Artikel-Serie Teil 2: Die Geister, die wir riefen

Ganz anders als die der Schauerromantik, die ich im letzten Artikel dieser Serie betrachtet habe,  kommen die Geister der heutigen "Romatasy" daher. Stefanie Meyer hat's vorgemacht, viele andere folgten ihrem Beispiel. Denn sehen wir uns Edward und seine Familie oder auch Jacob, den Werwolf an, so erkennen wir schnell, dass hier eine Umkehrung stattfindet, die ich als Rückschritt in Richtung des mittelalterlichen Bildes von Dämonen mit einem Schuss "American Dream" sehe. Hier wird der Mensch nicht mehr unbefleckt geboren. Hier gibt es wieder eine klare Trennung der Guten und der Bösen Wesen. Böse Wesen sind z.B. Vampire oder Werwölfe (obwohl Letztere in einem Räuber und Gendarm Spiel wohl eher auf Seiten von Recht und Ordnung anzusiedeln sind, aber das ist ein anderes Thema). Sogar J.K Rowling hat in ihrer Harry Potter Serie ein paar Figuren diesen Typs eingebaut, wenn auch nur wenige. Die Geister werden in diesem Model gezähmt und dem Willen untergeordnet. Ist das nun ein Beitrag zur Willensfreiheit oder ein Rückschritt in Richtung des mittelalterlichen Weltbilds?

Böse geboren, zum Guten bekehrt


Wird ein Vampir geboren, so ist er in seiner ersten Zeit das grausamste Wesen, das ein Mensch sich vorstellen kann, das wissen wir alle spätestens seit der Twilight-Saga von Stephenie Meyer. Er mordet und plündert ohne Sinn und Verstand. Doch ist seine Seele darum verloren? Nein, weit gefehlt. Er kann ja nicht anders. Hat er aber diese erste Phase der Zerstörung hinter sich, so kann er sich entscheiden. Kraft seines Willens kann er immer noch zum Guten werden. Es erinnert irgendwie an die Idee der Bekehrung. Für alle langweiligen und gelangweilten Teenager-Mädchen dieser Welt, die sich in einen naturally bad boy verlieben, heißt das "keine Sorge, er kann immer noch zum Vegetarier werden". In Ordnung, ich schiebe meinen Zynismus mal beiseite und konzentriere mich wieder auf das Thema dieser Artikelserie - Geister.

Was bedeutet also diese Modell des schlecht geboren - gut geworden für Geister? Ich würde mal behaupten nichts Gutes. Geister sind unkontrollierbare, verrückte Wesen. Sie können in Menschen hineinfahren und von ihnen Besitz ergreifen. Sie können ihnen erscheinen und ihren Verstand durcheinanderbringen. Sie drängen ihren Wirten ihren eigenen Willen auf und sind nur durch deren Tod von ihnen abzubringen. Die Seele des Einzelnen mag dann befreit sein, doch sind die Geister darum gebannt? Nein, sie leben ewig und suchen sich einfach einen neuen Menschen, den sie vom rechten Wege abbringen können. Stephenie Meyer und der ganze ihr nahe stehende Zweig der Romantasy zämt die Geisterwelt, indem sie sie zu Spießbürgern machen. Auch das Böse dieser Erde kann sich in die Gesellschaft eingliedern, wenn es nur seine ganze Willenskraft darauf ausrichtet, der Norm zu entsprechen.

Das Böse als einen Teil seiner selbst akzeptieren

Eingangs habe ich erwähnt, dass es auch in der Harry Potter Serie Figuren gäbe, die zum Bösen geboren und dann gut geworden sind. Das muss ich an dieser stelle nun etwas relativieren, indem ich ein Beispiel genauer anschaue - Professor Lupin. Ein hervorragendes Beispiel, da er als Werwolf genau parallel mit der Figur des Jacob betrachtet werden kann. Mal ganz abgesehen davon, dass Lupin nicht heiß (im Sinne von erhöhter Körpertemperatur, versteht sich) und durchtrainiert ist, geht er auch etwas anders mit seinem Dasein als Werwolf um. Er nimmt Medikamente, er hält sich von Menschen fern, die er gern hat, sobald er seine Verwandlung spürt. Er ist sich bewusst, dass er seine dunkle Seite nicht gänzlich kontrollieren kann und er versucht auch nicht, sie zum Guten umzuleiten. Er ist ein ruhiger, nachdenklicher und zurückgezogener Mensch und spielt nicht gerne den Helden. Der grundlegende Unterschied ist also eine nachdenkliche Akzeptanz böser Seiten in einem Menschen. Eine vollkommene Beherrschung dieser findet nicht statt.

Freiheit dem Geiste

Vielleicht konntet ihr merken, dass ich kein besonders eingefleischter Fan von Romantasy und romantic Horror bin. Zu eindimensional erscheint mir die erneute Frontenbildung von Gut und Böse. Mir fehlt der Kampf, der in einem Inneren ablaufen kann, wenn Gut und Böse sich mehr oder weiger bewusst treffen. Dieser Kampf wird von J.K. Rowling eher gezeigt als von Stephenie Meyer, die ihre Helden als Ergebnis eines Willensakt zeigt, von dem der Leser icht viel mitbekommt. Ich kann nicht anders, als hier einen Rückschritt in die Mittelalterlichkeit wie einen zu schrillen Schrei, wie Nägel auf der Schultafel oder schiefe Töne wahrzunehmen, die geradezu körperliche Schmerzen auslösen. Hier wird kein freier Wille gezeigt, der bewusste Entscheidungen trifft, sondern hier werden Normen erfüllt. Der Wille ist also eher der Wunsch nach gesellschaftlicher Akzeptanz. Da bald Halloween ist, kann ich dazu nur sagen: Lasst die Geister wieder frei, die guten und die bösen, die inneren und die äußeren - zumindest in der Literatur!

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