Gastpost: Länderliteraturen - Baltikum

Ich freue mich sehr, heute wieder einen Gastpost veröffentlichen zu dürfen. Dieses Mal schreibt Lola vom Blog Mit Aussicht über baltische Literatur. Ein Themengebiet, das für mich ebenso neu wie spannend ist. Ic h wünsche euch viel Spaß bei diesem tollen Artikel:

Das Baltikum ist für viele Menschen ein diffuser Begriff. Es fällt ihnen nicht leicht, den baltischen Ländern Hauptstädte zuzuordnen und nicht wenige assoziieren mit dem Baltikum noch immer eine deutsche Kultur. Wer heute nach Litauen, Lettland oder Estland fährt findet auch durchaus Spuren dieser deutschen Vergangenheit, aber jedem Reisenden begegnet auch die Vielfältigkeit und Schönheit der baltischen Kulturen. Musik, Trachten, die Lieder, Sängerfeste, die traditionelle Küche, Kunst und natürlich auch Literatur. Obwohl alle Länder nicht sehr groß sind und nur wenige Millionen Einwohner zählen, existiert eine große Anzahl von Schriftstellern, deren Bücher in ihren Heimatländern so gern gelesen werden, dass mancher seine Auflage vollständig verkauft. Einige dieser Bücher der litauischen und lettischen Literatur, die in deutscher Übersetzung erschienen sind, möchte ich kurz vorstellen. Die Auswahl ist dabei keineswegs repräsentativ, sondern subjektiv und willkürlich und mitunter vor allem eine Frage der Beschaffbarkeit, denn viele Bücher wurden nur einmal aufgelegt und sind nur noch antiquarisch zu beziehen.



Wenn man von Westeuropa ins Baltikum reist, dann erreicht man zuerst Litauen mit seiner Hauptstadt Vilnius. Wie alle baltischen Länder besitzt Litauen eine Kultur, die sich deutlich von den anderen unterscheidet. Geschuldet ist das in Litauen vielleicht der Tatsache, dass es lange Zeit mit Polen zusammen das polnisch-litauische Reich bildete. Noch heute ist Vilnius katholisch geprägt und nicht selten hört man hier Einwohner Polnisch sprechen. Und wie ganz Osteuropa ist auch Vilnius im Zweiten Weltkrieg nicht verschont geblieben. Balys Sruogas „Der Wald der Götter“ ist ein eindrucksvolles Beispiel für Lagerliteratur, wie sie in ganz Europa nach dem Krieg geschrieben wurde. Allerdings gelingt es Sruoga im Angesicht des Grauens den ihm eigenen Humor nicht zu verlieren. Schon bald wird klar: Zwischen den Lagerinsassen und den Aufsehern gibt es keinen großen Unterschied – und dem Leser bleibt das ungewollte Lachen doch im Halse stecken.

Mit der Unabhängigkeit wird enttabuisiert was das Zeug hält und Jurga Ivanauskaite liefert mit „Die Regenhexe“ den Skandalroman dazu. 3 Frauen und ihre 3 Geschichten verbindet die Autorin über Zeit und Raum miteinander: Vika, die den Priester Paulus liebt, Marija Viktorija, die für ihre Liebe zu Povilas von der Inquisition eingekerkert wird und Marija Magdalena, die von Jesus errettet wird. Eine Ethikkommission befand den Roman als „pornographisch und antichristlich“, der Erfolg ist jedoch ungebrochen.

Mit „Sterne der Eiszeit“ erschien 2002 der erste Roman von Renata Šerelytein deutscher Ausgabe. Darin erlebt eine junge Schriftstellerin Unheimliches mit den Texten eines anderen Autors. Was als harmlose Lektüre von Texten zur Veröffentlichung beginnt, entwickelt ein Eigenleben, denn die Texte scheinen einen Dialog mit der jungen Frau zu führen. Außerdem auf Deutsch erschienen ist Šerelytes Roman „Blaubarts Kinder“.

Nur vier Stunden Fahrt trennen Vilnius und die lettische Hauptstadt Riga voneinander. 1201 vom deutschen Ordensmeister Albert gegründet besitzt Riga bis heute den ungebrochenen Charme einer Hansestadt. Die Altstadt zeigt sich hanseatisch-mittelalterlich, das neue Zentrum zählt zu den schönsten Jugendstilvierteln der Welt. Hier war Lettlands Kunst- und Kulturzentrum in den Jahren der ersten Unabhängigkeit und hier haben sich die bedeutendsten Künstler ihrer Zeit versammelt. Anšlavs Eglītisschrieb über die Rigaer Gesellschaft der Dreißiger Jahre seinen Künstlerroman „Homo Novus“, der 1946 im Exil in New York zuerst erschien und seit 2006 auch in deutscher Ausgabe erhältlich ist. „Homo Novus“ erzählt die Geschichte des jungen Malers Juris Upenājs, der auf dem Bahnhof in Riga den erfolgreichen Eižēns Žibeika trifft. Dieser zieht den unerfahrenen Provinzler Juris mitten hinein ins Rigaer Künstlerleben. Am Ende steht ein wichtiger Wettbewerb, der zeigen soll, welcher Künstler der beste in Lettland ist.

Wie auch in Litauen blühte die Literaturszene in Lettland nach dem Erreichen der erneuten Unabhängigkeit noch einmal auf – die Vergangenheit wurde aufgearbeitet und neue Themen und Genres entdeckt. Eine dieser neuen Schriftstellerinnen ist Dace Rukšāne, deren Roman „Warum hast du geweint“die Jugend eines lettischen Mädchens in den 80er Jahren schildert. Katrina will das Leben voll auskosten und dafür reist sie zum Bergsteigen in den Kaukasus. Aber das wird schnell zum Beiwerk, denn Katrina trifft Wlad, trifft Sergej und natürlich Oleg, der nach Honig schmeckt. Dabei ist „Warum hast du geweint“ jedoch kein ausschließlicher Jugendroman, sondern findet sein Publikum auch in höheren Altersklassen.

Ein Avantgardist unter den lettischen Schriftstellern ist Pauls Bankovskis, aus dessen Werk leider nur die Kurzgeschichtensammlung „Schule. Unterstufe.“ bisher auf Deutsch erschienen ist. In kurzen Texten, die autobiographisch gefärbt sind, erfahren wir als Leser hier mehr über die weniger schönen Seiten einer Kindheit im sozialistischen Lettland. Die Episoden aus dem Schulalltag sind gespickt mit klugen Beobachtungen der Zeitgenossen und des Systems, in dem sie agieren. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft der ein oder andere Roman des Autors übersetzt werden wird. Eine Leseprobe von „Spitzel, Schnaps und Rock'n'Roll“ gibt es hier zu lesen.

Ganz aktuelle Probleme werden in „Das Champignonvermächtnis“von Laima Muktupavela behandelt: Wie der Untertitel „Schwarzarbeit auf der Grünen Insel“ schon verrät gibt dieser Roman all jenen eine Stimme, die auf der Suche nach Arbeit ihr Heimatland Lettland verlassen haben und in ganz Europa legal oder illegal arbeiten. Es ist die Stimme von Iva, die als Champignonpflückerin in Irland angeworben wird, ganz ohne Englischkenntnisse und ohne Idee davon, was sie erwartet. Sie erzählt von Akkordarbeit, von Repressalien, von den kleinen Freuden und von irrwitzigen Champignonrezepten,, die sich Iva ausdenkt.

Neben Romanübersetzungen sind im Deutschen auch einige Anthologien erschienen, die Textausschnitte und Lyrik aus beiden Ländern kombinieren und einen guten Einstieg in die baltischen Literaturen bieten. An dieser Stelle seien nur kurz die Anthologie „Sonnengeflecht“ von Heide Lydia Schmidt mit lettischer Lyrik und Kurzprosa, und „Vierzehn litauische Poeten. Eine Anthologie.“ von Valentinas Sventickas erwähnt. Beide konzentrieren sich auf die moderne Literatur. Für die Literatur des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts bietet sich die Textsammlung „Unter dem Flügel eines Vogels“ von Welta Ehlert an, die jedoch nur noch antiquarisch existiert.

Wer sich jetzt fragt, warum Estland in diesem Artikel nicht erscheint, fragt sich zurecht. Estland gehört zu dem, was wir landläufig mit „Baltikum“ bezeichnen, allerdings ist das Estnische keine baltische Sprache, sondern eng mit dem Finnischen verwandt. Ein Fehlen der estnischen Literatur lässt sich darauf zurückführen, dass ich als Baltistin nur wenig davon kenne. Dieser Umstand soll in naher Zukunft aber durch einen Artikel auf meinem Blog geändert werden. Wer mehr zu den baltischen Literaturen erfahren möchte, ist herzlich eingeladen Kontakt mit mir aufzunehmen.

Baltische Literatur kaufen:


"Die Regenhexe“ 
"Das Champignonvermächtnis" 

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