Rezension: Téa Obreht "Die Tigerfrau"

Protagonistin dieses ungewöhnlichen Romans ist die Ärztin Natalia, heimlicher Held aber ist ihr soeben verstorbener Großvater. Die junge Frau befindet sich gerade mit ihrer Freundin und Kollegin auf dem Weg in eine ferne Stadt, in der sie die medizinische Versorgung für ein Waisenhaus aufbauen wollen. Der vorwurfsvolle Anruf ihrer Großmutter ereilt sie mitten auf der Straße über ihr Handy. Der Opa habe gesagt, er sei auf dem Weg zu ihr, sie müsse doch gewusst haben, dass er in Wahrheit zum Sterben aufgebrochen sei. Tatsächlich war Natalia in die Tatsache eingeweiht, dass der alte Mann sehr krank gewesen ist, dennoch trifft sie sein Tod schwer und unvermittelt. Während ihrer Arbeit muss sie immer wieder zurück denken, an die Erlebnisse und Geschichten, die sie mit dem Vater ihrer Mutter teilte, der mit seiner Frau stets das Oberhaupt ihres familiären Haushalts war.


Ein Mann, der nicht sterben kann und die Ehefrau eines Tigers

Der grundsätzlich eher schlicht erzählte Roman wird unterbrochen von magisch-realistischen Elementen, die der Lebensgeschichte des Großvaters entspringen. Die dominantesten Erzählstränge sind dabei die Geschichte eines unsterblichen Mannes und der Ehefrau eines Tigers. Letztere traf der Opa Natalias als er noch ein Kind war. Als Dreizehnjährige mit dem Dorfschlachter verheiratet, ist die junge Muslimin ein Rätsel für die Dorfbewohner. Das Misstrauen verstärkt sich sogar noch als sie einem streunenden Tiger Fleisch zu fressen gibt. Der Großvater ist der einzige, der das taubstumme Mädchen unterstützt, als ihr Mann bei der Jagd auf die vermeintliche Bestie stirbt und sie schwanger zurück lässt. Alle anderen Nachbarn sind überzeugt, dass nur der gefährliche Tiger der Vater des Babys sein kann.

Viel später, als er bereits Arzt ist, trifft Natalias Opa auf den Mann, der nicht sterben kann. Drei Mal soll er ihm begegnen, bevor er endgültig mit ihm geht. Schon beim ersten schließen sie eine Wette ab. Kann der unsterbliche Mann seinen Zustand beweisen, so muss sein Wettgegner ihm die Ausgabe des "Dschungelbuchs", welches er ständig bei sich trägt, seit er die Ehefrau des Tigers gekannt hat, überlassen. Gewinnt der Doktor, so vermacht der Unsterbliche ihm die Tasse aus deren Kaffeesatz er den Tod Anderer voraus sehen kann. Sogar noch als sein Herausforderer eine ganze Nacht auf dem Grund eines Sees verbringt, kann der Mann der Wissenschaft, der Natalias Großvater ist, nicht an seine Unsterblichkeit glauben. Seiner Enkelin aber gibt die Vorstellung eine gewisse Ruhe, dass der Fremde, der im Laufe der Jahre beinahe zu einem Freund ihres Opas wurde, ihn nun in den 40 ersten Tagen seiner Seelenwanderung begleiten und ihn schließlich dem Tod persönlich überreichen wird.

Weltliteratur im kosmopolitischen Sinne des Wortes

Die Lebensgeschichte der Autorin verweist bereits auf die Vielfalt von Erzähltraditionen, die auf ihr Schreiben Einfluss haben konnten. Im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien geboren, wanderte sie als Kind mit ihren Eltern nach Ägypten aus und lebt heute in Amerika. Ihr Roman spielt in ihrer ursprünglichen Heimat, beschreibt die Zeit vor, während und nach dem Krieg und hat einen geradezu europäisch-schlichten Sprachduktus. Dennoch stellt sich die Autorin mit dem Verweben mystischer Erzählungen in die Alltagserlebnisse des Großvaters auch in die Traditionslinie großer, südamerikanischer Schriftsteller, den Geistern des magischen Realismus. Daraus entspringt ein neuartiger Stil, der wahrhaft kosmopolitisch anmutet. "Die Tigerfrau" ist ein absolut gelungenes Debüt.

Obreht, Téa: Die Tigerfrau; ISBN: 978-3-87134-712-2, Rowohlt Verlag 2012, 19,95€


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Dieser Artikel von mir ist zuerst auf der Autorenplattform Suite101 erschienen. Der Originalartikel ist hier einsehbar. 

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