Indie-Übersetzung: Marika Fusser übersetzte "Inmitten der Nacht ins Deutsche" und zeigt uns damit eine Kultur, hier nur wenig bekannt ist

Großbritannien, das ist für uns der Zusammenschluss von England, Schottland und Nordirland unter englischer Flagge. Nur selten machen wir uns klar, dass auch kleinere kulturelle Einheiten diesem Bund untergeordnet wurden und nun um das Leben ihrer Kultur kämpfen. Marika Fusser ist Indie-Übersetzerin und hat vor Kurzem den Roman "Inmitten der Nacht" von Angharad Tomos aus dem walisischen ins deutsche übersetzt. Auf diesem Weg zeigt sie uns eine Kultur, die geografisch ganz nah und gleichzeitig ganz fern ist. Selbst im eigenen Land kämpfen die Menschen gegen das Vergessen an. Angharad Tomos und Marika Fusser schenken uns mit ihrer Arbeit also nicht nur einen bemerkenswerten Roman sondern auch einen Blick auf eine sterbende Kultur.

Ennyd und ihre fünf letzten Mohikaner

Die Protagonistin Ennyd lässt sich nicht gern in gesellschaftliche Formen pressen. Sehr zum Leidwesen ihrer Eltern lebt sie unabhängig und allein in einem kleinen ländlich gelegenen Haus, wo sie sich ganz ihrer Arbeit als Töpferin und ihrer idealistischen Aufgabe widmet. Sie ist Teil einer Protestkultur, die sich für die Erhaltung des Walisischen einsetzt. Sie ist die Erste, die angerufen wird, wenn es darum geht, eine Demonstration gegen den Besuch eines englischen Politikers zu organisieren und sie ist eine der wenigen, die dann auch zu so einer Veranstaltung hingehen. Neben ihr hält nur noch eine Handvoll ihrer Freunde die Stellung.

Sie alle sind ein wenig in die Jahre gekommen und außer bei Ennyd und ihrer besten Freundin Her wirkt der jugendlich anmutende Protest wie eine liebe alte Gewohnheit. Die Lebensmittelpunkte haben sich verschoben, die Mitglieder der Clique haben nun Familie oder sind vom Hang zu Rauschmitteln in eine ernsthafte Drogensucht geraten. Doch Ennyd und Her, die Töpferin und ihre Malerin leben das, wofür sie kämpfen, Ennyd wie ein Fels in der Brandung, als der sie den namenlosen Unmut ihrer Freunde in Formen fließen lässt und Her mit überbordender Lebendigkeit, mit der sie die alten Geschichten ihrer Kultur in immer neuen Farben erzählt.

Die Nacht des neuen Jahrtausends (Achtung Spoiler)

In der Milleniumnacht wollen Ennyd und ihre Freunde etwas ganz Besonderes erleben. Sie wollen gemeinsam auf die Wyddfa wandern, einen Berg voll walisischer Mystik. Doch in der Minute des Jahrtausendwechsels stirbt Ennyd an einem Herzinfarkt. Von nun an verzerrt sich die Geschichte ins leicht Groteske, denn Ennyd bleibt trotz ihres Todes in einem Bewusstseinszustand, der ihr erlaubt, die Geschichte weiter zu erzählen. Nach einer alten Sage ist dies den Seelen vorbehalten, die genau in der Minute eines Jahrhundertwechsels sterben. Sie erhalten die Möglichkeit zur tieferen Reue und damit auch zu tieferer Gnade. Ennyd verfolgt also in den Tagen vor ihrer Beerdigung noch das Tun ihrer Freunde, die sie tatsächlich noch zur Wyddfa bringen. Am Tag ihrer Beerdigung erfährt sie dann die Gnade.

Gegen den Tod hilft nur die Erinnerung

Dieser eigenartige kleine Roman mit seiner unbeugsamen Protagonistin und ihren komischen Freunden stellt in all seiner Ruhe und Ereignislosigkeit die großen Fragen des Lebens. Er zeigt, wie es möglich ist, auch gegen die Widerstände einer Gesellschaft an seinen Idealen festzuhalten. Er deutet eine von Sagen und Geschichten reiche Kultur an, die droht, selbst in den Köpfen derer, zu denen sie gehört, zum Aberglauben zu verkommen. Als wäre sie die Personifizierung ihrer Kultur stirbt Ennyd stellvertretend für das Walisische und muss zusehen, wie selbst ihre nahen Freunde bald anfangen mit dem Vergessen. Am Ende bekommt Ennyd ihren Frieden, doch ob das Walisische auch so sang-und-klanglos in die Ewigkeit des Vergessens eingehen wird, hängt von den Menschen ab, die zurückbleiben.

Ich habe den Exkurs in die Welt dieser sterbenden Kultur mit großem Interesse gelesen, auch wenn mir die ganze Geschichte immer etwas entrückt und fremd erschien. Die zahlreichen Anmerkungen und Erklärungen zur walisischen Sagenwelt waren zwar sehr hilfreich für das Verständnis, haben allerdings den Lesefluss auch manches Mal negativ beeinflusst. Das Lesevergnügen wird also definitiv bei denjenigen viel höher sein, die die Fußnoten gar nicht brauchen. Ein kleiner Minuspunkt sind auch die immer wieder einmal auftauchenden Rechtschreibfehler, deren Zahl zwar nicht so hoch ist, dass man als Leser ärgerlich werden muss, aber doch so hoch, dass sie einem auffällt.

Ich danke Marika Fusser für die Bereitstellung des Leseexemplars und den damit verbundenen Ausflug in diese fast vergessene europäische Kulturströmung.

Tomos, Angharad: Inmitten der Nacht. Übersetzt von Marika Fusser. ASIN: BOOCIU6324. 4,89€

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