Belletristik-Rezension: Meinrad Brauns "Gabun" ist ein aberwitziger Roman über einen verweichlichten Opportunisten

Gabun von Meinrad Braun ist definitiv eines der ungewöhnlichsten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Es verbindet einen aberwitzigen Plot mit einem nicht unsympathischen Protagonisten und einer exotischen Szenerie. Wovon es eigentlich handelt, kann man gar nicht so richtig sagen, aber es ist definitv eine abwechslungsreiche und amüsante Lektüre.



Ein Loser bekommt eine Chance

Der Protagonist Bernd ist im Grunde genommen ein klassisches Beispiel für den überqualifizierten Ausschuss unserer Gesellschaft. Ein Biologe, der sich auf Insekten spezialisiert hat. Seine Doktorarbeit über Ameisen hat er nie abgeschlossen. Statt dessen wurde er von seiner Freundin dazu gebracht, einen Brotjob in dem Hotel anzunehmen, in dem sie selbst einen leitenden Posten hat. Als er aber diesen Job verliert und lange nichts Neues findet, wirft sie ihn hinaus. Was ihm bleibt, ist nur sein Auto, das ihm nun wenigstens Obdach bietet. Was macht also ein Ameisenforscher in so einer Situation? Er nimmt einen Job auf dem Schrottplatz an. Schrott gibt es schließlich immer und entsorgt werden muss dieser auch immer. Eher ungewöhnlich ist dann der Zufall, dass der Protagonist hier "entdeckt" wird. Ein Mann, der nur ab und zu auf dem Platz arbeitet, fragt ihn, ob er - als Biologe - nicht einen Job für ein neues Hotelprojekt im afrikanischen Gabun annehmen möchte. Und da unser Protagonist eigentlich immer alles mitmacht, was man ihm sagt, nimmt er das Angebot natürlich an.

Luxustourismus und Gorillas ohne Nebel

Man macht sich also auf zu einer unfertigen Bungalowanlage. Außer unserem Insektenforscher sind noch weitere Kollegen von ihm vor Ort, die sich auf für Safaritourismus etwas naheliegendere Spezies konzentrieren, wie zum Beispiel Gorillas. Außerdem gibt es einen Koch und ein wunderschönes Mädchen, von dem keiner weiß, was sie eigentlich in dem Projekt für einen Posten hat. Mit Chef und Manager sind also etwa sechs Leute dort und diese haben sich in Vollzeit um zwei reiche Touisten zu kümmern, die unbedingt Gorillas sehen möchten. Vorher aber müssen die Safariunterkünfte auf der Route gebaut und getestet werden. Eine ideale Aufgabe für unseren Ameisenforscher? Nun ja, er ist ja nicht gerade das, was man als mutig bezeichnen würde. Und so macht ihm jedes Insekt, das größer als eine Ameise ist, irgendwie Angst. Trotzdem schafft er es, sich des nachts zum Toilettenverschlag aufzumachen und hier trifft er zum ersten Mal auf einen denkwürdigen Beschützer. Es handelt sich um einen alten Pygmäen, der gelinde Ähnlichkeit mit einem Mann hat, der Bernd schon in der Nähe des Flughafens auffiel. Doch das markanteste an dem Mann ist eigentlich ein verwesender Affenschädel, der um seinen Hals hängt und der bald Bernds ständiger Begleiter sein wird.

Ihr merkt schon, wenn ich weiter fortfahren würde, die Handlung des Romans zusammen zu fassen, wärt ihr Morgen noch damit beschäftigt, diesen Artikel zu lesen. Darum sei hier nicht mehr verraten, als dass Gorillas gesichtet werden, ein Nilpferd erschossen, ein Diamantenhändler kennengelernt und ein neuer Job angenommen wird. Plötzlich findet sich Bernd mit einem kaputten Flugzeug, seiner wunderschönen Kollegin und einem Affenschädel voller Diamanten im Dschungel wieder. Wieder treffen sie auf Pygmäen, dann auf Banditen, dann auf den Diamantenhändler und schließlich auf eine Armee von - ja, hier hilft einem Expertenwissen dann tatsächlich mal weiter - Wanderameisen. Weiter geht es auf verschlungenen Wegen Richtung Heimat, in der Bernd dann tatsächlich auch, um viele Erfahrungen aber nicht einen Cent reicher, ankommt.

Vom Lebensentwurf zur Überlebensfähigkeit

Ich habe mich lange gefragt, was Meinrad Braun seinen Lesern wohl mit dieser geradezu hanebüchenen Geschichte sagen möchte. Oder anders herum gefragt, was hat ihn an dieser Geschichte wohl selbst fasziniert. Natürlich ist der Roman witzig und der Leser trifft auf zahlreiche überspitzte Charaktere und Situationen, die Phänomene unserer Wohlstandsgesellschaft ins Visier nehmen. So sind zum Beispiel die reichen amerikanischen Touristen herrlich pointiert dargestellt. Doch der eigentliche Kern dieser Abenteuergeschichte war für mich am Ende die Frage, wie hochqualifizierte, wohlstandsverweichlichte junge Opportunisten wohl reagieren, wenn sie mit Situationen konfrontiert werden, in denen das nackte Überleben auf dem Spiel steht. Interessanterweise beantwortet Meinrad Braun diese Frage nicht mit dem vorzeitigen Tod des Protagonisten. Nein, Bernd schummelt sich irgendwie so durch. Am Ende wird klar, dass er immer gleich reagiert, egal, ob er im Großstadt- und Karrieredschungel in Berlin unterwegs ist oder im afrikanischen Urwald. Bernd schlüpft durch die Wege des geringsten Widerstandes und erreicht am Ende gar nichts - bis auf dass er am Leben bleibt. So ist Gabun wohl am ehesten ein Roman über Orientierungslosigkeit und Verweichlichung. Amüsant ist das für den Leser auf jeden Fall, einen wirklich nachhaltig bleibenden Eindruck schafft der Roman damit allerdings nicht unbedingt.


Braun, Meinrad: Gabun. Emmons Verlag 2013. ISBN: 978-3-95451-137-2. 14,95 €.

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