Belletristik-Rezension: Taiye Selasis "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" ist zwar nicht schlecht, aber richtig gut ist dieser Roman auch nicht

Taiye Selasis Roman "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" wurde im letzten Jahr so hoch gelobt, dass einem vor dem Lesen vielleicht schon klar sein sollte, das die Messlatte zu hoch gelegt sein könnte. Man sprach von einem Generationenroman. Eine prototypische afroamerikanische Familiengeschichte sollte eingefangen worden sein. Ein kosmopolitisches Meisterwerk. Tatsächlich ist es ein solider Erstling, der den Finger oft ziemlich genau in einen gesellschaftlichen Problemherd legt. Doch wenn man diesen Roman zufällig parallel zu der unaufgeregten finnischen Familiengeschichte Wahr von Riikka Pulkkinen liest, den ich hier vor kurzem besprochen habe, treten plötzlich die Schwächen von Selasis Werk ganz deutlich hervor. Die Figuren werden viel zu sehr mit Problemen aufgeladen, die sie dann auf viel zu oberflächliche Weise zu bewältigen versuchen. Dabei verkommen die Charaktere zu jammernden kleinen Jungs und Mädchen, die so gerne zu amerikanischen Prinzen und Prinzessin werden wollten.



Ein Tod, der eine Familie wieder zusammen bringen könnte

Ganz ähnlich wie Riikka Pulkkinen, bildet auch Taiye Selasi das Leben angesichts eines alles überschattenden Todes ab. Es ist der erst 54-jährige Nigerianische Familienvater Kweku der eines morgens plötzlich an einem Herzinfarkt stirbt. Der hochgelobte Chirurg versäumt es, sich selbst zu retten, seine junge und leicht einfältige Sekretärinnenfrau Ama verschläft sein Leiden einfach. Doch sein Tod passiert auf friedvolle Weise; seine letzten Gedanken gelten seiner ersten Familie. Er denkt zurück an seine starke Frau, die das eigene Jurastudium für seine Karriere aufgab. Er denkt an seinen ältesten Sohn Olu, der ihm so ähnlich ist und an seine Zwillingskinder Taiwo und Kehinde, die ihm und der ganzen Welt fremd zu sein scheinen. Und er denkt an das letzte seiner Kinder, Sadie, die beinahe bei ihrer Geburt gestorben wäre. Er denkt an seine Karriere als Chirurg und seinen plötzlichen Rausschmiss aus rassistischen Gründen. Dass er es nicht schaffen konnte, mit seiner Familie ein amerikanisches Leben aufzubauen und sie statt dessen aus Scham über die Entlassung zurückließ, scheint ihn eher zu verwundern als zu ärgern.

Eine afroamerikanische Familie, die in Trennung lebt

Der Tod des Vaters schafft es tatsächlich, die in alle Winde zersteuten Kinder zu berühren. Nach und nach werden sie alle dem Leser vorgstellt, bevor sie den Weg zurück nach Nigeria finden, ein Land, das sie kaum kennen, in dem ihre ghanaische Mutter seit nicht allzu langer Zeit lebt und in dem ihr Vater geboren und gestorben ist. Der älteste Sohn ist heute Chirurg wie sein Vater, erfolgreich wie sein Vater, gutaussehend wie sein Vater. Er ist mit seiner Jugendfreundin verheiratet. Sie Asiatin, er Afroamerikaner verkörpern sie ein seltsam leidenschaftsloses aber doch kulturübergreifendes Paar. Die Zwillinge haben sich voneinander gelöst. Das Mädchen studiert Jura und verwirklicht so die Karriere ihrer Mutter. Sie führt eine Beziehung zu einem viel älteren und verheirateten Mann. Und sie ist geradezu überirdisch schön. Der Junge ist berühmter, suizidal veranlagter Künstler, der heimlich in seine Schwester verliebt ist und unter der Trennung von ihr leidet. Auch er ist unnatürlich schön. Die Jüngste, die nach wie vor Baby genannt wird, studiert ebenfalls. Außerdem ist sie Bulimikerin und lesbisch und leidet sehr darunter, nicht so schön wie ihre Geschwister zu sein. Familie, das ist für sie die Verwandtschaft ihrer besten Freundin; ein Verbund, in dem man zusammen ist und liebt und streitet und so. Und dann ist da noch die Mutter in Nigeria. Königinnengleich und mystisch als Zwillingsmutter überhöht, schwebt sie über allem. Gleichzeitig Herzlichkeit vortäuschend und kalt, gelingt es ihr nicht, ihre Kinder wirklich zu verstehen.

Eine Beerdigung und Back to the Roots

Sie alle treffen sich wieder in Afrika, der Wiege ihrer Familie. Und siehe da, plötzlich wird ein erstaunlicher Prozess der Selbstfindung und Traumaverarbeitung ausgelöst. Der Erstgeborene erkennt, dass er nicht immer nur rational sein möchte. Die Zwillinge gestehen ihreR Mutter endlich, dass sie als Kinder von ihrem Onkel missbraucht wurden. Das Baby erkennt die eigenen von sich selbst so ungeliebten Züge in ihrer Tante wieder. In einem intuitiven afrikanischen Tanz scheint sie endlich zu begreifen, was sie ist und warum sie so ist wie sie ist. Am Ende umarmt Queen Mum die neue Frau ihrer großen Liebe und alle geben dem Vater gemeinsam den letzten Seegen.

Dieser Familienroman verdichtet zwar, erscheint aber trotzdem noch lange nicht dicht

Ihr habt sicher schon an meinem Tonfall gemerkt, dass dieses Buch mich nicht wirklich begeistern konnte. Taiye Selasi hat ihren Figuren viel zu viele Probleme auf einmal aufgeladen, um diesen tiefgründig nachgehen zu können. Stattdessen wird die Gegenwart der Figuren viel zu oft und viel zu schnell auf Äußerlichkeiten reduziert. Es geht um Erfolg, um Leistung und immer wieder um Schönheit. Wenn eine Figur mal nicht unter ihrem guten Aussehen leidet, dann leidet sie daran, dass sie nicht gut genug aussieht. Diese Überhöhung des Äußerlichen lässt den Roman in einen für amerikanische Familiengeschichten nicht untypischen Kitsch abgleiten. Auf der afrikanischen Seite der Geschichte lässt zwar der Kitschfaktor nach, dafür spart die Autorin aber leider nicht mit pathetischer Aufladung. Das ist schade, denn hätte Taiye Selasi ein paar Problematiken weniger eingeführt und diese ein bisschen genauer hinterfragt und ihnen eine etwas tiefere Wahrheit gegeben, so hätte Diese Dinge geschehen nicht einfach so wirklich zu einem prototypischen Familienroman afroamerikanischer Lebenswirklichkeiten werden können.  

Selasi, Taiye: Diese Dinge geschehen nicht einfach so. S. Fischer Verlag 2013. ISBN: 3100725255. 22,99 €.

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