Indie-Übersetzung 4: Deutsche Indie-Literatur erobert den englisch- und spanischsprachigen Raum

Wir sind in dieser Artikelserie nun definitiv am Kern dessen angelangt, was die Beschäftigung mit dem Indie-Literaturmarkt so interessant und brisant macht. Vor zwei Tagen haben wir mit dem Indie-Übersetzer Jonee Tiedemann einen Blick auf die deutsche Indie-Szene werfen dürfen und heute erweitern wir diesen sogar noch. Wir tauchen ein, in die rasanten Entwicklungen des englischsprachigen Marktes und betrachten das Frühstadium eines solchen im spanischen Sprachraum. Wir sehen ein „Baby“ und einen „Teenager“ in denen das Potential von Riesen steckt.
Wie schätzt du die Marktchancen deutscher Eigenverlagsliteratur im englischen und spanischen Sprachraum ein?

Diese zwei Sprachräume und Märkte sind unterschiedlich alt und daher unterschiedlich reif, und ein paar Jahre sind im Zeitalter des Internets sehr viel Zeit. Amazon und Apple gehen zum Beispiel erst in diesem Jahr 2013 nach Südamerika - oder, schon dieses Jahr. Der Grund ist nicht, dass Südamerika, oder dessen überwiegend spanisch-lesende Bevölkerung, nicht interessant wären - im Gegenteil, alleine in den USA ist zurzeit der im Land lebende spanischsprachige Markt noch wichtiger als in allen anderen spanischsprachigen Ländern zusammen (von denen Spanien natürlich nur einen Bruchteil ausmacht). Kulturell war Spanien leider viel zu lange dominant in Südamerika, und alle massiven Publikumsverlage in Südamerika sind Ableger der Mutterfirmen in Spanien.

Ebooks im spanischen Sprachraum – eine Entwicklung im Säuglingsstadium

Der Grund für die verzögerte Entwicklung im spanischen Ebook-Markt ist, dass ein Dutzend verschiedene Länder und Währungen nicht so einfach von heute auf morgen unter einen Hut zu bringen sind. Zumindest aus der Perspektive Amazons oder Apples. Doch der Startschuss ist schon längst gefallen. Die Trägheit der traditionellen spanischen Verlage, um nicht zu sagen die Feindlichkeit gegenüber der neuen digitalen Welt, wird diesen nach Ansicht von Beobachtern der Szene noch ordentlich Kopfschmerzen bereiten. Die haben in den letzten Jahren so ziemlich alle Fehler gemacht, die möglich sind, z.B. wurden die Ebook-Versionen, wenn es denn welche gab, viel zu teuer angeboten - um letztendlich den Leser zum Kauf der guten alten gedruckten Bücher zu bewegen und diesen Ebook-Kram zu vergessen. In Deutschland ist das Thema in dieser Hinsicht ähnlich. Doch nun kommen die Elefanten des Geschäfts mit digitalen Inhalten, Amazon und Apple vornweg, in deren Territorium. Und man kann sich vorstellen, wie das wohl ausgehen wird.

Der englische Ebook-Markt – ein Teenager

Der englische Sprachraum und Markt ist also verglichen mit dem spanischen ein reifer Teenager, während der spanische Markt noch nicht die Windeln abgelegt hat. Die Wachstumsraten sind dementsprechend hoch, en español, und dies, während der reifere englische Markt noch immer zwei- oder dreistellig pro Jahr wächst. In den USA haben die Top 20 Amazon Ebooks je 250,000 Einheiten verkauft, und von diesen Autoren sind angeblich schon mehr als die Hälfte Indie-Autoren! Und man muss wirklich ordentlich suchen, um diese Tatsache überhaupt zu finden. Auch hier gilt wohl, das Wissen eben Macht ist. Gute Information wird zu Wissen, und dies ermöglicht es, gute Entscheidungen zu treffen. Als Autor muss man soviel wie möglich gute Entscheidungen treffen, um sein volles Potential verwirklichen zu können.

Leser machen Indie-Literatur zum Mainstream

Als Indie sollte man sich also bestens informieren, denn dann findet man, dass Indie heute schon mainstream ist. Egal, was die Literaturkritiker oder Großverlage sagen. Der Leser hat schon längst gewählt, er braucht nicht mehr Die Zeit oder die Süddeutsche zu lesen, um seine Lektüre zu finden. Alle Ebooks erlauben es, 10 bis 20% des Buches gratis im Netz zu lesen. Das reicht dem Leser, um eine Kaufentscheidung zu fällen. Noch dazu ist die Lektüre viel kostengünstiger, bei identischem Inhalt, und man muss nicht darauf warten - nur ein paar Klicks, und man kann anfangen zu lesen.

Das Potential des Indie-Literaturmarktes

Das Potential in beiden Märkten ist also immens. Der englische Markt ist jedoch obligatorisch für einen Autor, der ein gutes Buch geschrieben hat und den nächsten logischen Schritt machen will und muss. Meistens will dieser Autor so viele Leser wie möglich, nicht nur im eigenen Sprachraum, und wenn diese noch für das Buch zahlen, um so besser - es muss ja nicht viel sein bei einem Ebook. Mit gedruckten Büchern ist dies extrem komplex und kostspielig, aber mit Ebooks ist dies fast ein Klacks. Man braucht ein paar hundert oder tausend Euro für die Übersetzung und das Korrekturlesen, und ab geht's in die globale digitale Pipeline und in die online-Kataloge, in so viele wie möglich. Und die alteingesessenen Verleger schauen in diese Kataloge täglich hinein auf der Suche nach neuem Material, denn da ist die action.

Die Übersetzung ist das Tor zum internationalen Indie-Literaturmarkt

Wenn ein Indie-Autor auf Deutsch ein paar tausend oder zehntausend ebooks verkauft und mehr als die Hälfte des Verkaufspreises dafür bekommt, dann sollte er natürlich das Buch übersetzen lassen. Wenn man sich das Schreiben anders finanziert als durch Verkäufe, sollte man zumindest erwägen, was eine Übersetzung kostet und was sie in anderen Märkten als dem deutschen leisten und bedeuten kann. Das Preis-Leistungsverhältnis zwischen dem dafür notwendigen Kapital und dem immensen Potential, die Leserschaft zu erweitern, ist so ziemlich unschlagbar. Und Indie-Autoren können genauso global präsent sein wie die wenigen Bestseller-Autoren, die von großen Verlagshäusern betreut werden. Indies haben sogar ein paar Vorteile, z.B. die Zeitersparnis. Ein übersetztes Indie-Ebook ist nach dem Korrekturlesen schon so gut wie auf dem Markt, während die Verlagsautoren hier von den Zeiten der Verlage abhängen, und die sind bekanntermaßen eher wie eine Zeitlupe. Ein überzeugter und entschlossener Indie-Autor kann auf die fast forward Taste drücken, und dies ist bei diesen dynamischen Rahmenbedingungen ein gewaltiger Vorteil. JoneeTiedemann2Du hast Fragen zum Thema Indie-Übersetzung oder möchtest dein Buch übersetzen lassen? Du erreichst Jonee Tiedemann direkt unter jonee.tiedemann[at]gmail.com !

Dieser Post ist zuerst auf meinem anderen Blog, dem PetitSalon erschienen. Da ich beide Blogs an dieser Stelle zusammenlege, veröffentliche ich den Artikel erneut. Ich bitte all diejenigen, die ihn bereits an anderer Stelle gelesen haben um Entschuldigung für die Doppelung!

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