DVD-Tipp: Fraktus - eine Dokumentation, die keine ist und eine wunderbar skurile Filmerfahrung

Sie waren DIE Band der 80er und 90er Jahre. Sie haben den Techno erfunden. Sie waren Genies. Nach über zwanzig Jahren Funkstille macht sich nun ein Journalist auf die Suche nach den drei ehemaligen Bandmitgliedern, in der Hoffnung, sie wieder zusammenzuführen. Studio Braun bzw. Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jaques Palminger warten mit einer Komödie auf, wie sie das Publikum selten zu sehen bekommen hat. Dabei bewegen sie sich mit ihren Helden zwischen Genialität und Trash und hinterfragen das Phänomen des Hypes in der Popmusik. Seit April gibt es diese Perle der Popkultur nun auf DVD.



Ohne Fraktus, wäre Musik heute nicht möglich

Ohne euch jetzt sämtliche Illusionen nehmen zu wollen (Achtung, das könnte jetzt zum Spoiler werden), es hat nie eine Band namens Fraktus gegeben. Trotzdem ist dieser Film aufgemacht wie eine Dokumentation, die irgendwo zwischen Guido Knopp und der ultimativen Chart Show rangieren könnte. Zeitzeugen werden befragt, bekannte Musiker wie Jan Delay oder Musikproduzenten um ihre Meinung zu Fraktus gebeten. H.P. Baxter gibt freimütig zu, dass es ohne Fraktus kein Scooter gegeben hätte. Alle sind sich einig, die drei Jungs von Fraktus waren Genies.

Das große Fraktus-Revival

Dann der Schnitt und die Frage des "Journalisten", der diese Sendung moderiert, was wohl heute aus Fraktus geworden ist. Die Antwort: Einer von ihnen ist mit Schlagern auf Ibiza reich geworden (Heinz Strunk als geldgieriger Musikproduzent Thorsten Bage, der nie seine weiße Wollmütze absetzt - herrlich), der Zweite arbeitet in einem Internetcafé und hört die Musik des Wasserhahns (Rocko Schamonie als ultimativer Proleten-Popper Dirk Eberhard "Dickie" Schubert) und der Dritte ist in das Brillengeschäft der Eltern eingestiegen, wo er seine Kreativität mit fraglichen Schaufensterdekorationen (Thema: Glas und Keramik...) und einer Revivalband namens Fraktus II auslebt (Jaques Palminger als androgyner "Hobby-Hypochonder" Bernd Wand). Prima, denkt sich der Moderator, diese Drei müssen nur wieder zusammengebracht werden und schon wird das Genie erneut ausbrechen. Doch weit vor ihm wird dem Zuschauer klar, dass das niemals passieren wird. Die Drei von Fraktus zeigen sich als hoffnungslose Idioten, große Dilettanten, die gnadenlos als Intellektuelle missverstanden wurden. Ihre Texte von damals trafen in ihrer Einfältigkeit eher zufällig die Ideale der Popmusik, die zu ihrer Zeit gerade Dilettantismus, Einfachheit und Trash für sich entdeckte. So hat keiner gemerkt, was im Film immer spitzer dargestellt wird, dass Fraktus die ironische Hintergründigkeit, die ihre Musik so genial erscheinen ließ, komplett fehlte, dass sie tatsächlich all das ernst meinten, was sie produziert haben, dass sie im Nachhinein hoffnungslos überschätzt wurden.

Es lebe der Pop



Was der Band Fraktus fehlt, hat dafür die DVD von Studio Braun im Überfluss. Trotz der gewollt dilettantischen Darstellungsweise, der wenig vielschichtigen Charaktere und der trashigen Note, die fast schon als Markenzeichen der Studio Braun Produktionen gelten kann, gibt es immer einen Hintersinn. Da werden nacheinander die Dokumentationsformate unseres aktuellen Fernsehens, die Produktionsweise aktueller Hits und die Wahrnehmung von Kulturgeschichte hinterfragt. Ja, da wird sogar implizit die Frage gestellt, ob aller Sinn vielleicht Interpretation ist, ob immer erst im Nachhinein bestimmte Entwicklungen erklärt werden, ob man Dinge nicht einfach mal so sein lassen kann, wie sie sind. Fraktus hat als Band Spaß gemacht, weil sie spontane Musik ohne Sinn und Verstand machten. Fraktus macht als Film Spaß, weil er uns auf absurde Weise einen Spiegel vorhält und uns dazu auffordert, über Spontaneität und Dilettantismus lachen zu können. Denn, Hand aufs Herz, darum geht es doch bei Pop. Und so ist Fraktus vor allem eines, Pop in seiner reinsten und ursprünglichsten Form. Wer diesen Film nicht guckt, ist selber Schuld!

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