Belletristik-Rezension: Torsten Schulz beschert uns mit „Nilowsky“ eine düstere Freundschaftsgeschichte

So richtig mögen kann man in Torsten Schulz' neuem Roman niemanden. Der Protagonist ist ein beeinflussbarer Ja-Sager, sein Freund Nilowsky nutzt dessen Ergebenheit schamlos aus und ihre bulimische Freundin Carola spielt die beiden immer wieder gegeneinander aus. Trotzdem entwickelt diese düstere Freundschaftsgeschichte aus dem Ost-Berlin des Kalten Krieges einen ganz eigenen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.


Markus, Nilowsky und Carola

Der Protagonist dieses neuen Romans, Markus Bäcker, lernt seinen Freund Rainer Nilowsky an den Bahngleisen unweit des Hauses kennen, in das er gerade erst mit seinen Eltern gezogen ist. Nilowsky fällt vor allem dadurch auf, dass er Groschen von Zügen plattfahren lässt und dann darüber philosophiert, dass Spuren dieser Groschen nun in die Welt hinausfahren. Später erfährt Markus, dass Rainer der Sohn eines Eckkneipenwirts und Alkoholikers ist, der seinen Sohn schlägt. Er muss außerdem lernen, dass er Nilowsky nur dann treffen kann, wenn dieser das will. Durch Rainer bekommt Markus Kontakt zu den afrikanischen Gesinnungsgenossen, die in dem Chemiewerk arbeiten, in dem auch Markus' Eltern beschäftigt sind. Immer wieder und immer stärker geht von Nilowsky allerdings eine düstere Todesnähe aus. Seine Mutter starb, als er noch sehr klein war, seine Oma liegt bereits seit langer Zeit im Sterben und seinen Vater würde Rainer am liebsten höchstselbst ins Jenseits befördern. Und dann ist da noch Carola. Nilowsky stellt sie Markus als seine zukünftige Braut vor, dabei sieht Carola gerade einmal aus wie eine Dreizehnjährige. Rainers Großmutter ahnt, dass das Mädchen „die Kotzkrankheit“ habe, Carola selbst behauptet, mit dreizehn beschlossen zu haben, nicht mehr älter zu werden. Markus ist von dem Mädchen mal ebenso mal noch mehr fasziniert als von Nilowsky. Doch er spürt auch die Gefahr, die die beiden trübsinnigen Jugendlichen auf ihn ausüben und versucht sich mehr und mehr von ihnen fernzuhalten.

Nicht schön, nicht sinnvoll und trotzdem gut


Dieser Roman ist nicht schön. Er handelt von Tod und Verderben, Krankheiten und Körperflüssigkeiten. Die Figuren sind unnahbar und zunehmend unsympathisch und der Protagonist ist, ich drücke es mal ganz flapsig aus, eine Lusche. Doch ebenso, wie Markus von Rainer und Carola fasziniert ist, übt auch der Roman auf seine Leser einen Sog aus, dem man nicht widerstehen kann. Mal ist es die Anziehungskraft des Ekels, die einen dazu bringt, sich nicht vom Geschehen abwenden zu können, mal empfindet man Mitleid mit den Personen und mal möchte man sie einfach nur packen und schütteln, damit sie endlich aufwachen und sich aus ihrem Leid lösen. Es ist nicht zuletzt die schlichte und doch packende Sprache, die den Leser trotz Ekelgefühlen oder Asympathien immer weiter lesen lässt. 

Torsten Schulz' Roman ist kunstvoll arrangiert und verdichtet alltägliches Elend in einer grauen Zeit, an die viele von uns sich noch erinnern. „Nilowsky“ ist aber trotzdem weit entfernt davon, in die in den letzten Jahren bei jungen Schriftstellern so beliebt gewordene Kategorie der DDR-Kindheitserinnerungsromane zu fallen. Die Idee des Sozialismus spielt für die Jugendlichen zwar eine Rolle, doch bleibt diese ebenso vage wie jede andere idealistische Theorie, der man als Jugendlicher anhängen kann. Nein, eine Systemkritik liegt dem Autor wohl ebenso wenig am Herzen wie ein Generationenporträt. Kaum jemand wird sich in dieser melancholischen Geschichte selbst wieder finden können. Je mehr man darüber nachdenkt desto weniger findet man überhaupt etwas, dass der Autor mit seiner Geschichte vielleicht sagen möchte und desto ratloser bleibt man als Leser zurück. Dieser Roman ist weder schön noch aussageträchtig, man kann sich weder in den Rahmenbedingungen wiederfinden noch mit den Figuren identifizieren und doch hallt die Lektüre noch lange nach. Trotzdem beschäftigen einen die merkwürdigen Handlungen Nilowskys und die Handlungsunfähigkeit Markus Bäckers – einfach so, ohne einen tieferen Sinn zu vermuten oder zu suchen, denkt man noch manchmal daran, was sich in dieser fiktiven Welt zugetragen hat. Und so ist Torsten Schulz' Roman „Nilowsky“ vieles nicht, aber definitiv eine faszinierende und darum gute Geschichte. 

Schulz, Torsten: Nilowsky. Klett-Cotta Verlag 2013. ISBN: 978-3-608-93971-2. 19,95€.
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2 Responses to Belletristik-Rezension: Torsten Schulz beschert uns mit „Nilowsky“ eine düstere Freundschaftsgeschichte

  1. Oh vielen Dank für die tolle Rezension. Ich liebe solche Bücher, die eigentlich nicht schön sind, von denen aber ihre ganz eigene Faszination ausgeht.
    Aber so wie du schreibst, finde ich schon, dass sich wahrscheinlich viele Jugendliche in den Figuren wiederfinden. Bulemie, Gewalt in der Familie, Perspektivlosigkeit, etc. sind einfach Probleme mit denen sich doch gerade sehr viele junge Menschen herumschlagen. Vielleicht möchte der Autor gerade diese Ratlosigkeit ausdrücken, denn solchen Jugendlichen zu helfen, geht nicht so einfach, wie man vielleicht denkt. Sie stecken in ihrem eigenen Teufelskreis von Gedanken, Idealen etc.

    Liebe Grüße.

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  2. Faszinierend ist wirklich genau der richtige Ausdruck für diese Geschichte. Es ist wahr, dass Torsten Schulz viele Probleme aufgreift, die Jugendliche von sich selbst oder aus ihrem Umfeld nur zu gut kennen - und doch wirft er einen so eigenen Blick darauf, dass sie eben irgendwie verfremdet erscheinen. Mir hat das wirklich nicht nur eine interessante Lektüre beschert, sondern hat mich auch noch lange danach beschäftigt.
    Liebe Grüße,
    Mareike

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