Indie-Übersetzung 2: Berufswunsch Übersetzer

image
Übersetzung ist mehr als einen Text von einer Kultur in die andere zu bringen

Auch heute plaudert Indie-Übersetzer Jonee Tiedemann wieder aus dem Nähkästchen. Ich wollte von ihm wissen, ob es so etwas wie einen Königsweg gibt, um zum Indie-Übersetzer zu werden. Nun weiß ich, dass es den vielleicht gibt - aber gerade verläuft er sicher nicht.


Wie kann man heute am besten den Berufswunsch des Indie-Übersetzers verwirklichen, welche Voraussetzungen sollte man mitbringen und für welche Marktbedingungen muss man sich wappnen?


Puhhhh … gute Frage. Mal kurz googeln?
Ich glaube, die Zwei- oder gar Mehrsprachigkeit einer Person hat drei Grundlagen: Zum einen ist dies die Veranlagung und das Talent für Sprachen, und das findet man schon früh in der Schule und im Leben heraus. Wer prima mit dem obligatorischen Englisch im Gymnasium zurechtkommt, der wird wohl auch Französisch als zweite Fremdsprache wählen. Sprachen liegen einem, oder eben nicht. Wenn man das Glück hat, zweisprachig aufzuwachsen, sei es durch die “Fremdsprache” einer der Eltern oder durch frühe Auslandsaufenthalte, dann hat man da einen wichtigen Vorteil.

Übersetzung bedeutet auch, ein Lebensgefühl einzufangen

Der Aufenthalt in anderen Ländern und Kulturen ist vielleicht der zweite Faktor, der aus einer ganz normalen Person einen “Indie-Übersetzer” macht. Zwar kann man theoretisch eine Fremdsprache rein akademisch in der Schule und der Uni perfektionieren, vielleicht dazu noch ein paar Sommer zu Besuch in Ländern mit dieser Sprache. Doch der Witz der Sache ist, in andere Kulturen einzutauchen, nicht nur sprachlich. Das ganze Lebensgefühl, joie-de-vivre, die Lebenseinstellungen und Ansichten in anderen Kulturen sind wirklich oft ganz unterschiedlich, zumindest auf der Oberfläche. Und die tiefen menschlichen Gemeinsamkeiten werden dadurch erst richtig erkannt, und die sind wichtiger und lehrreicher als die Unterschiede.
Hier ein Beispiel: Warum lieben es viele Mitteleuropäer, in Ländern des Mittelmeers Urlaub zu machen? Nun, es ist wohl oft das Wetter und die Leute. Und die Leute sind unter anderem so, wie sie sind, weil sie besseres Wetter haben. Außerdem sind sie eben irgendwie anders. Zum Beispiel leben die verschiedenen Generationen viel enger zusammen. Die Alten sind keine Last, sondern die Generation der Weisheit, der man Respekt zollt (egal, wie schrullig oder nervig sie sind). Man findet sich spontan zusammen und quatscht und tratscht, und Fremden gegenüber ist man generell offen und neugierig gegenüber. Das feeling fürs Leben scheint eben etwas anders zu sein, und das ist immer eine Bereicherung für die persönliche Anschauung. Ein Gegenstück dazu sind die Tennispartner in Deutschland, die sich nach zwanzig Jahren anbieten, sich nun endlich zu duzen. Der zwischenmenschliche Kontakt ist scheinbar etwas holziger und ernster, und dies heißt ja nicht, dass sich nicht viele Mittelmeer-Europäer oder Lateinamerikaner mehr “deutsche Verhältnisse” wünschen würden.

Berufswunsch Übersetzer?

Natürlich übertreibe ich, es sind immer gewisse Verallgemeinerungen nötig, um etwas auf den Punkt zu bringen. Das Thema ist im Endeffekt dies: Lernt man eine zweite Sprache bei sich zuhause, akademisch perfekt, oder bereichert man die Sprache dadurch, dass man auch in anderen Kulturen lebt? Denn wohl nur wenige Menschen haben als Berufswunsch “Übersetzer”. Wenn man zu einem wird, dann liegt das wohl am Interesse und der Liebe zu anderen Kulturen, und dazu gehört natürlich deren Sprache. Die meisten Berufe in unserer ach so globalisierten Welt profitieren von guten Fremdsprachenkenntnissen, oft sind sie sogar Voraussetzung für eine vielversprechende Karriere. Ob man sich als Übersetzer darauf konzentriert, hängt von vielen anderen Faktoren des Lebens und den Erwartungen jedes Einzelnen ab.

Übersetzer ist nicht = Übersetzer

Die dritte Grundlage des Übersetzers wäre dann, welche persönlichen Interessen jemanden eigentlich dazu antreiben, aus dem Leben das Beste zu machen. Nicht alle Übersetzer interessieren sich für die intellektuellen Welten. Wenn man zum Beispiel Übersetzer für spezielle Industriebereiche wird, dann benützt man die Zweitsprache als Mittel zum Zweck, um Fachbücher der Chemie, Medizin, Nuklearbiologie usw. zu übersetzen. Dies benötigt eine Spezialisierung und wird hoch bezahlt, und ist doch eine ganz andere Welt als die der Literaturübersetzung, oder Sachbücher-Übersetzung.

Dolmetschen als Kultur-Transfer in real time

Und vielleicht noch ein weiterer wichtiger Punkt, der zur Beantwortung deiner ersten zwei Teilfragen beiträgt: Dolmetschen. Dies ist Übersetzen in real time. Das Hirn arbeitet mit wenigen Sekunden Verzögerung und fängt an zu kribbeln, wenn man zum Beispiel zwischen einem peón (argentinischer Landarbeiter) mit breitem, sonnengegerbtem Lächeln mit fehlenden Zähnen, und einem amerikanischen CEO einer Softwarefirma dolmetscht. Die Unterschiede, und die Gemeinsamkeiten, zwischen diesen beiden Extremen sind einfach unbeschreiblich. Das ist wie in einem gutem Film, was sich da an Konversationen und Situationen ergeben kann, und da ich durch meine vielfältigen Tätigkeiten ordentlich in Argentinien unterwegs war, habe ich in der Beziehung so einiges erlebt.
image
Du hast Fragen zum Thema Indie-Übersetzung oder möchtest dein Buch übersetzen lassen? Du erreichst Jonee Tiedemann direkt unter jonee.tiedemann[at]gmail.com !

Dieser Post ist zuerst auf meinem anderen Blog, dem PetitSalon erschienen. Da ich beide Blogs an dieser Stelle zusammenlege, veröffentliche ich den Artikel erneut. Ich bitte all diejenigen, die ihn bereits an anderer Stelle gelesen haben um Entschuldigung für die Doppelung!

Posted in , , . Bookmark the permalink. RSS feed for this post.

Leave a Reply

Search

Swedish Greys - a WordPress theme from Nordic Themepark. Converted by LiteThemes.com.