Belletristik-Rezension: So farb- und spannungslos hatte ich mir Herman Kochs "Odessa Star" nun wirklich nicht vorgestellt...

Herman Kochs "Odessa Star" ist der dritte Teil einer lose thematisch verbundenen Romanstudie über die Abgründe des Spießbürgers. Konnte er mit seinem Erstling "Angerichtet" noch durch unerwartete Wendungen überraschen und einen langen Nachhall bei seinen Lesern hinterlassen, so bleibt von "Odessa Star" nur ein schaler Nachgeschmack. Der Roman bietet seinen Lesern zu wenig Orientierung und zu viele  Umbrüche. Am Ende sind dann so viele Figuren böse, dass es beinahe schon zum Gutmenschentum dazu zu gehören scheint.




Das Spiel mit dem Feuer

Eine seltsame und nie genau ausdefinierte Freundschaft verbindet den Protagonisten Fred mit seinem Schulfreund Max, bevor er beschließt, seinen Freundeskreis zu wechseln und ein neuer Mensch zu werden. Alles, was der Leser über diese Freundschaft zu wissen bekommt, ist, dass sie von Fred ausgeht und auch wieder beendet wird, und dass Max' aggressive Katze dabei eine große Rolle spielt. Nach vielen Jahren ist Fred in seinem neuen Freundeskreis angekommen. Er ist jetzt ein Spießer par Excellence geworden und hat damit nur wenig erreicht. Sein Job ist eintönig, sein Zuhause wird ihm dadurch verleidet, dass in der Erdgeschosswohnung eine alte Dame für einen mysteriösen bestialischen Geruch sorgt, der bald auch an Fred haften bleibt. Seine Frau und sein Sohn sind ihm fremd geworden, die übrige Familie war ihm schon immer suspekt. In dieser Lebenssituation trifft er erneut auf Max.

Eine niederländische Mafia-Geschichte?

In den Beschreibungen zu Herman Kochs neuem Roman heißt es meist, dass Max das niederländische Äquivalent eines Mafioso geworden sei. Das klingt nach Spannung und Action und sorgt sicher für bessere Verkaufszaheln. Wer allerdings einen Mafia-Thriller erwartet, muss eindeutig enttäuscht werden, denn auch was Max angeht, bleibt Koch in seinen Beschreibungen wieder vage. Klar ist nur, dass Max sich gerne mit vielen schönen Frauen umgibt und selten ohne Richard gesehen wird. Richard ist groß, stark und sieht unheimlich aus. Er ist nie unbewaffnet und arbeitet wohl als Max' Chefproblemlöser. Denn kaum hat Fred seine Freundschaft zu Max wieder aufgenommen - oder vielleicht eher aufgezwungen - lösen sich dessen Probleme plötzlich durch Fingerzeig. Erst wird ein verhasster Französischlehrer tot aufgefunden, dann verschwindet die Mieterin aus dem Erdgeschoss spurlos und schließlich passiert das gleiche mit Freds Schwager. Doch natürlich bleiben Max' Dienstleistungen nicht lange ohne Erwatung einer Gegenleistung. Dies ist dann der Punkt, an dem Fred erneut beschließt, die Freundschaft zu Max zu beenden. Am Ende hält einer der beiden Freunde dann eine Rede am Grab des anderen, während dessen Frau aufmerksam beobachtet, ob alles zu ihrer Zufriedenheit läuft.

Zu viele Andeutungen, zu wenig Farbe

Zugegeben, in "Odessa Star" verarbeitet Herman Koch wieder viele interessante Gedanken. Er geht der Frage nach, was passiert, wenn ein Mensch sich für ein Leben entscheidet, das ihn langweilt; er fragt danach, ob es so etwas wie eine Veranlagung zum Bösen gibt und ob man dieser ausweichen kann; er stellt Zwischenmenschliche Beziehungen schonungslos in Frage. Doch all das hat er bereits in "Angerichtet" getan und zwar auf sehr viel radikalere Weise. Führte er damals seine Leser so nah an die Figuren heran, dass das ganze Ausmaß der Abgründigkeit plötzlich in schillernden Farben vor einem stand, so lässt er in "Odessa Star" alles so vage, dass es einem kaum nahe geht. Der Protagonist ist noch nicht einmal zu Anfang liebenswert und bietet nicht den geringsten Ansatzpunkt für eine Identifikation. Auch die Bösewichte Max und Richard bleiben einem so fern, dass man sie kaum erkennen kann. Und so wie zwei Männer noch keine Mafia bilden, so wird ein Roman mit Bösewichten und unsichtbaren Leichen noch nicht zu einem Thriller. Herman Kochs "Odessa Star" hat mich leider sehr enttäuscht.

Koch, Herman: Odessa Star. KiWi 2013. ISBN: 978-3-462-30723-8. 17,99 € 

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