Belletristik-Rezension: Ist Uwe Timm mit "Vogelweide" in der Altherrenriege angekommen?

Man kennt das inzwischen. Schriftsteller werden älter, das Thema der Liebe aber nicht weniger drängend und so landen sie schnell neben Martin Walser in der Altherrenriege der deutschen Literatur. Der Klappentext zu Uwe Timms neuem Roman liest sich genau wie eine Mischung aus Henning Mankells "Die italienischen Schuhe" und dem oben beschriebenen typischen literarischen Altherrenszenario. Ein in die Jahre gekommener Mann lebt auf einer einsamen Insel, wo er sich Gedanken über das Begehren macht. Dann kündigt sich auch noch seine große unglückliche Liebe als Spontanbesuch an. Doch irgendwie gelingt es Uwe Timm mit diesem feinen Hauch von Nichts als Handlung, einen Roman zu erzählen, der in seiner Sprachmacht so faszinierend ist, dass man sich nicht mehr davon lösen kann. Und mit Erleichterung stelle ich fest, dass dieser grandiose Wortkünstler mit seinen Ideen noch lange nicht zum alten Eisen gehört.


Ein einsamer alter Mann

Protagonist von Uwe Timms neuem Roman ist ein Mann, der sich nach einem erfolgreichen Leben als Leiter einer Softwarefirma und einem weniger glamourösem Dasein als Forschungsassistent zum Thema Begehren, nach einem gescheiterten Versuch zum Familienvater zu werden und einer ebenso gescheiterten wenn auch viel offeneren Beziehung auf eine einsame Insel an der Elbmündung zurückzieht, um dort die Vögel zu beaufsichtigen. Aus heiterem Himmel ruft ihn eines Tages die Frau an, die einst sein Leben ins Wanken gebracht hat, indem sie ihn zu ihrem und er sie zu seiner Geliebten gemacht hat. Sie kündigt ihren Besuch für den übernächsten Tag an. Zwischen ihrem Anruf und ihrem tatsächlichen Eintreffen entfaltet sich der Roman einer Erinnerung.

Die große Liebe ist auch nur eine verpasste Chance

Eschenbach trifft auf seiner einsamen Insel in dieser kurzen Zeit auf die Geister seiner Vergangenheit. Er sieht seinen Partner wieder, der mit ihm zusammen einst ein Unternehmen führte, dass Organisationssoftware verkaufte. Er trifft noch einmal auf die merkwürdige Frau, die ihn dafür bezahlte, Geschichten vom Begehren aufzuschreiben, um dieses zu erforschen. Er trifft Selma, Anna und Ewald. Selma vereint in sich alles, was eine Frau begehrenswert macht. Sie ist schön, intelligent, unabhängig und freiheitsliebend. Sie ist außerdem eine Künstlerin, die sich als Kunsthandwerkerin versteht. Anna und Ewald sind das typische befreundete Ehepaar. Man trifft sich zu viert, isst gemeinsam, lernt die Marotten der anderen kennen. Eschenbach sieht die Unzufriedenheit in Anna, wenn ihr Mann über sein großes Bauvorhaben in China spricht. Er sieht aber auch die gemeinsame Liebe der beiden zu ihren Kindern. Er sieht ihr perfektes Familienleben.

Aus Gründen, die man nicht durch Nachforschungen zum Thema des Begehrens herausfinden kann, wendet Eschenbach sich von Selma ab und der treusorgenden Anna zu. Ihr Verhältnis wird für ihn zu einer großen Erfüllung. Sie hingegen leidet unter der ihr plötzlich so überdimensional erscheinenden Beliebigkeit des Begehrens. Sie verlässt ihren Mann und sie verlässt Eschenbach. Sie wandert nach Amerika aus und wird bis zu dem Tag, von dem der Roman handelt, nicht wieder zu Eschenbach zurückkehren. Doch Annas Zweifel an der Aufrichtigkeit langfristiger Liebe lassen auch Eschenbach nicht mehr los. Viele gesammelte Geschichten über die Liebe, wie sie wirklich passiert, später, weiß er allerdings noch immer nicht, ob das Begehren tatsächlich die Macht hat, den Menschen von einem Partner zum nächsten zu treiben, immer in der Hoffnung, etwas Passenderes zu finden. Er weiß immer noch nicht, warum Menschen manchmal bleiben und manchmal gehen. Er weiß immer noch nicht, warum er seine Anna verlieren musste. 

Warum man so sehr an den imaginären Lippen diesen Erzählers hängt

"Vogelweide" hat mich zunächst einmal etwas ratlos zurückgelassen. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich so atemlos weiterlesen musste, obwohl im Roman eigentlich nicht viel passiert ist. Auch die vielen intertextuellen Bezüge und Anspielungen auf mythologisches Allgemeinwissen tragen nicht gerade dazu bei, dass man diesen Roman als luftigen "Schmöker" bezeichnen könnte. Doch schließlich bin ich darauf gekommen, dass es der Tonfall ist, der diesen Roman im wahrsten Sinne des Ausdrucks zu Musik macht. Eine ungewöhnliche Sprachschönheit und -macht lässt ihn zu einem einzigartigen Leseerlebnis werden. Auch, dass ein scheinbar leichtfüßiges Thema wie die Liebe hier zu einer tiefen Sinnbetrachtung wird, macht den neuen Uwe Timm zu etwas Besonderem. Dabei geht es hier nicht, wie in der oben skizzierten Altherrenliteratur, darum, der erotischen Macht Ausdruck zu verleihen, die ältere Herren zu jüngeren Frauen treibt. Vielmehr behandelt er das Begehren als eine ursächliche Kraft, die zum Drehpunkt des eigenen Lebens werden kann.

Besonders hervorzuheben ist dabei, die außerordentliche Einfühlsamkeit des Autors gegenüber seinen Figuren. Keine von ihnen wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Immer ist ein tiefes grundsätzliches Verstehen des Erzählers gegenüber den anderen zu spüren. Wichtig ist nicht der individuelle Charakter, sondern die Frage nach dem Verhalten der Menschen allgemein. Umso schöner ist die am Ende leise aufblitzende Erkenntnis, dass nichts allgemeingültig ist. Das Rätsel des Begehrens ist, dass es immer wieder neue Wege in das Leben der Menschen findet. So bleibt es für immer ungeklärt. 

Dass Uwe Timms "Vogelweide" es nicht auf die Shortlist des deutschen Buchpreises geschafft hat, überrascht mich nicht wirklich. Schließlich trafen die Gewinner des Preises in den letzten Jahren nie meinen Geschmack. Trotzdem hätte ich dem Roman den Preis gegönnt, da er in meinen Augen viele Leser verdient. Als eine dieser Geschichten, die einem nicht so schnell wieder aus dem Kopf verschwinden mögen, möchte ich diesen Roman nun also auch euch ans Herz legen. Möget ihr ein ähnlich intensives Leseerlebnis damit haben, wie ich selbst!

Timm, Uwe: Vogelweide. Kiepenheuer und Witsch 2013. ISBN: 978-3-462-04571-0. 19,99 €.



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