Indie-Literatur: Martina Pahrs „Seifenblasenverkäufer“ ist das lebenskluge Porträt einer Generation, die alles kann und nicht weiß, was sie wirklich will

SeifenblasenverkäuferEin alter Mann mit biblischem Namen, seine wunderschöne Enkelin, die gar nicht seine Enkelin ist, ein Anwalt, der sich in die Dunkelheit flüchtet, ein junger Mann, der andere aus der Welt nach Hause holt und selbst keines hat und Lydia – das sind die Protagonisten in Martina Pahrs „Seifenblasenverkäufer“. Allesamt merkwürdige Gestalten auf den ersten Blick, doch, genauer hingesehen, halten sie uns einen Spiegel vor. Dieses glitzernde Stück Indie-Literatur wirkt mal weise, mal zynisch, mal entrückt und mal hyper-realistisch: Eine Geschichte wie eine Seifenblase.
Ein Kleeblatt wahrer Freunde?

Alles beginnt damit, dass Lydia nach einigen melancholisch in der Badewanne verbrachten Wochen wieder auf die Straße geht und ihre eigenen plötzlich in die Augen eines alten Mannes versunken vorfindet. Er reicht ihr seine Visitenkarte und schon am nächsten Tag kommt sie ihn besuchen. Vor seiner Tür auf die „schönste Frau der Welt“ treffend, dahinter an den Lippen Abrahams hängen bleibend, wähnt sie sich in einer Traumwelt. Und tatsächlich ermutigt der Seifenblasenverkäufer Abraham die junge Frau dazu, sich ihren Träumen hinzugeben. Lydia beginnt, jede Nacht auf dem Sofa des Alten zu verbringen und in ferne Welten abzudriften. Doch schon bald mischt sich der älteste Freund Abrahams, selbst wohl kaum wesentlich älter als Lydia, in die Idylle. Mit schwarzem Haar und schwarzer Kleidung, weißer Haut und beißendem Zynismus versucht er die Eskapistin in die Welt zurückzustoßen. Als dann auch noch der Sonnyboy Jonathan zu dem seltsamen Freundeskreis stößt, scheint das Kleeblatt perfekt und Abraham verschwindet. Eine Flucht, die für seine jungen Freunde gleichzeitig Fluch und Segen ist.

Jeder Lebensweg eine Parabel

Das Figurenkabinett Martina Pahrs ist stark stilisiert und doch gelingt es ihr aus jedem Lebensweg eine Parabel zu machen, die sowohl Allgemeingültigkeiten und Klischees aufgreift als auch den Bruch dieser anstrebt. Allen voran steht Lydia als Protagonistin für eine vom Individualitätszwang überforderte Studentin. Sie ist so mittelmäßig, dass sie es nicht einmal wagt, ihre eigenen Besonderheiten zu erkennen. Statt dessen versteckt sie sich lieber im Bad vor der Welt und wird eins mit dem durchlässigen Element des Wassers. Das geht so lange gut, bis die Außenwelt zu ihr hineindringt. Amadea ist als „schönste Frau der Welt“ kaum mehr oder weniger als das. Immer auf ihre perfekte Hülle reduziert, nutzt sie diese gekonnt, um sich dahinter zu verstecken. Wesen des kühlen Geistes ist hingegen René, der eher schicksalhaft denn ideologisch an den Seifenblasenverkäufer gebunden ist. Von Beruf, wie man spät erfährt, Anwalt kann der düster wirkende Zeitgenosse sich nicht davon lösen, andere zu beurteilen, bevor diese das mit ihm tun. Und schließlich ist da Jonathan, die Lichtgestalt, die so gut beobachten und zuhören kann, dass sie es schafft, in anderen den Wunsch zu erwecken, nach Hause zurückzukehren. Jonathan reist um die Welt, gleichzeitig leer und übervoll von Eindrücken und Begegnungen. Abraham ist kaum mehr als ein Anlass, diese Personen zusammenzuführen und zum Nachdenken anzuregen. Keiner der Figuren ist im Mindesten dazu befähigt, Beziehungen einzugehen und so kleben sie aneinander, ohne jemals ins Innere einer ihrer "Freunde" einzudringen.

Lebensklug und beißend

Die Sprache dieses Romans ist ausgesprochen blumig und gleichzeitig messerscharf. Kein Satz kommt in diesem Büchlein vor, der nicht entweder als Lebensweisheit genutzt werden könnte oder vor Ironie trieft. Manchmal gelingt es der Autorin sogar, beides in einem Satz zu vereinen. Über weite Strecken trägt dieses Kippspiel aus Zuckerbrot und Peitsche sehr gut. Immer wenn der lebenskluge Tenor ins überemotionale abzudriften droht, erdet die ironische Brechung die Geschichte geradezu. Ebenso wie die typisierte Charakterzeichnung trägt auch dieser Schreibstil dazu bei, dass man als Leser die eigene Gesellschaft oder sogar Generation wieder erkennt. Die Fülle an Möglichkeiten führt zu einer ständigen Sinnsuche, die – halb im Ernst, halb im Spaß – mal zynisch, mal rational oder aber auch verzweifelt dann doch wieder verworfen wird. Die ständige Distanzierung von Ideen und Lebensentwürfen führt dazu, dass das Dagegen stets viel stärker ist als das Dafür. Lydia ist gegen die Alltäglichkeit, Amadea gegen die Nähe, René gegen Emotionalität und Jonathan gegen Heimat. Und auch wenn einige der Figuren am Ende etwas versöhnter mit sich und der Welt erscheinen, so fragt man sich doch manchmal, wofür diese Charaktere sich eigentlich entscheiden – ebenso wie man sich in der Gesellschaft oder genauer gesagt, in der Generation der heute ca. 25-35-Jährigen manchmal fragt, wofür sie eigentlich einsteht. Und so taucht bei aller Parabelhaftigkeit doch immer wieder der Bezug zur Realität auf, auch wenn diese meist überspritzt dargestellt ist.

Ein Roman wie eine Seifenblase

Trotzdem mir am Ende der ständige Wechsel zwischen überhöhter und erniedrigender Sprache fast ein wenig zu viel wurde, hat mich dieser Indie-Roman sehr beeindruckt. Die Unnahbarkeit der Charaktere, die einen als Leser fast verzweifeln lässt und ihre sorgsam entworfene Typisierung, die statt einer tiefer gehenden Identität ihre Charaktere nach außen repräsentiert, lassen die Figuren ebenso unnahbar, verletzlich und wechselhaft wirken wie eine Seifenblase. So fragt man sich dann auch mehr als einmal, wer in diesem Figurenkabinett eigentlich alles Seifenblasen verkauft. Eine intensive Lektüre bietet dieses Buch, die einen von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Ich bin gespannt, was dieser Indie-Autorin wohl als Nächstes einfallen wird und empfehle euch bis dahin wärmstens den „Seifenblasenverkäufer“ zu lesen.

Pahr, Martina: Der Seifenblasenverkäufer. Epubli 2013. ISBN: 9783844233391. 14,90€

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Dieser Post ist zuerst auf meinem anderen Blog, dem PetitSalon erschienen. Da ich beide Blogs an dieser Stelle zusammenlege, veröffentliche ich den Artikel erneut. Ich bitte all diejenigen, die ihn bereits an anderer Stelle gelesen haben um Entschuldigung für die Doppelung!

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