Pop ist tot - es lebe der Pop! Kurze Skizze einer Geschichte der Popliteratur

Bildquelle: Robson  / pixelio.de
Ein Thema, das mich immer wieder interessiert und beschäftigt, spätestens seit ich meine Abschlussarbeit darüber geschrieben habe, ist Pop-Literatur. Da ich anlässlich der Zusammenlegung meiner beiden Blogs (man, klingt das offiziell - puh ;) ) gerade die Postings des PetitSalon durchgehe, habe ich just in diesem Moment diesen Artikel gefunden. Da er eigentlich nirgends so richtig reinpasst, mir aber trotzdem so am Herzen liegt, veröffentliche ich ihn sofort - sozusagen als kleines Blog-Bonbon - ohne auf irgendeinen selbst auferlegten Rhythmus zu achten. Viel Spaß!
Amerika und die Beatniks - die Vorgänger des Pop

Bereits in den 1950er Jahren hebt sich in Amerika eine Generation der »jungen Wilden« hervor, die mit ungewöhnlichen literarischen Texten auf sich aufmerksam macht. Mit »On the road« (in deutscher Übersetzung: »unterwegs«) schreibt Jack Kerouac nicht nur einen der prägensten Romane seiner Generation, sondern schafft auch ein Vorbild für sämtliche Roadmovies und Adoleszenz-unterwegs-Geschichten unserer Zeit. Der zweite richtungsweisende Roman ist »naked lunch« von William S. Burroughs. Der homosexuelle Schriftsteller experimentierte mit zahlreichen Drogen, war zeit seines Lebens ein Waffennarr und erschoss im Rausch seine Ehefrau. Er verarbeitete diese Erfahrungen schreibend. »Naked lunch« konnte aufgrund eines Gerichtsverfahrens in seiner Heimat erst im Jahr 1962 erscheinen. Über einen französischen Verlag fand der Roman trotzdem schon vorher einen Weg auf die literarische Bühne der Welt. Burroughs gilt außerdem als einer der bekanntesten Vetreter der Cut-up-Literatur und war damit Vorreiter für sämtliche collagierenden Literaturtechniken. Es gibt viele weitere Beatliteraten, wie z.B. Alan Ginsberg, mit denen ich mich (noch) nicht näher auseinander gesetzt habe, da viele von ihnen Gedichte schrieben, ich aber eher an Romantraditionen interessiert bin (wie ich zu meiner Schande gestehen muss).

Erste deutsche Welle der Popliteratur

Einer der wichtigsten früher Vertreter des deutschen Pop war Rolf Dieter Brinkmann. Dass er maßgeblich von der Beatgeneration inspiriert wurde, betonte er mehrfach selbst. Trotzdem entwickelte Brinkmann einen eigenen Stil, der seinerseits prägend für die deutsche Popliteratur wurde. Brinkmann schrieb neben zahlreichen Gedichten, die er in Kontrastierung gerne auf Werbebilder von Pin-up-Mädchen setzte, auch den Roman »Keiner weiß mehr«. Neben den Themen der Beatniks, wie die Hinwendung zur Gegenwart und der offene Umgang mit Sexualität, greift Brinkmann darin auch immer wieder die permanenten Einflüsse des medialen Umfelds auf seine Figuren auf. Er erreicht damit eine radikale Sprachmacht, die in Deutschland zu dieser Zeit neu ist. Andere Autoren, darunter Hubert Fichte und Jörg Fauser fügten dem Themenkomplex des Popliterarischen die Alltagserfahrungen der einfachen Bevölkerung hinzu. Sie waren, wie Brinkmann, gegen jegliche Vereinnahmung von Literatur und damit auch gegen Klassifizierungen wie die Unterscheidung von »hoher Literatur« und »Trivialliteratur«. Fichtes Roman »Die Palette«, der zur gleichen Zeit wie »Keiner weiß mehr« erschien, zeigte das Leben der Menschen in Hamburg St. Pauli, die ihren Feierabend in dem gleichnamigen Kultklub auf dem Kiez verbrachten. Fichtes »Pop der Armen«, wie er es selbst nannte, war nicht nur Milieustudie, sondern gleichzeitig ein Blick auf die Gesamtgesellschaft. Auch Fausers Protagonisten sind keine strahlenden Helden, sondern aus dem Leben gegriffene Charakterköpfe.

Suhrkamp vs. Kiepenheuer und Witsch

Die jüngere Popgeneration lässt sich vor allem nach ihrer Zugehörigkeit zu Verlagen unterscheiden. Während der sogenannte »Suhrkamp-Pop« zu dem z.B. Rainald Goetz, Peter Handke oder Thomas Meinecke gehören, als literarisch arriviert gilt, wird der »KiWi-Pop« mit Vertretern wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Christian Kracht von der Kritik als unliterarisch gebrandmarkt. Gemeinsam ist all diesen Autoren die Beschäftigung mit dem Thema Identität im Spiegel popkultureller Erzeugnisse wie z.B. Musik. Ansonsten variiert ihre Literatur stark. Handke klagt z.B. in seiner Publikumsbeschimpfung Konsumhaltung und Massenkultur an, Rainald Goetz beschreibt in »Rave« seine Erfahrungen in der Technoszene, Thomas Meinecke beschäftigt sich ausführlich mit Genderproblematiken, Kracht schafft in »Faserland« einen (Anti-)Helden, der gar keine Individualität durch Abgrenzung finden kann und Stuckrad-Barre ironisiert in »Soloalbum« sowohl subkulturelle Abgrenzungsversuche als auch Anpassung an den Mainstream.

Pop ist tot

Es setzte dann Ende der 1990er Jahre eine Flut von Kategorisierungen von Texten als »popliterarisch« ein, die dazu führte, dass fast jeder Text von einem jungen Autor, der vom Jungsein handelte, so bezeichnet wurde. Das führte letztendlich dazu, dass Popliteratur vor allem auf Romane angewandt wurde, die als Erzeugnisse einer »Spaßgeneration« galten und von sehr unterschiedlicher Qualität waren. Im Jahre 2001 erschütterten die Anschläge des 11.September die Welt. Es wurde das »Ende der Spaßkultur« ausgerufen. Damit galt auch die Ära der Popliteratur als gestorben. Kaum ein Kritiker bezeichnete noch ein Werk als dieser Stilrichtung zugehörig. Doch natürlich kann man sich heute fragen, ob die Totsagung letztendlich das Phänomen niederringen konnte, oder ob Popliteratur irgendwo da draußen noch lebt und auf ein »Comeback« wartet. Wer weiterlesen möchte, dem empfehle ich neben den genannten Primärquellen vor allem den Sonderband »Pop-Literatur« der Literaturzeitschrift »Text und Kritik« (Ausgabe 10/2003) herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold. Hier sind zahlreiche Beiträge zu verschiedenen Aspekten der Popliteratur zusammengetragen.


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Dieser Post ist zuerst auf meinem anderen Blog, dem PetitSalon erschienen. Da ich beide Blogs an dieser Stelle zusammenlege, veröffentliche ich den Artikel erneut. Ich bitte all diejenigen, die ihn bereits an anderer Stelle gelesen haben um Entschuldigung für die Doppelung!

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One Response to Pop ist tot - es lebe der Pop! Kurze Skizze einer Geschichte der Popliteratur

  1. Dieses Buch hier ist besser als Pop:

    http://laputa-verlag.blogspot.de/2015/03/dieses-buch-ist-besser-als-pop.html

    !!!

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