Beinahe eine Krimi-Rezension zu Koma von Jo Nesbö

Was schreibt man über ein Buch, das schon x-fach rezensiert wurde? Ein Buch von einem etablierten norwegischen Krimiautor über den wohl literarisch etabliertesten norwegischen Kommissar Harry Hole? Wahrscheinlich würde es reichen, euch zu sagen, dass dieser Krimi die Erwartungen erfüllt, die er hervorgerufen hat. Ja, es lohnt sich Koma zu lesen - definitiv. Doch gerade im Vergleich zum Vorgänger die Larve fällt der neue Jo Nesbö dann doch etwas ab und so möchte ich heute statt eine klassische Rezension (sehr schön hier zu lesen oder tolles Podcast hier) zu schreiben - für alle, die spoilerempfindlich sind, ab hier gehts los und hört nicht mehr auf - lieber der Frage nachgehen, ob Harry Hole nicht doch besser hätte sterben sollen.

 Um eines gleich von vorneherein klar zu stellen: Ich liebe Harry Hole. Und wer Harry Hole liebt, will natürlih irgendwie nicht, dass er stirbt. Ich fand es bisher auch klasse, wie Jo Nesbö seinen Helden jedesmal mit einer weiteren Narbe davon kommen lässt. Der Coup mit Harry Holes Tod am Ende der Larve war einfach großartig - man soll gehen, wenn es am Schönsten ist! Wenn man mich fragt, war dieser Zenit mit dem letzten Fall Holes definitiv erreicht.

Mit seinem Erstkommissar wachsen

Betrachtet man mal die gesamte Harry Hole Reihe etwas genauer, so kommt man schnell auf den Gedanken, dass Jo Nesbö offen gesagt nicht gerade zu den Meistern gehört, die vom Himmel fallen. Der erste Harry Hole Roman, den ich gelesen habe (das fünfte Zeichen), war zwar ein solider Skandinavienkrimi, aber er hat mich nicht im Geringsten dazu gebracht, den nächsten Teil der Reihe lesen zu wollen. Harry Hole war damals noch ein typisch behäbig-alkoholisierter Durchschnittskommissar und seine Gegner Gelegenheitsmörder und Einzeltäter. Doch dann viel mir einige Jahre später erneut ein Harry Hole Krimi in die Hände und siehe da, der Kommissar war in Amerika zur Weiterbildung gewesen und sein Autor anscheinend gleich mit ihm. Gemeinsam haben sie sich zu Spezialisten für Serienmorde ausbilden lassen und so entstand nach und nach der Nesbö inzwischen so eigene Stilmix aus skandinavischer Krimitradition und amerikanischem Thriller.

Überleben wird nur im Angesichts des Todes spannend

Von diesem Band - ich glaube es war der Schneemann - an, ging es für mein Empfinden immer weiter nach oben mit Harry Hole. Die Gefahren wurden immer brenzliger und jedesmal war es etwas schwieriger, ihn am Anfang aus den drogensümpfen des fernen Ostens zurück nach Oslo zu bekommen. Ach, und natürlich wurde seine Liebe zu Rahel und Oleg immer stärker, die Gefahr, die er über sie brachte immer dramatischer. Und wie gesagt zierte jedesmal eine noch größere Narbe sein verunstaltetes Gesicht. Doch Harry ist nicht Wolverine und irgendwann musste es soweit kommen, dass eine Verletzung nicht schnell genug heilt. Bis zum letzten Moment der Larve hat man ja gehofft, dass dieser Held unsterblich ist. Doch, seien wir einmal ehrlich, die Spannung rührte eigentlich genau daher, dass wir wussten, dass Harry sterben kann. Wer (außer John Watson) hätte schon um Sherlock Holmes getrauert, wenn er gewusst hätte, dass er nach nur zwei Jahren wieder auferstehen würde?

Mal etwas anderes machen

Nun kann ich natürlich irgendwie verstehen, dass Jo Nesbö seine Goldmarie nicht einfach so loslassen wollte. So viele Leser haben, wie ich ja auch, auf den neuen Hole gewartet, voll Hoffnung, dass er überlebt. Ich wette die Verkaufszahlen waren mehr als nur okay. Trotzdem fürchte ich, dass Nesbö nun den Weg aller Krimiauroen gehen wird, die nie etwas anderes gemacht haben, als an ihrer Erfolgsserie festzuhalten. Bereits in Koma wirkten die plötzlichen Wendungen etwas weniger plötzlich, das Spiel zwischen Mörder und Polizist war einem bereits etwas zu bekannt und natürlich war einem klar, dass Harry nicht zu Hause sitzen bleiben wird und die Hände in den Schoß legen (das wäre wirklich mal eine überraschende Wendung...). Wieso also nicht einfach mal etwas Neues wagen, Herr Nesbö? Mal einen neuen Kommissar erfinden oder eine Kommissarin, mal etwas aus den strategischen Bahnen austreten, die Sie nun ja bestens beherrschen. Sie hätten doch einfach mal in Richtung "Autor, der mehr kann als Harry Hole" aufbrechen können. Muss ja nicht gleich ein Mankell'scher Afrikaroman sein. Denn selbst eingefleischte Fans einer Krimiserie schaffen doch gar nicht alle Wallanders, alle Erlendurs, alle Becks, alle Tony Hills, alle... Ich verrate Ihnen Eines: der plötzliche Tod hätte Ihren Harry unsterblich gemacht. Jetzt aber wird er den Weg so vieler Kriminalkommissare gehen - er wird erst immer vorhersehbarer werden und schließlich aus der Hall of Fame der verschwobenen Helden verschwinden.

Der Kommissar ist tot, es lebe der Kommissar?

Ist die literarische Krimiwelt wirklich so grausam? brauchen wir immer neue Kommissare, um die Spannung aufrecht zu erhalten? Ja, einerseits, denn schauen wir uns das Genre mal ohne rosarote Brille an, sehen wir, dass wir es immer mit der gleichen Art Plot zu tun haben. Es gbt ein paar Variationen, eine paar regionale Unterschiede, aber das Gerüst ist immer gleich. Spannend wird das Ganze dann für mich erst, wenn ich nicht genau weiß, wie der Kommissar sich verhalten wird, wie das Zusammenspiel von Jäger und Gejagtem sich gestaltet. Kenne ich einen Kommissar zu gut, so bleibt die Spannung aus. Und trotzdem will ich nicht sagen, dass Harry wirklich hätte sterben müssen. Natürlich hätte Nesbö ihn wieder auferstehen lassen können. Aber nicht jetzt, nicht ohne vorher etwas Anderes probiert zu haben. Ich bin mir sicher, wenn Harry etwas länger Ruhe gehabt hätte, die Narben etwas mehr verblasst wären, ein paar neue Verhaltensweisen aufgetaucht wären, dann hätte er uns vielleicht noch überraschen können. So werde ich erst einmal aus dieser Serie aussteigen und mich nach einem anderen Autoren umsehen. Wie so oft.

Nesbö, Jo: Koma. Ullstein Verlag 2013. ISBN: 9783550080135. 22,99 €.

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