Krimi-Rezension: "The Cuckoo's Calling" (der Ruf des Kuckucks) von Robert Galbraith (J.K. Rowling) oder wenn einer wie Hagrid mit einer wie Hermine einen Mordfall löst

Was soll man tun, wenn man als Autorin mit dem Erstlingswerk bereits alles erreicht hat, was man sich nur wünschen kann? Wenn man alle Verkaufsrekorde gebrochen, ein Genre revolutioniert und ein Vermögen verdient hat? Unter dem Pseudonym Robert Galbraith hat J.K. Rowling einfach noch einmal von vorne angefangen, ohne ihren berühmten Namen, nur um des Schreibens willen. Und wenn ihre neue Krimireihe auch sicher weit weniger Superlative ernten wird als Harry Potter, so hat sie unter fremden Namen doch ein Stück weit zu ihrem eigenen Stil zurückgefunden.

Ein angenehm traditioneller englischer Kriminalroman

Die Engländer können auf eine reiche Tradition zurückblicken, wenn es um Kriminalliteratur geht. Mit Sherlock Holmes und Miss Marple verfügen sie gleich über zwei der berühmtesten Detektive der Literaturgeschichte. Seit Kurzem nun reiht sich auch Cormoran Strike in diese Traditionslinie ein und natürlich hat auch er einen Watson an seiner Seite, bezeichnenderweise heißt sie Robin, wie der Gefährte von Batman und ist seine Zeitarbeitssekretärin. Wie schon bei Arthur Conan Doyle spielt auch bei Robert Galbraith die Stadt London eine Hauptrolle. Außerdem  hat sich Robert Galbraith alias J.K. Rowling einen schönen Whodunnit-Plot ausgedacht. Hier ist also alles drin, was einen guten englischen Krimi eben ausmacht.

Der Mord an Lula Landry

Der Fall erscheint ebenso simpel wie raffiniert. Der Adoptivbruder des Supermodels Lula Landry marschiert eines morgens in Strikes Büro und bittet ihn, den angeblichen Selbstmord seiner Schwester aufzuklären. Der Privatdetektiv, ehemaliger Militärpolizist und Afghanistan-Veteran, glaubt zwar zunächst nicht an einen Mord, ist aber nicht mehr ganz jung und gerade von seiner ehemaligen Verlobten aus der gemeinsamen Wohnung geworfen worden und braucht darum das Geld. Dass er bei seinem ersten ernstzunehmenden Fall seit Wochen auch noch eine Zeitarbeitskraft mit durchschleppen muss, nur weil er vergessen hat, der Firma abzusagen, stimmt ihn dabei anfangs alles andere als froh.

Auch der Fall schleppt sich zunächst ein wenig dahin. Strike schnuppert in die Londoner High-Society hinein und macht so die Bekanntschaft der reichen und schönen Freunde von Lula und ihrer adeligen Ziehfamilie. Erst als die ersten Ungereimtheiten in Form einer Freundschaft Lulas zu einer Obdachlosen und der fast schon exzessiven Suche nach ihrer wahren Familie auftauchen, wird es rasanter.

Sherlock und Watson, Batman und Robin, Cormoran und naja, eben auch Robin

Zu diesem Zeitpunkt hat sich auch Robin bereits vom Celebrity-Magazine lesenden Mäuschen zu einem wahren Ausbund an Kreativität entwickelt, wenn es darum geht, Zeugen zum Sprechen oder Informationen ans Tageslicht zu bringen, die niemand dort haben möchte. Robin ist ihrem Chef fast immer einen Schritt voraus, so emsig, dass es fast schon übertrieben anmuten würde, wenn sie nicht gleichzeitig so sympathisch wäre.

Was Robert Galbraith und J.K. Rowling gemeinsam haben

Würde man die Autorin, die sich hinter Robert Galbraith versteckt, mit sich selbst vergleichen wollen, so würde man in Robin beinahe eine Hermine Granger entdecken, die übereifrig und mit vollem Herzblut gegen alle Widrigkeiten den Job ausübt, der sie schon von Kindesbeinen an fasziniert hat, statt einen viel besser bezahlten Job in der PR anzunehmen. Und auch Cormoran kann einem unter einem solchen Blick vage bekannt vorkommen. Der haarige Riese mit den großen beschützenden Händen unterscheidet sich hauptsächlich durch seinen scharfen Verstand von Hagrid, dem Riesen aus Harry Potter. Naja, und dadurch, dass Strike mit Vorliebe sein Herz an Frauen verschenkt, die zu schön und zu biestig sind, während Hagrid eben Monster sammelt (vielleicht doch gar kein so großer Unterschied). Auch die Vorliebe für Namen, die eine Alliteration mit L aufweisen, zeigt sich sowohl in den Harry Potter Romanen als auch im Ruf des Kuckucks.

Doch das wahre Wunder, das dieser kleine Detektivroman seinen Lesern beschert, ist in seinem Schreibstil zu finden, der nun wieder ganz der der Autorin zu sein scheint, die ein Millionenpublikum begeistern konnte. Ganz ohne Zauberei weist dieser Kriminalroman doch das gleiche feine Gespür für kantige Charaktere und merkwürdige Situationen auf wie das Erstlingswerk Rowling. Hier bleibt keine Figur plakativ, jede bekommt ihre Eigenheiten, keine Schönheit ist ohne Makel und die Autorin beweist viel Mut zum Hässlichen. Wollte sie mit "Ein plötzlicher Todesfall" wohl etwas zu sehr versuchen, das Ungewöhnliche zu wagen, so klammert sie sich als Robert Galbraith zwar noch ein bisschen zu sehr an die Traditionen des Genres. Trotzdem lässt der Roman bereits erkennen, dass sie auf dem Weg zurück zu ihrem eigenen Stil ist, und dass sie sich unter fremden Namen wieder selbst gefunden hat. So kann sie sich nun in aller Ruhe vom Ruhm ihres eigenen Erstlingswerks freischwimmen. Ich freue mich auf jeden Fall bereits jetzt auf Neues von Cormoran und Robin und auch euch kann ich die Lektüre dieses schönen Kriminalromans nur ans Herz legen.


Galbraith, Robert: The Cuckoo's Calling (Der Ruf des Kuckucks). Little Brown and Company 2013. ISBN: 9781408703991. 10,99€. Der Roman erscheint auf Deutsch voraussichtlich im Februar 2014 im Blanvalet Verlag.

    

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3 Responses to Krimi-Rezension: "The Cuckoo's Calling" (der Ruf des Kuckucks) von Robert Galbraith (J.K. Rowling) oder wenn einer wie Hagrid mit einer wie Hermine einen Mordfall löst

  1. Man sollte Kritik von Nacherzählung unterscheiden!

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    1. Es tut mir leid, dass diese Rezension dir zu narrativ ist. Oder verstehe ich deinen Kommentar falsch und du meinst ich sollte klarer kennzeichnen, was Nacherzählung und was Wertung ist? Nun, ich fürchte, da muss ich enttäuschen, denn auf diesem Blog wird es kein "Zusammenfassung:" - "Fazit:" geben. In meinen Augen darf eine Rezension nämlich gerne ein wenig kommentieren, und das schon während der Zusammenfassung. Denn sonst könnte man ja einfach den Klappentext abtippen.

      So oder so, ich hoffe (und bin mir gleichzeitig dessen ziemlich sicher), du findest in den Weiten der Blogosphäre wonach du suchst.
      Liebe Grüße,
      Mareike

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  2. Danke für die Besprechung. Klingt interessant! Ich denke, das Buch das könnte ein schönes Geschenk für Jemanden sein, der sowohl Krimis als auch Harry Potter mag.

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