Kommentar: Ist das noch Selfpublishing? Carlsen geht mit zwei neuen Imprints an den Start

Wieder einmal hat mich eine Pressemitteilung aus der Buchbranche zum Nachdenken
angeregt. Der Carlsen-Verlag - berühmt für seine Pixi-Bücher, seine Comicsparte und natürlich für Harry Potter - hat zwei neue Imprints gegründet, um sich nun auch auf dem Selfpublishing-Markt zu behaupten. Der Buchreport benannte diese Marktstrategie am Montag als "Publishing light" und auch ich bin skeptisch, ob das noch Selfpublishing ist oder nicht eher Verlagsliteratur, die neue Wege zu finden versucht, den digitalen Markt zu erobern.



"Romantasy", "Paranormal Romance" und "süffige" Lektüre für Erwachsene

Die Idee von Carlsen ist die Folgende: Am 8. August starten zwei neue Labels für digitale Literatur, genannt Impress und Instant Books (über den Beigeschmack der Namensgebung lasse ich mich hier nicht weiter aus). Impress steht für Jugendbücher aus dem Bereich Romantic Fantasy, Instant Books für Krimis und Liebesromane, vom Verlag selber werden sie als "süffige" Literatur bezeichnet. Zehn Titel sind vorprogrammiert, fünf weitere im Monat sollen folgen. Carlsen sucht jetzt nach Autoren, die eine attraktive Beteiligung am Erlös bekommen sollen und dann mit einem Marketingkonzept verwöhnt werden, das dem digitalen Markt angemessen erscheint - Social Media und so, man kennt das.

Publishing light

Um das einmal vorauszuschicken: Ich mag den Carlsen-Verlag sehr gerne. Ich mag die ansprechende und hochwertige Aufmachung ihrer Bücher und mir gefällt die Titelpolitik. Auch möchte ich keineswegs die neuen Wege, die sie hier zu beschreiten versuchen vorverurteilen und den Titeln selbst gerne eine Chance geben. Doch kommt mir das ganze Projekt (bitte korrigiert mich, wenn ich falsch liege) ein bisschen, nun, sagen wir mal, hochnäsig vor.

Zwar wirbt Carlsen einerseits mit der Qualität einer professionellen Verlagsbetreuung, auf der anderen Seite argumentieren sie in ihrer Pressemitteilung aber damit, dass sie auf die Marktentwicklung reagieren, also mit anderen Worten, nun auch etwas vom Selfpublishing Erfolg abhaben möchten. Die Konzentration auf Genres, die nicht unbedingt auf den ersten Blick für literarische Höhenflüge stehen, löst bei mir den Verdacht aus, dass die Verlagskollegen noch nicht ganz verstanden haben, was Selfpublishing ausmacht. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass hier, wie der Buchreport es formulierte, eher Publishing light unter dem Deckmantel des Selfpublishing stattfindet, d.h. Carlsen ist beim Sichten der Manuskripte nicht so streng wie sonst und bittet eher Blogger (wie mich etwa) um Rezensionen als "richtige" Kritiker.

Nur wer seinen Markt kennt, kann ihn auch bedienen

Ich bin selbst jemand, der früher voller Vorurteile gegenüber dem Selfpublishing war und ich glaube, dass dies ein Grund dafür ist, dass ich diese alle sehr gut kenne und darum auch bei anderen erkenne. Erst durch den Kontakt mit Indie-Autoren bin ich zu der Einsicht gelangt, dass Selfpublishing weit mehr ist, als etwas zu veröffentlichen, das es bei einem Verlag nicht geschafft hat. Ja, es gibt Autoren, die sich bewusst entscheiden, ohne einen Verlag zu veröffentlichen, denn genau das bedeutet ja schließlich Selfpublishing. Was Carlsen da macht, kann also per se kein Schritt auf den Selfpublishing Markt sein, da ja schließlich ein Verlag im Spiel ist. Wenn die Bücher aber sowieso verlegt werden, warum dann Einschränkungen der Genres machen und damit werben, dass hier Selfpublishing betrieben werden kann?

Sieht man sich die Imprints einmal nicht als Selfpublishing-Projekte an, welches sie ohnehin nicht sein können, so könnte man argumentieren, dass eben zwei neue Ebook-Sparten eröffnet wurden. Aber auch hier kommen wieder die gleichen Fragen auf, die wohl eher den Tonfall der Pressemitteilung und die Titelauswahl betreffen. Warum eine Ebook-Sparte auf Genres begrenzen, die - ich sage es jetzt einfach ganz deutlich - im Allgemeinen als der Trivialliteratur zugehörig gesehen werden? Sind Ebooks in irgendeiner Weise Bücher zweiter Klasse? Lesen Ebook-Leser irgendwie anders oder sind sie ein anderer Menschenschlag als diejenigen, die lieber Papier in der Hand halten?

Ich fange jetzt nicht auch noch damit an, welche Fragen sich mir stellten als ich gelesen habe, dass diese angeblichen Selfpublishing Bücher hauptsächlich Blogmarketing bekommen werden, denn im Grunde sind es natürlich dieselben, die sich beim Thema Indie-Literaturmarkt und Ebooksparte stellen. Es missfällt mir einfach, dass hier ein großer Bogen von Verlagsliteratur über Bücher und Literaturkritiker hin zu literarischem Anspruch unausgesprochen bleibt und ein Zweiter von Indie-Literatur über Ebooks und Blogger hin zum schnellen und billigen Erfolg nur mäßig kaschiert ausgesprochen wird. Wenn man einen Markt nicht in all seinem Facettenreichtum schätzt, sollte man sich vielleicht zweimal überlegen, ob man sich an ihm beteiligen möchte, um ein bisschen von seinem Erfolg abzubekommen. Wie steht ihr dazu?





Posted in , , , . Bookmark the permalink. RSS feed for this post.

2 Responses to Kommentar: Ist das noch Selfpublishing? Carlsen geht mit zwei neuen Imprints an den Start

  1. Hallo Mareike, ich bin durch Zufall auf deinen Post gestoßen und finde insbesondere auch die Diskussion hier in den Kommentaren dazu sehr interessant. Allerdings muss ich in einem Punkt berichtigen: Den stationären Buchhandel völlig übersehen tut Carlsen nicht:
    "Den stationären Buchhandel will Carlsen bei der Teilnahme am E-Book-Geschäft durch das digitale Bücherregal unterstützen - ein Plakat, das die Cover der E-Books in Verbindung mit QR-Codes abbildet, die direkt auf die Website des jeweiligen Buchhändlers führen. Die Codes auf den Plakaten werden individuell eingesetzt." (Quelle: http://www.boersenblatt.net/629767/)
    Das bedeutet natürlich trotzdem noch für jeden einzelnen Buchhändler, dass er Erklärungsarbeit bei seinen Kunden leisten muss. Aber es gibt für den E-Book Markt im stationären Buchhandel nun mal bisher keine optimale Lösung, weder von Seiten der Buchhändler noch von Seiten der Verlage. Und so schön Bücher nun auch sind: Ein Verlag, gerade ein größerer wie Carlsen bleibt letzten Endes auch nur ein Unternehmen, das wirtschaftlich rentabel bleiben muss, ebenso wie Thalia, die Mayersche oder Hugendubel mit ihren gekauften Bestsellertischen.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Annika

    AntwortenLöschen
  2. Hi Annika,
    vielen Dank für deine Ergänzung. Die Plakatidee finde ich im Grunde gut, auch wenn sie wieder nur die größeren Buchhandlungen mit Internetseite und Online-Shop einbezieht - aber immerhin etwas :)
    Über eine Ebook-Einbindung sollte sich allerdings der gesamte Buchhandel wirklich mal Gedanken machen, da sehe ich ebenso wie du ein großes Defizit.
    Liebe Grüße,
    Mareike

    AntwortenLöschen

Search

Swedish Greys - a WordPress theme from Nordic Themepark. Converted by LiteThemes.com.