Belletristik-Rezension: Daniel Kehlmanns "F" - wie famos!

Ein Vater verlässt seine drei Kinder, nachdem er mit ihnen in der Vorstellung eines Hypnotiseurs war. Sie wachsen zu ganz normalen Täuschern heran. Doch eines Tages geschieht ein Mord, den nur höhere Mächte hätten verhindern können - wenn sie es nicht vermasselt hätten. Der neue Kehlmann ist ein wahres Feuerwerk des Erzählens. Endlich scheint der Autor vom eigenen Ruhm nicht mehr verwirrt zu sein und sich wieder auf den Spaß an ungewöhnlichen Geschichten konzentrieren zu können. "F" ist ein wunderbarer Roman voll feiner Ironie und Fragen danach, warum das Leben eigentlich so spielt wie es eben spielt.


Was ist Magie

Wer das Werk Daniel Kehlmanns im Ganzen kennt, weiß, dass eines seiner Grundmotive die Magie des Erzählens ist. Dabei ist es nie einfach nur das Erzählen einer Geschichte, sondern dehnt sich auf alle Bereiche des Lebens und der Kunst aus. Kehlmann fragt gerne danach, was Illusion ist und was echt, wieviel Echtes in der Illusion steckt und wie viel Illusion im Echten. Auch in "F" lässt er mit der Person des Hypnotiseurs einmal wieder eine Figur auf der Bühne seiner fiktiven Welt auftreten, die die Grenzen von Illusion und Realität verwischen lässt. Mit seiner Kunst bringt er einen Familienvater dazu, seine drei Söhne an der Straße stehen zu lassen und in ein neues Leben zu fliehen. Er verwirklicht eine Karriere als Schriftsteller - erfolgreich aber eigentlich nur mittelmäßig gut. Ob es aber Magie ist, die ihn dazu bewegt, oder ob nur ein innerer Drang ausgelöst wurde, bleibt offen. Als einer der Söhne viel später den Hypnotiseur darauf anspricht, ob er wirklich das Leben eines Menschen komplett ändern könne, erwidert dieser trocken "das kann jeder".

Was ist Fiktion

Die drei Söhne, um die es in diesem Roman eigentlich geht, werden später alle selber zu Illusionskünstlern. Sie täuschen die Menschen um sich herum, weil sie gut in etwas sind und nur nicht daran glauben oder weil sie schlecht in etwas sind und alle glauben machen wollen, sie seien es nicht. Martin, der älteste, ist ein begabter Priester, der hofft, dass sein einziger Makel (der mangelnde Glaube an Gott) vor der Welt verborgen bleibt. Eric wird zu einem recht anerkannten Maler, der seine Bilder vermarktet, indem er sie als die seines Freundes ausgibt. Er glaubt nicht daran, dass seine Kunst ohne den Medienrummel, dem er selbst sich nicht stellen will,  wirken kann. Iwan schließlich schiebt als Banker auf den Konten seiner Kunden so lange Gelder hin und her, bis seine Schulden so hoch sind, dass er sie nicht mehr lange verbergen kann. Als die Finanzkrise ihn rettet, wird er frommer als sein großer Bruder es je sein könnte. Jeder der Drei verbirgt ein echtes Leben im Falschen. Doch am Ende verwischen auch hier die Grenzen und die Frage danach, was eigentlich echt und was vorgetäuscht ist, bleibt im Raum stehen.

Was sind gute Geister

Ebenfalls nicht untypisch für Daniel Kehlmann ist die Einführung einer zweiten Daseinsebene, zu der die Figuren mehr oder weniger großen Zugang haben. Er lässt Wesen auftreten, die die Zwillinge Eric und Iwan vor etwas warnen wollen. Der Banker Iwan, dem das Bewusstsein darüber, bald alles zu verlieren am meisten zusetzt, ist am empfänglchsten für ihre Botschaften. Ihn ziehen diese Geister so sehr in ihren Bann, dass er in ihre Welt abzudriften droht. Doch erst als sein Zwillingsbruder eines Tages überfallen wird, dämmert es dem Leser, dass diese Mächte sich geirrt haben. Sie wollten nicht Iwan vor sich selbst, sondern Eric vor seinen Angreifern retten. Sie haben - mit Thomas Rath gesprochen - versagt. Die Vorstellung, dass auch Schutzengel menschliche Inkompetenz zeigen könnten mag im ersten Moment ein Schmunzeln beim Leser auslösen. Im nächsten aber trifft ihn die beklemmende Erkenntnis, dass das nun endgültig heißen muss, dass wir in unserem Leben auf uns allein gestellt sind.   

Was ist das Leben

Und so spitzt sich der Roman letztendlich auf die zentrale Frage nach dem Leben selbst zu. Kehlmann zeigt, wie hauchdünn die Schicht sein kann, die wir Identität nennen. Ein kleiner Schubser von außen wie die Frage "willst du das eigentlich wirklich?" oder eine dumme Verwechslung kann alles durcheinander bringen. Ständig sind wir von Einflüssen umgeben, auf die wir reagieren müssen. Verwirklichen wir unsere Ideale, obwohl wir in dem, was wir tun möchten nur mittelmäßig sind, oder tun wir etwas, nur weil wir gut darin sind? Am Ende macht es keinen Unterschied. Alle von Kehlmann eingeführten Figuren wirken unabhängig von dem Leben, das sie führen, gehetzt, leicht zu verunsichern und gefangen zwischen Schein und Sein.

Ein melancholisch-witziger Roman

Das klingt nach einem melancholischen, ja eigentlich geradezu tragischen, Roman und irgendwie ist "F" das auch. Doch Kehlmann wäre nicht Kelhmann, wenn er nicht die Komik in der Absurdität des Lebens finden würde. Immer wieder lässt er Situationen ironisch brechen. So verschroben seine Charaktere auch sind, so sind sie auch in "F" wieder mit so vielen liebenswerten Eigenschaften versehen, dass man sie nicht allzu unsympatisch finden kann. Obwohl sie so ziemlich alles oder zumindest so grundsätzliche Dinge falsch machen, dass man sie auch nicht richtig mögen kann. Dieses Spannungsverhältnis ist es, dass es einem als Leser erlaubt, über das eigene Leben nachzudenken, über die Illusionen, die man selbst aufrecht erhält und darüber, welche Wahrheiten man eigentlich im Verborgenen halten möchte. Da ich fest davon überzeugt bin, dass Literatur dazu da ist, genau solche Fragen auszulösen, komme ich also zu dem Schluss, dass "F" Literatur ist, wie sie sein sollte. Das Beste daran: Es macht auch noch Spaß, diesen Roman zu lesen.

Kehlmann, Daniel: F. Rowohlt 2013. ISBN: 978-3-498-03544-0. Gebundene Ausgabe 22,95€

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4 Responses to Belletristik-Rezension: Daniel Kehlmanns "F" - wie famos!

  1. Eine tolle Rezension! Ich hatte Daniel Kehlmann mit seinem neuen Buch beim blauen Sofa gesehen und wurde neugierig. Aber mir hatte damals "Die Vermessung der Welt" nicht so zugesagt, deswegen schwanke ich noch.

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  2. Huhu,

    ich hatte das Buch nun schon mehrfach in der Hand und konnte mich einfach nicht durchringen es zu kaufen, weil ich mir so unsicher war. Nach deiner Rezension bin ich absolut davon überzeugt, dass das Buch etwas für mich ist. Ich werde es mir also doch zulegen =) Danke für den kleinen Stoß!

    LG
    Anja

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  3. Ich freue mich über eure positiven Kommentare - vielen Dank dafür! Ich bin gespannt, ob das Buch euch auch so gut gefällt wie mir.

    @Melissa Kennst du andere Werke Kehlmanns? "F" ist nämlich der Vermessung der Welt nicht sehr ähnlich. Es knüpft eher an seine frühe Art zu erzählen an und hat mich vom Stil her an "Ich und Kaminski" und "Beerholms Vorstellung" erinnert.

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  4. Schöne Rezension! Scheinbar hast du viel mehr aus „F“ herausfiltern können als ich :) Mir schien es oft nicht klar, worauf er hinaus wollte…Grüße

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