Wie erzählt Peter Jackson wenn er vom Abenteuer des kleinen Hobbit spricht?

Ja, ich habe Peter Jacksons Film „Der Hobbit“ gesehen und nein, es wird auf "Lebe lieber literarisch" keine klassische Rezension dazu geben. Wieso nicht? Nun, erstens finde ich, dass es bereits eine spitzenmäßige neutrale Rezension auf Leselink.de und eine fantastische begeisterte Besprechung auf Hannahs Bücherblog gibt und zweitens bin ich viel zu interessiert daran, was in diesem neuen Blockbuster erzähltechnisch vor sich geht, als dass ich mich zurückhalten könnte, es mit euch zu teilen.


"Der Hobbit" Trailer
 
Bilbos Abenteuer


Zunächst einmal kommen wir im Film „Der Hobbit“ als Zuschauer ja in eine fiktive Welt, die uns bestens bekannt ist - das Auenland. Es ist friedlich, gemütlich und vertraut. Doch Bilbo Beutlin empfängt heute nicht nur uns und unseren alten bekannten Gandalf, sondern auch eine ganze Zwergenbande. Und von nun an beginnt eine Erzählweise, die eigentlich an ein ganz anderes Medium erinnert - das Computerspiel. Die Zwerge versuchen, Bilbo für ihr Abenteuer zu gewinnen, aber werden sie es schaffen? Ganz deutlich legt uns der Erzähler die beiden Wege vor Augen, die die Handlung nun einschlagen kann. Unterzeichnet Bilbo den Vertrag, so wird er in ein ungewisses Abenteuer aufbrechen. Es gäbe keine Garantie dafür, dass er lebend zurückkommt. Unterzeichnet er nicht, so bleibt er beim Porzellan seiner Mutter und wird ein ereignisloses Hobbit-Leben führen.


Eine Welt voll fiktiver Gefahren


Peter Jackson hat in seinen Film "Der Hobbit" so viele digitale Charaktere eingebaut, dass man als Zuschauer fast den Eindruck bekommt, ständig zwischen zwei Welten hin- und herzuwechseln. Auch das erinnerte mich ganz stark an das Erzählen im Game. Die Reise der 14 Gefährten ist wie der Haupthandlungstrang, der durch sich stetig im Schwierigkeitsgrad steigernde Aufgaben unterbrochen wird. Mal kämpft Bilbo gegen Trolle, mal gelingt es ihm nicht, ein Hindernis im Berg der Orks zu überwinden und er stürzt in die Tiefe. Und immer hat man als Zuschauer das Gefühl, einer Handlung beizuwohnen, die auf klaren wenn-dann-Beziehungen beruht. Wenn Bilbo über die Brücke kommt, bleibt er bei seinen Gefährten und sieht sich den Orks gegenüber. Wenn er - wie im Film der Fall - das Hindernis nicht überwindet, fällt er in den Abgrund und trifft auf Gollum. Der hat bereits die nächste Aufgabe für ihn. Bilbo als Hauptcharakter in diesem Spiel muss es gelingen, die Rätsel seines Gegenüber zu lösen und selbst unlösbare Rätsel zu stellen. Schafft er es, zeigt Gollum ihm den Weg hinaus. Schafft er es nicht - game over.

In all diesen Aufgaben-Situationen sehen wir einen realen Charakter (von einem Schauspieler gespielt) einem digitalen gegenüber. Neben Gollum und dem dicken Ork-König gehört auch der Hauptbösewicht, der weiße Ork dazu. Die Brutalität, die im "Herrn der Ringe" durch die Begegnung von offensichtlich von Menschen dargestellten Figuren mit anderen offensichtlich von Menschen dargestellten Figuren, noch vorherrschte, wird in meinen Augen durch die Mensch-gegen-Maschine-Konstellation im Hobbit abgemildert. Die Transposition der Level-basierten Erzälweise von Computerspielen auf die lineare Erzählweise des Films (die trotz allem natürlich auch im "Hobbit" noch vorherrschend ist), ist mir noch in keinem Film so stark aufgefallen, wie im Hobbit. Und wenn ich auch nicht behaupten würde, dass wir es hier mit einem Blick in die Zukunft des Erzählens im Medium Film zu tun haben, so hat mich diese Beobachtung doch sehr fasziniert. Was meinst du dazu? Ging es dir ähnlich oder interpretiere ich viel zu viel in das Gesehene hinein?

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7 Responses to Wie erzählt Peter Jackson wenn er vom Abenteuer des kleinen Hobbit spricht?

  1. "Die Transposition der Level-basierten Erzälweise von Computerspielen auf die lineare Erzählweise des Films (die trotz allem natürlich auch im "Hobbit" noch vorherrschend ist), ist mir noch in keinem Film so stark aufgefallen, wie im Hobbit."

    Hm, auf die Idee, die Erzählweise von Peter Jackson im Film mit der Erzählweise in Computerspielen zu vergleichen, bin ich bisher gar nicht gekommen.
    Aber eigentlich hast du recht: Es gibt Ähnlichkeiten, die sind aber schon von Haus aus vorgegeben - also in Tolkiens Buchvorlage.
    Der Hobbit ist eine klassische Questgeschichte. Held zieht aus auf ein Abenteuer, tut eine große Tat und kehrt wieder zurück.
    Das Motiv ist wohl so alt wie das Erzählen selbst: Mir fallen jetzt spontan die vielen Erzählungen von den Gralsrittern ein oder auch die Theseus-Geschichte aus der antiken Mythologie (Theseus geht nach Kreta, killt den Minotaurus und fährt zurück nach Athen).
    So ist es auch bei Bilbo: Er zieht aus, holt sich den Schatz von Smaug und kehrt wieder zurück.
    Auch Tolkiens anderes Meisterwerk, der Herr der Ringe, ist eine Questgeschichte: Frodo zieht aus, um den Ring loszuwerden und kehrt dann zurück. Nur fällt das im HdR nicht so sehr auf, denn es gibt dort viele Handlungsstränge, die sich abwechseln (sowohl im Buch, als auch im Film).
    Der Hobbit hingegen hat nur einen wirklichen Handlungsstrang, und das sind die Zwerge und Bilbo auf ihrer Schatzsuche. Daher muss Peter Jackson sich auch daran halten (wobei er eh versucht auszubüchsen, indem er Gandalf und seinen Ratsgenossen mit dem Nekromanten eine Nebenbeschäftigung gibt z.B.). Aber es bleibt halt doch ein Wenn-Dann, weil jede Station der Questgeschichte von ihrer vorigen abhängt.

    Und natürlich errinnert das stark an Computerspiele. Mir fällt spontan z.B. der erste Teil von Drakensang ein: Man kriegt einen Brief von seinem Freund, reist nach Ferdok. Unterwegs gibts einige Stationen, wobei jede nur erreichbar ist, wenn man die vorige erledigt hat. Und auch von Ferdok aus gehts dann weiter, immer von einem Ort zum anderen, streng linear.

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    1. Ja, da hast du vollkommen Recht, im Grunde sind alle Questgeschichten durch eine klare Wenn-Dann-Struktur (vor allem als auslösendes Moment, wie z.B. der Besuch der Zwerge bei Bilbo) der Erzählweisen von Computerspielen ähnlich bzw. diese nehmen ja oft auch eine solche Situation zum Vorspann des eigentlichen Games. Trotzdem hat mich das noch nie so eklatant "angesprungen" wie im Hobbit (noch nicht mal im Herrn der Ringe, obwohl der gleiche Regisseur am Werk war). Ich glaube, das hat viel mit der Ästhetik des Films zu tun. Peter Jackson hat selbst in einem Interview einmal betont, dass es ausgesprochen viele rein digital erzeugte Charaktere im Hobbit gibt. Dadurch entsteht in meinen Augen auch der Eindruck, man befände sich in einem Spiel. Hinzu kam eben, das mir aufgefallen ist, dass an den entscheidenden Wendepunkten der Story meist Mensch-Maschine-Interaktionen (bzw. Schauspieler-digitaler Charakter) stehen, wie z.B. Bilbo gegen Gollum. Natürlich müsste man das erst genauer analysieren, um klar eine Parallele zu ziehen.
      Dein Vergleich mit den antiken Helden erinnert mich übrigens an ein Video, das ich neulich bei einer Bloggerkollegin auf Tumblr entdeckt habe (hier die Originalquelle http://www.youtube.com/watch?v=Hhk4N9A0oCA). Ein schöner Gedanke, der mal wieder zeigt, dass die Geschichten, die wir uns erzählen eigentlich immer gleich bleiben - nur die Methoden, die genutzt werden, verändern sich.
      Liebe Grüße,
      Mareike

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  2. Hmm,

    So wirklich überzeugt hat mich deine Interpretation nicht. Ich denke, dass du bezüglich der Ähnlichkeit zwischen Computerspielen und dem Film ausgehst. Tatsächlich besteht zwischen beiden eine Ähnlichkeit, die aber nicht daher rührt, dass sich die Ästhetik des Films an den Spielen orientiert, sondern das Buch als ursprüngliche Erzählung des Hobbits die Vorlage für alle klassischen Adventure-Games ist. Wir haben Es hier also eher mit einer Transposition einer Erzählung in zwei andere Medien zu tun (nämlich Computerspiel und Film) als das der Film eine Abbildung der Erzählweise der Spiele ist.
    Bezüglich der Argumentation es gäbe eine Interaktion Charakter-Maschine, so glaube ich, das dir da eine Verwechslung zwischen zwei Ebenen unterlaufen ist. Dass einzelne Figuren digital simuliert werden, also künstlich erzeugt werden, heißt nicht, dass in der Erzählwelt der Charaktere diese mit Maschinen interagieren. Bilbo Beutlin setzt sich in seiner 'Welt' immer mit den Trollen bzw. Gollum auseinander. Das diese für den Zuschauer als künstlich erzeugt wahrnehmbar sind, betrifft eine ganz andere Ebene, nämlich die der Interaktion zwischen Zuschauer und Medium. Insofern wäre es Interessant, diesen medialen Bruch zu untersuchen, aber es gibt schlicht keine Interaktion zwischen Menschen und Maschinen innerhalb des Films.

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    1. Ja, wie gesagt, es ist auch mehr eine Idee als eine feste Interpretationslinie. Natürlich gibt es keine Mensch-Maschine-Interaktion, wenn man auf die Ebene der erzählten Welt geht - die gibt es im Computerspiel auch nicht. Die erzählte Welt hat für sich einen runden Charakter mit gleichwertigen Figuren. Das ist klar und gilt für Buch, Film und Game gleichermaßen.
      Trotzdem frage ich mich, woher in diesem Film der Eindruck entstehen kann, man befinde sich in einem Spiel. Und nun kommen wir wohl oder übel auf die Werktreue zu sprechen, denn es handelt sich nicht um eine 1:1 Übersetzung in ein anderes Medium. Gut, das ist wahrscheinlich nie ganz der Fall, aber wenn man sich die Änderungen in diesem Film genauer anschaut, so stehen sie eben oft an den Schnittstellen, wo Entscheidungen anstehen. Die ganze Geschichte wirkt in meinen Augen darum weniger determiniert als die Romanvorlage. Hier folgen die Freunde im Grunde immer einem Weg, den Gandalf ihnen vorzeichnet, es gibt weniger Seitenstränge und es gibt bestimmte Figuren nicht. Schon im ersten Abschnitt gibt es eine solche Änderung - Bilbo entscheidet sich eigenständig, den Vertrag anzunehmen und lässt sich damit bewusst auf das Spiel ein. Im Buch "schubst" Gandalf ihn hier wieder auf den Weg. Das ist ein Beispiel für eine Szene, die mir das Gefühl gibt, hier eine eher levelartige Erzählweise zu haben.
      Außerdem fiel mir wie gesagt auf, dass alle bösen Charaktere digital erzeugt sind, während alle Guten von Menschen gespielt werden (das ist im Computerspiel natürlich nicht so, aber der Hauptcharakter ist eben der, der vom Gamer belebt wird). Es werden sogar Figuren hinzu erfunden, wie der weiße Ork. Die Schlussszene des Films ähnelt einer Szene im Buch, in der die Helden gegen Wölfe kämpfen. Wölfe können im Film zwar auch digital erzeugt werden, sind aber im Grunde ja Naturwesen. So ersetzt Jackson die Wölfe gegen den rein digitalen Charakter Azoks und seiner Gefährten und lässt ihn lediglich einen Wolf zum Reittier haben. Statt wie im Buch also eine Fantasiewelt zu haben, in der gute Fantasiewesen gegen Böse Fantasiewesen oder auch Naturwesen kämpfen, sehen wir im Film eigentlich immer Menschen gegen digital erzeugte Bösewichte kämpfen.
      Vielleicht stimmt auch einfach nur die Analogie zum Spiel nicht, aber ich finde nach wie vor, dass hier eine Ästhetik erschaffen wird, die den Eindruck erwecken kann, dass Menschen in eine Computerwelt eintreten. Oder vielleicht präziser ausgedrückt, dass eine Menschenwelt auf eine digitale Welt trifft bzw. beide sich zu einer Chimäre verbinden.

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    2. Der weiße Ork wurde aber nicht erfunden, sondern findet sich im Silmarillion bereits - und er ist auch wirklich der Gegner von Thorin Eichenschild.
      Das einzige, was da erfunden wurde, ist, dass der Ork vor Moria eigentlich wirklich stirbt und nicht nachher nochmal wiederkommt ;)

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    3. Die Lektüre des Simarilions ist bei mir einfach schon ein bisschen her, darum hab ich das gar nicht mehr in Erinnerung. Entscheidend ist aber auch eher die Rückkehr und das damit verbundene Auftreten im Hobbit. Aber wie gesagt, ich bin mir auch selbst unsicher und in meiner anfänglichen Begeisterung für meine kleine Beobachtung inzwischen ein bisschen abgekühlt. Vielleicht ist mein Enthusiasmus da ein wenig mit mir durchurchgegangen ;-)

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    4. So verkehrt ist deine kleine Beobachtung aber gar nicht - dir ist halt aufgefallen, dass man am Hobbit-Film sehr gut erkennen kann, dass es eine Questgeschichte ist, und dass genau solche Questgeschichten auch den meisten Videospielen zugrunde liegen.
      Natürlich hat Peter Jackson ein paar künstlerische Freiheiten vorgenommen, aber das ist ja bei jeder Filmumsetzung eines Romanklassikers so. Außerdem könnte er sonst wohl nich 3 Filme aus dem winzigen Buch rausholen ;)
      Die Literaturwissenschaft ist ja eine beschreibende Wissenschaft - wenn dir was auffällt, mach es publik - du kannst damit anderen Leuten vielleicht einen Blickwinkel auf ein Werk ermöglichen, den sie sonst nie eingenommen hätten.

      (Und ich für meinen Teil zerlege unheimlich gern die Handlungselemente von Filmen und Büchern in ihre Einzelteile - und lese solche Analysen auch sehr gern! :) )

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