Belletristik-Rezension: Der neue Capus ist ein lebenskluger Roman über das Scheitern

Die Idee, Lebenswege miteinander in Verbindung zu bringen, die nur eine klitzekleine historisch verbürgte Gemeinsamkeit haben, ist Literaturliebhabern seit Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt" nicht mehr neu. Dass sie immer noch ihren Zauber entfaltet, zeigt der neue Roman des Schweizer Autors Alex Capus "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer". Darin treffen sich und treffen sich auch nicht die junge Schaustellertochter Laura, der Maler Émile und Felix Bloch. Wie diese drei lebenshungrigen Protagonisten zu dem werden, was sie nie sein wollten, davon erzählt dieser Roman und das in gewohnt Capus'scher Sprachschönheit.



Drei Lebenswege, die sich kreuzen, ohne dass es jemand merkt

"Es war und es war nicht" - mit dieser Formel beginnt jedes traditionelle orientalische Märchen und in diesem Sinne beginnt auch der neue Roman von Alex Capus. Darin begegnen sich ein Mädchen, ein Maler und ein Junge in einem Zug, auf einem Weg in ein anderes Leben. So war es, das ist verbürgt und so war es auch nicht, denn keiner von den dreien kannte die anderen und keiner hat ihre Begegnung als solche identifiziert. Bis Capus ihre Begegnung zur Schicksalhaften Ausgangssituation seines drei Lebenswege umfassenden Romans "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer" macht und den drei Persönlichkeiten die Gemeinsamkeit des eleganten Scheiterns andichtet, wie er in einem Interview zu seinem neuen Roman hier selbst sagte.

Der Fälscher

Émile ist ein hochbegabter junger Maler, dessen Talent viel zu groß für seinen ordentlichen kleinen Geburtsort in der Schweiz ist. Außerdem ist seine Faulheit legendär. Statt aus eigenem Antrieb zu einem großen Maler zu werden, lässt er sich treiben, bis er eines Tages an einen Job bei einem der bekanntesten Archäologen seiner Zeit - Heinrich Schliemann - kommt. In dessen Auftrag lässt er das antike Troja auf Vasen und Fresken auferstehen. Immer wenn es zu wenig Ausgrabungsmaterial gibt, lässt er seine Phantasie die Lücken füllen. Als Schliemann stirbt, nimmt ein anderer Archäologe Émile in seine Dienste und besiegelt damit dessen Schicksal. Gemeinsam mit Arthur Evans lässt der Maler einen Traum von minoischer Kultur wahr werden, indem er Fundstücke aus dem Palast von Knossos so zusammensetzt, wie sie nie zusammengehörten. Doch auch intakten Fundstücken nimmt er sich an und verkauft sie in unzähligen Kopien an die Welt.

Die Spionin

Laura D'Oriano wächst als eines von fünf Kindern einer Sängerin und eines Pianisten auf. Von jeher war sie mit ihrer Familie unterwegs und als diese sesshaft wird, ist die Unruhe in Lauras Person längst zur Natur geworden. Sie wird Sängerin wie ihre Mutter, heiratet einen charmanten aber armen Mann, bekommt zwei Kinder, zieht mit ihrer Familie zu den Schwiegereltern auf's Land und - wie könnte es anders sein - flieht nach kurzer Zeit. Auch Lauras traurige Berühmtheit beginnt mit einer schicksalhaften Begegnung und einem Jobangebot. Die schöne Weltenbummlerin soll ganz nebenbei Soldaten aushorchen. Die Spionin wird enttarnt und als erste und einzige Frau in der Geschichte der italienischen Justiz hingerichtet.

Der Bombenbauer

Doch den größten Fall zeigt die Geschichte des Physikers Felix Bloch. Intelligent und experimentierfreudig strebt er stets nach den neuesten Erkenntnissen der theoretischen Physik. Genau wie in Dürrenmatts Drama "Die Physiker" zeigt auch die Geschichte von Felix Bloch in "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer" das merkwürdige Phänomen, dass das, was gedacht werden kann auch gedacht werden muss und, was in diesem Falle weit schlimmer ist, auch gedacht werden wird. So kommt es, dass der Pazifist Felix Bloch eines Tages entdeckt, dass die Atombombe denkbar ist. Sobald er weiß, dass sie aus diesem Grunde auch eines Tages gedacht werden wird, beschließt er gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Oppenheimer, dass sie ebenso gut von ihnen wie von anderen erdacht werden kann. So beginnen sie mit dem Bau einer Waffe, deren Macht noch niemand absehen kann.   

Ein Roman, der mehr Fragen stellt als beantwortet

Wie alle guten Romane erzählt auch dieser nur oberflächlich von seinen Protagonisten. Darunter kommt eine Ebene zum Vorschein, die alle Menschen betrifft. In "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer" sind es die Fragen nach der Tragweite unserer bewussten und weniger bewussten Entscheidungen. Was gibt ein Maler der Gesellschaft, der sein Talent als Fälscher archäologischer Funde vergeudet? Was gewinnt eine junge Frau, die ihren unbändigen Lebenshunger stillt, statt sich in ein zeitgemäßes Familienleben zu fügen? Wieso reizt es einen hochintelligenten Physiker so sehr, der erste zu sein, der etwas denkt, auch wenn das Produkt seiner Gedanken all seinen Idealen widerspricht? Und natürlich liegt über allem auch immer die Frage nach der Gesellschaft, die sich in ihrer normativen Rolle viel mehr in das Leben der unbeugsamen Protagonisten einmischt, als diese vielleicht ahnen. 

Alex Capus zeigt, dass Menschen immer wieder Entscheidungen treffen, die nicht klug sind. Er nennt es Scheitern. Dennoch gesteht er dem Scheitern einen Glanz zu, der diesem Roman Faszination verleiht. Es ist die Leidenschaft der Figuren, die uns beim Lesen fesselt. Es ist die Unbedingtheit ihrer Wege. Und schließlich ist es die Erkenntnis, dass wir etwas haben, was den dargestellten Persönlichkeiten fehlte. Wir können aus ihren Leben lernen, weil sie die ersten waren, die taten, was sie getan haben. Ich denke, das ist es, was einen Roman "lebensklug" macht. Ich kann die Lektüre nur wärmstens empfehlen.

Capus, Alex: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. Hanser Verlag 2013. ISBN 978-3-446-24327-9. 19,90€.

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