Belletristik-Rezension: 'Im ersten Augenblick' seines Auftretens präsentiert der Atlantik Verlag Delacourts "Skandalbuch"

Verzeiht mir das plumpe Wortspiel im Titel dieses Posts, aber manchmal kann man sich einfach nicht zurückhalten, wenn mit Pauken und Trompeten "Das Buch gegen das Scarlett Johansson klagte" angekündigt wird von einem ganz neuen Verlag, der der Erfahrung eines altehrwürdigen Hauses entspringt. Dabei hat Delacourts Roman das Werbegetrommel eigentlich gar nicht nötig, ebenso wenig wie der neue Atlantik-Verlag. Beide stehen nämlich für Literatur, die zum besten Freund werden kann und möchte; ganz unaufgeregt und gerade darum so sympathisch.



Wenn heute ein neuer "kleiner" Verlag gegründet wird

...dann ist das meistens ein mutiges Unterfangen. Die Verlagsbranche an sich ist im Wanken und der Druck der Digitalisierung drängt zum Umdenken. Die großen berufen sich auf ihre Tradition oder geben dem Druck nach, indem sie 'Imprints' entwerfen, die gegenüber dem Selfpublishing Zugeständnisse machen. Wirklich junge unabhängige Verlage habens schwer. In so einer Situation kommt nun einer der wohl etabliertesten gut bürgerlich bis literarischen Verlage und gründet ein neues Tochterunternehmen. Ein ganz klassisches Verlagshaus mit handverlesenen Titeln, die allesamt in gebundener Form erscheinen. Statt einer ausgeklügelten Konzeptidee erklärt die Presseabteilung des Hoffmann und Campe Verlags das neue Label Atlantik lediglich anekdotisch damit, dass Hoffmann und Campe Bücher macht, die man siezen möchte, während die Titel von Atlantik einem sofort das Du anbieten. In anderen Worten, sie wollen Bücher machen, die zu Freunde werden.

Eine zauberhafte Geschichte von Freundschaft und Liebe, Schein und Sein

Dazu gehört auch, dass in der Verlagsvorschau die Lieblingsbücher des Atlantik-Teams vorgestellt werden. Ein Titel allerdings benötigt diese persönliche Werbung nicht und hätte sie doch verdient. "Im ersten Augenblick" von Grégoire  Delacourt ist nämlich viel mehr als ein Buch, das Scarlett Johansson verbieten wollte. Und überhaupt, wieso wollte sie das eigentlich? Man darf spekulieren, aber das verschiebe ich auf später; jetzt geht es erst einmal um das Buch.

Eines morgens öffnet der junge Automechaniker Arthur Dreyfuss - der übrigens aussieht wie Ryan Gosling, nur besser - einem Mädchen die Tür, das aussieht wie Scarlett Johannsson. Sie wolle ein paar Tage Ruhe vor der Presse haben, erklärt sie mit falschem amerikanischem Akzent und mehr braucht es nicht, um Arthur dazu zu bringen, sein Schlafzimmer für sie zu räumen. Dann werden die beiden ganz schnell die besten Freunde. Arthur bekommt eine Woche frei als sein Chef ihn mit "Angelina Jolie" sieht und so können sie daheim ausgiebig teuren Café trinken, Filme ansehen und Käse-Makkeroni essen. Aber, apropos Käse-Makkeroni, Arthur ahnt plötzlich, dass etwas nicht so ist wie es scheint, denn im Film hat Scarlett nie diese kleine donatförmige Erhebung um den Bauchnabel. Nach kurzer Recherche steht fest, dass das hier tatsächlich gar nicht Scarlett sein kann, die nämlich derzeit an einem ganz anderen Ort weilt. 

Arthur und Janine und Scarlett

Arthur ist nicht lang erschüttert als ihm seine Schöne gesteht, dass sie eigentlich Janine Foucamprez heißt und als Double-Model der b-Klasse arbeitet. Irgendwie hat er ja jetzt beides - ein einfaches Mädchen vom Lande und eine hinreißende Schauspielerin an seiner Seite. So beginnt eine zarte Liebe zwischen den beiden, die beinahe Janines Kampf um Individualität und Anerkennung ihrer ganz eigenen Persönlichkeit hätte beenden können. Wenn da nicht immernoch dieses Bild von Scarlett Johannsson gewesen wäre. 

Wer entscheidet, wer das Original ist?

Jetzt muss ich schließlich doch zu der Rechtsstreitigkeit zurückkommen, denn natürlich habe ich mich ausführlich gefragt, warum Scarlett Johansson einen so bezaubernden Roman verbieten wollte. Es kann natürlich sein, dass sie ihn gar nicht gelesen hat. Interessanter ist aber eine andere Interpretation. Delacourt wirft ja in seinem Roman mit Namen vieler Schauspieler um sich. Nie sind damit aber Persönlichkeiten verbunden. Darum konnte das Buch wohl auch nicht verboten werden, denn über Scarlett Johanssons Persönlichkeit sagt es eigentlich gar nichts aus. Die Schauspieler werden im Gegenteil zu nahezu austauschbaren Bildern einer Scheinwelt. Sie fügen sich wie Abziehbilder in die Realität der Romanfiguren. Die Originale aber sind die Arthurs und Janines dieser Welt - Menschen mit einer wenig idealen Geschichte und mächtig vielen Sorgen und Nöten. 

Die verlorene Persönlichkeit

Unter diesem Blickwinkel erscheint Johanssons Klage plötzlich in einem anderen Licht. Indem sie ihre Persönlichkeit verletzt sieht, weist sie eigentlich die Öffentlichkeit darauf hin, dass sie eine hat. Sie möchte mehr sein als die Hülle einer Janine Foucamprez, als etwas eigenes gesehen werden - genauso wie auch Janine im Roman. Es wäre zynisch zu behaupten, dass sie zum ersten Mal im Leben dafür einstehen muss, als sie selbst wahrgenommen zu werden. Denn sicher passt auch bei ihr das Bild der Leinwandschönheit und der Privatperson nicht immer so richtig zusammen. Und sicher gibt es Männer, die in ihr wenig mehr als den schönsten Busen Hollywoods 20xx sehen - genau wie übrigens auch in Janine Foucamprez.

Ich mag es, wie hier der Roman zunächst die Realität auf den Kopf zu stellen scheint und dann die Realität ihm doch wieder Recht gibt. Das macht aus dem ganzen Streit viel mehr als einen schnöden Literaturskandal. Darüber hinaus hat der Roman jede Aufmerksamkeit verdient, ist er doch wie eine sanfte Mischung aus dem Film "Amélie Poulin" und den Werken Heinz Strunks - eine sehr literarische und doch ehrliche Darstellung des Lebens als "Original".

Übrigens habe ich gerade gelesen, dass Scarlett Johansson schwanger ist. Ich wünsche ihr, dass ihr Kind ein solches Leben als Original führen darf und nicht zum Abziehbild ihrer selbst wird.

Grégoire Delacourt: Im ersten Augenblick. Atlantik-Verlag  2013. ISBN 978-3-455-600001-8. Gebunden 17,99€.

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