Indie-Übersetzung 1: Jonee Tiedemann gibt deutscher Indie-Literatur ein englisches oder spanisches Gesicht

Heute möchte ich euch eine Persönlichkeit vorstellen, die sich in besonderer Weise für deutsche Indie-Literatur einsetzt. Jonee Tiedemann ist Übersetzer und hat sich als solcher auf selbst verlegte Bücher spezialisiert. So kann die deutsche Indie-Literatur die Welt – oder zumindest erstmal den englisch- und spanischsprachigen Raum – erobern. Ursprünglich wollten wir euch an dieser Stelle ein kurzes Interview präsentieren. Da der Übersetzer von Indie-Literatur aber so viele spannende Geschichten zu erzählen hat, sind daraus 5 Gastbeiträge geworden, die sich jeweils an einer Fragestellung rund um die Indie-Übersetzung orientieren. Los geht es heute mit dem Thema des Übersetzens als Berufung.

Wie kamst du zur Übersetzung?

Das war einfach mein Lebensweg. Ich bin zwischen Deutschland und Argentinien aufgewachsen, mein Vater arbeitete für eine deutsche Firma, die im Ausland tätig war. So zogen wir etwa alle drei Jahre um, und bevor ich 18 war, hatte ich einmal in Mexiko, zweimal in Argentinien, und dreimal in Deutschland gelebt. Ich studierte dann Komposition und Englisch in den USA und machte in Deutschland meinen Abschluss als Übersetzer und Dolmetscher, Anfang der 90er Jahre. Dies bildet sozusagen die Grundlage meiner Ausbildung als staatlich geprüfter Übersetzer und Dolmetscher, die natürlich niemals aufgehört hat.

Dann zog ich Anfang der 90er Jahre wiederum nach Argentinien, zuerst nach Buenos Aires, und seit nun zehn Jahren lebe ich in Patagonien - im riesigen Süden Argentiniens, wo fast ganz Europa reinpassen würde. Meine Dreisprachigkeit ist also meiner Lebensgeschichte zu verdanken, zudem habe ich Spanisch und Englisch auch knallhart im Gymnasium bzw. der Universität von der Pike auf gelernt. Heute kann ich die Frage “Was ist denn nun deine Muttersprache?” nicht beantworten. Es ist entweder keine, oder alle drei - was die Frage aufwirft, in welcher Sprache man eigentlich denkt. Oder ob das menschliche Bewusstsein an eine bestimmte Sprache gebunden ist, wenn mehrere zur Auswahl stehen.

Übersetzen als kultureller Dialog


Das Übersetzen ist ja irgendwie eine Synthese der großen Gemeinsamkeiten, nicht der kleinen Unterschiede. Je reifer ich werde, desto mehr erkenne ich die menschlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten, die man als mehrsprachiger Umherzügler so gut erleben kann. Und Literatur ist natürlich irgendwie der direkte und ehrliche Weg, darüber zu schreiben, was uns verbindet. Lao-Tzu, Roald Dahl, Douglas Adams oder J.G. Ballard sind auf deutsch eben genauso tief und genial wie im Original.
Übersetzen und Dolmetschen waren schon immer ein zentraler Bestandteil meiner Tätigkeiten, und seit ein paar Jahren schon konzentriere ich mich wieder auf das literarische Übersetzen, inklusive Sachbücher natürlich, denn da gibt es wirklich viel zu tun. Grund dafür ist natürlich das Internet und die explosive Verbreitung des Ebooks und die sich ständig entwickelnden Möglichkeiten, welche unabhängigen Autoren heute und morgen zur Verfügung stehen. Da ist es wirklich nicht einfach, den Überblick zu behalten. Als Übersetzer lese und schreibe ich den lieben langen Tag zwecks Broterwerb, und darüber hinausgehende, komplexe Themen brauchen alle ihre Zeit, um erkannt und verarbeitet zu werden.

Gemeinsam mit Autoren übersetzen


Mein Bereich der Übersetzung, also von Person zu Person, kann durch den direkten Kontakt mit dem Autor viele Fragen für ihn aufwerfen; Themen, die weit über das Thema Buch-Übersetzung hinausgehen. In dieser Beziehung bin ich im besten Falle jemand, der die groben Züge des Indie-Selbstverlegens mit relevanter Information bereichern kann.

Indie-Literatur international


Hier ist ein wirklicher Nugget: schauen wir mal kurz von Deutschland über den Atlantik zu Amazon USA, und damit auch zu all den Ländern, wo englische Ebooks erhältlich sind. Da gibt es heute fast 400 Millionen Titel, die für elektronische Lesegeräte verfügbar sind. Von 2011 bis 2012 stiegen dort die Verkäufe dieser Titel um 117%. Doch die beste Nachricht ist, dass ganze 30% dieser Titel in der Sparte Belletristik für Erwachsene verkauft werden. Das muss man sich mal langsam auf der Zunge zergehen lassen: 100 Millionen Ebooks der Literatursparte werden da im Jahr gekauft, denn diese Zahlen beziehen ja nicht die Gratis-Ebooks mit ein.

Zusammengefasst kann ich sagen, dass deutsche Autoren es zum einen als Propheten im eigenen Land sowieso eher etwas schwer haben, wie alle Propheten. Zum anderen ist der deutsche Ebook-Markt wohl ein wenig ins Stocken geraten, besonders verglichen mit den englischsprachigen Märkten, die wie verrückt wachsen und gedeihen. Doch in Deutschland gibt es immer noch Probleme der deutschen Art. Die Buchpreisbindung macht es einfach sehr schwer, den Leser zum Kauf der Ebook-Version zu verführen, sind doch die Preise für ein gedrucktes Buch und das für das Ebook fast gleich. Das spottet zum Himmel, aber so ist es eben. Ein ganz unmittelbarer Ausweg ist, ein gutes deutsches Indie-Ebook (mit gutem Cover!) als Übersetzung auf diesem gigantischen Markt herauszugeben. Die Kosten sind, verglichen mit dem eröffneten Potential, einfach sehr gering, und meine eigenen Preise für professionelle Übersetzungen sind dazu noch sehr kompetitiv, da ich nicht in Deutschland lebe.

Erfolgsgeheimnisse der Indie-Literatur

Wenn erst einmal die ersten Erfolgs-Stories bekannt werden, mit der üblichen Verzögerung natürlich, denn wir reden nicht von US-typischen Millionen-Auflagen der Young Adult (YA) Vampir-Schmonzetten, die von Teenies verschlungen werden und über die in Schlagzeilen berichtet werden kann (die werden daher eher Insider-Information sein), dann wird ein Ruck durch die Reihen der Autoren gehen, ob Indie oder nicht. “Interessante Verkaufszahlen” ist schon gut genug für die meisten Indie-Autoren. Und nebenbei bemerkt, ich meine natürlich auch immer die Autorinnen, die ja zahlreicher sind als die Autoren.
Die alte Regel hinsichtlich des Verlegertums gilt eben auch für übersetzte Bücher: Publish or Die.

Übersetzung als Wettbewerbsvorteil


Ein Autor mit einem gewissen Budget sollte es doch eher in eine Ebook-Übersetzung investieren als z.B. in eine Marketing-Strategie, die wahrscheinlich nicht viel zum Verkauf des Buches beiträgt. Denn der Leser ist heute so souverän, der Informationsaustausch unter Literatur-Begeisterten ist so direkt, dass ein gutes Buch mit gutem Cover für sich alleine seine Leserschaft finden kann. Und wenn sich dies herumspricht, dann sind die Chancen für befriedigende bis überraschende Verkaufszahlen gegeben, und die Investition zahlt sich schnell aus.

Aber man muss eben dort sein, wo man sein muss, um gefunden, gelesen, und gekauft zu werden.

Du hast Fragen zum Thema Indie-Übersetzung oder möchtest dein Buch übersetzen lassen? Du erreichst Jonee Tiedemann direkt unter jonee.tiedemann[at]gmail.com !

Dieser Post ist zuerst auf meinem anderen Blog, dem PetitSalon erschienen. Da ich beide Blogs an dieser Stelle zusammenlege, veröffentliche ich den Artikel erneut. Ich bitte all diejenigen, die ihn bereits an anderer Stelle gelesen haben um Entschuldigung für die Doppelung!

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