Belletristik Rezension: Anthony McCartens Roman "Ganz normale Helden" ist die Geschichte einer Selbstfindung

CIMG2351Eine Familie trauert um ihren jüngsten Sohn und verliert dabei den Ältesten. Ein Vater begibt sich in die Weiten des Internets um seinen Sohn zu suchen und findet dabei seine wahre Identität. Anthony McCartens neuester Roman fängt da an, wo “Superhero” aufhörte und nimmt den Leser mit auf eine rasante Achterbahnfahrt der Emotionen.
3 Helden ohne ihren „Superhero“

Bei Anthony McCartens Roman „Ganz normale Helden“ handelt es sich um die Fortsetzung zu seinem Welterfolg „Superhero“. Der Inhalt des Vorgängerromans erzählte die Geschichte des Jugendlichen Donald Delpe, der schwer an Krebs erkrankt ist. Er träumt, zeichnet und erzählt sich in eine Comicwelt hinein, in der er der Held ist, der gegen den Bösewicht „Gummifinger“ kämpfen muss. Der Junge, und damit auch sein Superheld, verlieren den Kampf und Donald stirbt. Kurz vor dem ersten Jahrestag seines Todes, trifft der Leser in McCartens neuestem Roman wieder auf die Familie Delpe, die noch immer unter dem Verlust ihres Superhelden leidet. Während sich die Mutter so sehr in ihren Kummer vergräbt, dass selbst ihre Freunde nicht mehr an sie herankommen, verleugnet Jim Delpe, der Protagonist dieses Romans, seine eigene Trauer. Das Ehepaar leidet unter der gegenseitigen Entfremdung und ihr zurückgebliebener Sohn Jeff zerbricht fast unter dem Druck, als Kitt zwischen seinen Eltern zu fungieren. Kurz vor seinem Schulabschluss hält er die Situation nicht mehr aus und verlässt seine Eltern. Jeder von ihnen startet nun eine eigene aberwitzige Suche nach dem verlorenen Sohn an deren Ende die Rückkehr zu sich selbst stehen soll.

Adjusted Gross Income trifft auf den Merchant of Menace

Bei Licht betrachtet scheint es ein Rätsel, wie aus dem Thema der Entfremdung innerhalb von Familien und der Flucht in die digitale Kommunikation ein solch packender Roman werden konnte. Anthony McCarten gelingt es, urkomische Situationen aus tieftraurigen Emotionen entstehen zu lassen. Voller Naivität lässt er seine ganz normalen Helden in Situationen hineinstolpern, die für lebenserfahrene Erwachsene wie die Delpes absolutes Neuland sind. So zeigt sich Mutter Renata zwar äußerst entrüstet darüber, dass ihr Sohn Jeff in dem neuen Online-Game „Life of Lore“ recht viel Geld verdient (was sie nur weiß, da sie einen Brief an ihren Sohn geöffnet hat), verliert sich aber selbst in einem Chat-Forum, das Gespräche mit Gott anbietet. Ja, richtig, Renata chattet tatsächlich mit einem „Gott“, von dem sie natürlich weiß, dass er nur ein Mensch ist, der sich als solcher ausgibt, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Trotzdem ist „Gott“ der einzige Gesprächspartner, den Renata noch ernsthaft als solchen akzeptiert und dem sie persönlichste Geheimnisse anvertraut, die sie sogar vor ihrem Mann verschweigt.

Man muss allerdings auch zugeben, dass an Jim Delpe nur noch sehr schwer heranzukommen ist. Seit sein Sohn „ausgezogen“ ist, hat er sich auf die Suche nach ihm gemacht – eine virtuelle Suche im „Life of Lore“. Den Spielernamen seines Sohnes kennt er aus dem von Renata geöffneten Brief, die Regeln lässt er sich von einem jungen Kollegen erklären und schon ist Mr. Delpe lost in seiner Virtual Reality. Als AGI (was eine schnöde Abkürzung für „Adjusted Gross Income“ - zu deutsch Bruttoeinkommen ist) begibt er sich auf die Suche nach seinem Sohn, dem „Merchant of Menace“. Natürlich darf dieser niemals erfahren, wer sich hinter AGI, dem vorgeblichen 23-jährigen Neuseeländer, verbirgt und natürlich kommt Jeff seinem Vater doch auf die Schliche. Dazwischen besteht AGI allerdings einige archaische Abenteuer, die auch auf sein RL (wie im Life of Lore das wirkliche Leben abgekürzt wird) abfärben.

„Ganz normale Helden“ finden zu sich selbst

Nicht nur nimmt Anthony McCarten seine Leser mit auf eine Berg- und Talfahrt der Emotionen – lässt sie in einer Sekunde laut auflachen und in der anderen in Tränen ersticken – er bringt auch schwere Themen wie die Suche nach der eigenen persönlichen und kollektiven Identität mit einer unvergleichbaren Leichtigkeit zur Sprache. Dabei zeigt er, wie wichtig es ist, sich selbst ein wenig zu verlieren – sei es in einem Online-Game oder einem Chat-Forum – bevor man sich wiederfinden kann. Er zeigt auch die schwerfällige Suche nach der Identität eines Heranwachsenden, der sogar dann noch im Schatten seines Bruders steht, als dieser gar nicht mehr da ist. McCarten beschreibt, dass niemand von den Irrungen des eigenen Selbst befreit ist, unabhängig davon, wie alt jemand ist, was er im Leben erreicht oder durchgemacht hat. Dabei ist es auch egal, ob man sich als Person oder Avatar selbst definiert. Letztendlich trägt alles, was wir tun zu dem bei, was wir sind. Den Delpes wird das zwar erst spät klar, doch dafür bescheren sie dem Leser von Anthony McCarten neuestem Roman „Ganz normale Helden“ auf dem Weg ihrer Selbstsuche eine wunderbar kurzweilige und abwechslungsreiche Zeit. Nachdem ich von seinem Roman „Der englische Harem“ schon so begeistert war, hat sich Anthony McCarten mit seinem neuesten Werk einmal wieder und noch fester in mein Herz geschrieben. Der neuseeländische Schriftsteller hat ganz klar Lieblingsautorpotential und das ist etwas, dass ich einem Schriftsteller nur sehr selten einräume.

McCarten, Anthony: Ganz normale Helden. Diogenes Verlag 2012. ISBN: 9783257067941. 21,90 Euro.

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Dieser Post ist zuerst auf meinem anderen Blog, dem PetitSalon erschienen. Da ich beide Blogs an dieser Stelle zusammenlege, veröffentliche ich den Artikel erneut. Ich bitte all diejenigen, die ihn bereits an anderer Stelle gelesen haben um Entschuldigung für die Doppelung!

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