sowohl körperlich als auch psychisch. Da sich herausstellt, dass sie keine wirklichen Freunde hat, hilft ihr am Ende nur der Gedanke, nicht der einzige böse Mensch dieser Erde zu sein, um wieder zur perfekten Ruhe ihrer Oberfläche zurückzukehren.

In den ineinander greifenden Erzählsträngen, die diese kleinen Einzelerzählungen zu einem Ganzen machen, wird dem Leser überdeutlich präsentiert, was weder Psychologin Jodi noch ihr eigener Therapeut zu Tage fördern konnten. Die Protagonistin ist eine traumatisierte Soziopathin, die sich perfekt in die amerikanische Gesellschaft fügt. Die viel zu eindeutig gestellte Frage, wie viele ihrer Art es wohl noch geben mag, schrillt in den Hirnwindungen des Lesers fast so unangenehm wie das Kratzen von Nägeln auf einer Schiefertafel. 

Dieser Roman ist weder Fisch noch Fleisch

Ich habe nichts gegen ein gut gemachtes Mashup, das sich hier und da inspirieren lässt. Das gehört nun einmal zum Wesen der Popkultur und wahrscheinlich sogar zum Geschichtenerzählen selbst. Ich kann auch nicht behaupten, dass diese Geschichte einen gänzlich kalt lässt. Gut, dass Jodis Lebensentwurf an dem Kern jeglicher emanzipatorischer Ideen völlig vorbei geht, sei hier mal außer Acht gelassen. Viel wichtiger ist, dass man zwar meistens wissen möchte, wie sich die Geschichte entwickelt, die Protagonistin einem aber ziemlich egal bleibt. Jodi wird selbst dann noch nicht interessant, als sie längst gezeigt hat, dass jenes banale Böse in ihr wohnt, dass sie den Fingerzeig zum Mord an ihrem Lebensgefährten geben lässt. Jodi schafft es weder ins Herz des Lesers noch ist ihre Figur auf so faszinierende Weise zugespitzt wie die Charaktere von Bree oder Jasmin. 

Harrisons Roman ist wie blauer Himmel - wärmt eine Zeit lang, ist aber keine Kunst
Das Gleiche gilt auch für den literarischen Stil dieses Romans. Die Storyoutline verspricht einen Krimi. Für einen solchen ist der Roman aber nicht spannend genug. Die Erzählweise lässt eine Sozialstudie vermuten, aber auch dazu fehlt der stillen Frau die Zuspitzung, die Verdichtung. So bleibt als interessantestes Motiv die Banalität des Bösen in Jodis Charakter, die sich ganz leise Bahn bricht. Obwohl diese beinahe durch ein Kindheitstrauma wegpsychologisiert wird, ist es doch am Ende die Frage, wie schnell der Mensch bereit ist, Böses zu tun, wenn dies keinen größeren Aufwand bedeutet als eine scheinbar rationale Entscheidung, die den Lesefluss trotz allem antreibt. 

In meinen Augen reicht das allerdings nicht, um über 300 Seiten und viel Lesezeit zu füllen. Darum kann ich dir nicht zu dieser Lektüre raten. Außerdem kannst du dir bald die Verfilmung anschauen, denn die Rechte daran sind bereits gekauft. Ach nein, warte, sieh dir lieber Blue Jasmin oder Desperate Housewives an, da bekommst du - relativ gesehen - in der gleichen Zeit mehr geboten.

Harrison, A.S.A.: Die stille Frau. Berlin Verlag 2013. ISBN: 9783827012074. 14,99€

Posted in , , , , . Bookmark the permalink. RSS feed for this post.

One Response to Belletristk-Rezension: A.S.A Harrisons "Die stille Frau" und das Banale des Bösen

  1. Eine schöne Rezension, liebe Mareike! Mir hat das Buch super gefallen und fand es auch spannend. Aber die Definition zwischen "Spannung" und "ich will weiterlesen" ist mM nach auch eine fließende/persönliche. Deine würde mich interessieren! Liebe Grüße, Ellen

    AntwortenLöschen

Search

Swedish Greys - a WordPress theme from Nordic Themepark. Converted by LiteThemes.com.