Belletristik-Rezension: Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky ist ein (Anti-)Bildungsroman

Dieses Buch hat im letzten Jahr den Preis für das schönste Cover bekommen - zu Recht, wie ich finde. Inhalte solcher Ästhetik-Preisträger haben es dann allerdings oft nicht mehr leicht. Doch Schalanskys Roman "Der Hals der Giraffe" kann in seiner melancholischen Schönheit durchaus mit seinen Buchdeckeln mithalten. Auch der Anspruch auf das wohl urdeutsche Genre der Literatur, welcher im Untertitel gestellt wird, kann gehalten werden - wenn auch in seiner Umkehrung. Der Lehrerin Inge Lohmark, die hier porträtiert wird, hat ihre Bildung nämlich gar nichts genützt. Statt vom Leben zu lernen, häuft sie immer nur mehr Wissen darüber an. Am Ende zeigt sich, dass sie über das wahre Leben gar nichts weiß.

Der Untergang einer Schule

Inge Lohmark ist eine der dienstältesten Kollegen an ihrer Schule in einem kleinen Ort in den neuen Bundesländern. Sie hat bereits viele Entwicklungen kommen und gehen sehen. Nun steht die Schließung der Schule bevor und sie ist entschlossen, auch diese Neuerung stoisch hinzunehmen. Bis zum letzten Tag will sie an ihrem strengen Unterricht festhalten, von dem es heißt, er sei etwas gestrig und viel zu tafellastig. Für Schüler hat Frau Lohmark ebenso wenig übrig wie für ihre sozialpädagogisch geschulten "Kuschelpädagogik"-Kollegen. Ihre Familie ist auch nicht gerade ein Ort des Rückzug und des Zusammenhalts - ihr Mann verbringt die meiste Zeit mit seiner Straußenzucht, die Tochter lebt seit vielen Jahren in Amerika und ist fast schon eine Fremde geworden. Doch noch gibt es in Inge Lohmarks Leben die Bildung und die Vermittlung von Wissen. Was bleibt, wenn die Schule geschlossen wird, wird immer eindringlicher deutlich: Nichts.

Liebe, Fürsorge und soziales Engagement

Für Frau Lohmark sind sie ein einziges großes Rätsel. Zwar studiert sie unablässig die Biologie, doch gelingt es ihr nicht, zu den Grundwerten vorzudringen. Für sie ist hingegen alle Liebe Fortpflanzung, alle Fürsorge Jungenaufzucht und alles soziale Engagement eine Farce. Über weite Strecken des Romans bleibt die Protagonistin dem Leser fremd. Der stakkato-artige Erzählstil spiegelt die kühle Sachlichkeit wieder, die die Lehrerin so verbissen als ihr Markenzeichen pflegt. Doch nach und nach wird klar, dass hier zwar die Geschichte einer Bildung erzählt wird, dass es aber eine Geschichte des Versagens ist. Frau Lohmark ist überfordert. Unfähig, sich selbst oder anderen, Gefühle und Eigenheiten zuzugestehen, baut sie unablässig Mauern zwischen sich und dem Rest der Welt auf. Nur die sehnsüchtigen Gedanken an ihre Tochter und die plötzliche und unerklärliche Zuneigung zu einer Schülerin, zeigen wie löchrig diese Fassade eigentlich ist.

Wissen heißt nicht können

Die langen Passagen über biologische Phänomene zeigen, wie umfangreich das Wissen der Protagonistin aus "Der Hals der Giraffe" im Laufe ihres Lebens geworden ist. Die häufiger werdenden Geschichten über ihr menschliches Versagen zeigen dagegen, wie wenig ihr das bloße Wissen nutzt. Immer klarer wird einem als Leser, dass diese Frau eigentlich gar nicht leben kann, dass sie Wissen und Können verwechselt.

Diese Geschichte des Versagens von Bildung im Sinne der Wissensvermittlung ist im Grunde genommen eine traurige Geschichte. Doch durch den sachlichen Erzählstil entfaltet sich das gesamte Ausmaß der Melancholie, die die Hauptfigur umgibt, sehr langsam und unauffällig. Judith Schalansky ist es auf eigentümliche Weise gelungen, eine relativ leichte Lektüre zu ermöglichen, die erst im Nachhinein zum Grübeln bringt. Dazu führt vor allem eine feine Ironie und viel Sinn für Situationskomik. So still und leise dieser Roman daher kommt, so groß ist sein Nachhall. "Der lange Hals der Giraffe" wird zum Sinnbild des steten Strebens danach, im darwin'schen Kampf um das Überleben unter den Siegern zu sein. Bildung ist für Inge Lohmark das, was der Hals für die Giraffe ist, ein Überlebensvorteil und so überlebt sie ohne zu wissen, dass Leben etwas ganz anderes bedeuten könnte.

Schalnsky, Judith: Der lange Hals der Giraffe. Suhrkamp Verlag 2011. ISBN: 978-3-518-42177-2. 21,90€.

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One Response to Belletristik-Rezension: Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky ist ein (Anti-)Bildungsroman

  1. Hey Mareike,

    das Buch hatte ich auch schon oft in der Hand... aber irgendwie hat es mich nie so sehr überzeugt, dass ich es mitgenommen hätte... Deine Rezension klingt allerdings sehr spannend! Vielleicht sollte ich mir doch mal einen Ruck geben. Vor allem weil ich Bildungsromane als Thema in meiner mündlichen Abschlussprüfung hatte ;)

    LG Catherine

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