Neuseeland-Krimi: "Der Frauenfänger" von Paddy Richardson

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 Ich mag es ja, ein Land über seine Kriminalromane kennenzulernen. Viel deutlicher als der Alltag, zeigen doch die Abgründe desselben, wie eine Gesellschaft beschaffen ist. In “Der Frauenfänger” von Paddy Richardson zeigt sich eine aufgeklärte und vernunftgeleitete Lebensweise, in der man nur schwer damit zurechtkommt, wenn plötzlich Einer zum Verbrecher wird. Eine zwar nicht unbedingt spannungsgeleitete aber sehr psychologische Lektüre.

Das Verbüßen von Strafe und Resozialisierung

Der Erzählanlass für Protagonistin Claire ist der Anruf einer jungen Sozialwissenschaftlerin. Sie möchte eine Studie zum Thema Resozialisierung von Sexualstraftätern durchführen und Claire darum zum Fall Travis Crill befragen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt der Leser noch nicht, in welch merkwürdige Beziehung sich die Protagonistin zu dem Verbrecher begeben hat. Doch was sie der Wissenschaftlerin mit dem Statement, es gäbe keine erfolgreiche Resozialisierung von Sexualstraftätern verschweigt, erzählt sie nun uns - die ganze Geschichte von sich, ihrer Tochter Annie und dem verurteilten Sexualstraftäter Travis Crill. Parallel zu den Erzählungen Claires, erfährt der Leser aber auch in einem zweiten Erzählstrang, wie Annie die Zeit erlebt hat, als Travis Crill sich in ihre kleine Familie gemischt hat. Claire hat früh geheiratet und eine Familie gegründet. Beinahe ebenso schnell, wie ihr Glück entstand, zerbrach es jedoch auch wieder durch den Tod ihres Mannes Alex. Als alleinerziehende Mutter hat sie sich langsam ein sicheres aber kleines Auskommen als Schriftstellerin erarbeitet. Als sie eines Tages von einem bekannten Anwalt angerufen wird, der ihr ein Buchprojekt anbietet, ist sie zuerst abgestoßen, dann aber von der hohen Vergütung schnell überzeugt. Sie soll als Ghostwriterin die Biografie von Travis Crill schreiben, dem Mann, der sechs Frauen in ihren Häusern überfiel und vergewaltigte. Seine Geschichte ist so einfach wie unglaubhaft.

Als fröhliches und unkompliziertes Kind wuchs er bei liebevollen Pflegeeltern auf, war ein Musterschüler und -student und arbeitete dann erfolgreich in einer Firma, bis er eines Tages verhaftet wurde. In der Haft geht seine mustergültige Haltung weiter. Er nimmt an Gruppen- und Einzeltherapien teil, zeigt sich reuig und verständig und soll darum schon bald in die Gesellschaft zurückkehren. Claire soll ihm mit ihrem Buch über den irregeleiteten Musterknaben den Weg in die Resozialisierung ebnen. Doch Claire glaubt nicht an diese Geschichte. Sie recherchiert auf eigene Faust und schreibt ihre eigene Story. Das gefällt weder Crill noch seinem Anwalt. Claire steht zunehmend allein da. Und dann wird auch noch kurz vor dem Entlassungstermin gemeldet, dass Travis Crill aus dem Gefängnis entkommen ist.

Nur ein Straftäter mit schlechter Kindheit ist ein guter Straftäter

Am meisten hat mich an dieser Lektüre der Blick in Claires Gedankenwelt fasziniert. Sie wird als eine moderne und sehr reflektierte Frau dargestellt. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist von Verständnis und Gleichberechtigung geprägt, und wenn sie einem Menschen das erste Mal begegnet, steht sie ihm sowohl offen als auch kritisch gegenüber - wie z.B. dem schmierigen Anwalt Crills. Sie lebt in einer logisch erfassbaren Welt, in der intuitive Gefühle der Gefahr zunächst mal keinen Platz haben. So schlägt sie alle Warnungen ihres Unterbewusstseins immer wieder mit der Begründung in den Wind, sie müsse sich selbst ein Bild machen. Sogar als sie Crill im Besuchsraum gegenübersitzt und eigentlich nur weg möchte, schaltet sich ihr Logik-Reflex ein, um sie zu beruhigen. Zu dieser Logik gehört auch, dass es einen Grund geben muss, der Crill zu seinen Verbrechen gebracht hat. Eine schlechte Kindheit wäre ein solcher Grund. Doch es scheint ihn partout nicht zu geben. Fast ist sie schon der Meinung, dass Travis Crill wirklich aus Unwissenheit und spontanen Impulsen heraus Böses getan hat.

Da findet sie in seiner leiblichen Mutter doch noch eine Ursache. Endlich ist sie bereit, sich einzugestehen, dass sie es mit einem notorischen Lügner zu tun hat, der von langer Hand Übergriffe auf Frauen plant und andere Menschen nur für seine eigenen Zwecke ausnutzt. Obwohl Paddy Richardson auf die Hochspannung verzichtet, die andere Thriller-Autoren einsetzen, um ihre Leser in den Bann zu ziehen, ist ihr ein atmosphärisch dichter Krimi gelungen. Sie zeichnet ein profundes Bild der neuseeländischen Gesellschaft, die, ähnlich wie unsere europäische, einem Diktat der Logik unterworfen ist. Gleichzeitig scheint die Erfahrung mit Kapitalverbrechern sehr entfernt von den Menschen stattzufinden. Die Frauen, die Opfer wurden, ziehen sich zurück und reden nur ungern mit anderen über ihre Erlebnisse. Eine Frau wie Claire ist selbst dann noch davon überzeugt, dass sie selbst vor den Tätern sicher sind, als sie bereits ahnt, dass sie sich selbst in das Visier von Travis Crill manövriert hat. Diese Sicht auf eine gebildete Bevölkerungsschicht von Wissenschaftlern und Schriftstellern, die selbst eine höhere Schulbildung haben und diese auch für ihre Kinder ermöglichen, fand ich sehr interessant. Die Idee, dass elementare Erfahrungen von Gut und Böse durch zu viel Logik eingebüßt werden, die diesem Roman unterliegt, zeigt nicht nur einen Spiegel der neuseeländischen Gesellschaft, sondern - wenn man ehrlich ist - auch unserer eigenen.

Richardson, Paddy: Der Frauenfänger. ISBN: 3426505657. Knaur-Verlag 2012. 9,99 Euro.


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Dieser Post ist zuerst auf meinem anderen Blog, dem PetitSalon erschienen. Da ich beide Blogs an dieser Stelle zusammenlege, veröffentliche ich den Artikel erneut. Ich bitte all diejenigen, die ihn bereits an anderer Stelle gelesen haben um Entschuldigung für die Doppelung!

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