Film-Rezension: Skurril und herrlich komisch - "Moonrise Kingdom" von Wes Anderson

Endlich konnte ich es nachholen, den Film "Moonrise Kingdom" von Regisseur Wes Anderson zu schauen. Ich hatte mich schon lange geärgert, diese skurrile Tragikomödie im Kino verpasst zu haben, die von zwei Kindern erzählt, die von ihrem Zuhause weglaufen, um ihre eigene Welt zu erobern. Als ich dann aber endlich mit Käseplatte und Schokoladen-Nachtisch vor meinem DVD-Player saß, wurde ich schier umgehauen von der kindlichen Weisheit und der ästhetischen Intelligenz dieses herausragenden Films.



Zwei Kinder schaffen sich ihr „Moonrise Kingdom“


Der 12-jährige Sam ist Waise und Pfadfinder. Sein Schicksal hat ihn früh gelehrt, was Einsamkeit ist und seine "emotinale Störung" trägt nicht gerade dazu bei, dass er diese aus eigener Kraft überwinden kann. Obwohl er ein hervorragender Fährtensucher ist, gelingt es ihm nicht, bei den Pfadfindern eine neue Familie zu finden. So kündigt er eines Tages fristlos und macht sich auf, um sich selbst einen kleinen Teil der Welt zu erobern. Natürlich geht das nicht ohne seine große Liebe Suzy. Suzy ist ebenfalls 12 Jahre alt und auch sie ist einsam. Dabei kommt sie aus einer großen Familie, lebt mit beiden Elternteilen und drei Brüdern zusammen. Dass diese Familie alles andere als normal ist, wird dem Zuschauer allerdings schon in den ersten Szenen klar, die ein großes Haus erfüllt von Musik des Komponisten Benjamin Britten zeigt. Bis auf ein Zimmer, in dem sich alle Kinder um einen Plattenspieler versammelt haben, ist das Haus allerdings leer. Ach nein, stimmt gar nicht. Irgendwo in einem der zahlreichen Räume schleicht eine Frau im Nachthemd herum (Frances McDormand spielt die Rolle der verschrobenen alt-wirkenden-obwohl-eigentlich-noch-jungen Mutter hervorragend) und irgendwo findet sich ein hünenhafter Vater, nur mit einer bunt gemusterten Flanellpyjama-Hose bekleidet (Bill Murry - herrlich, natürlich). Das hübsche, zarte Mädchen, das mit einem Buch auf der Fensterbank sitzt und von deren ebenfalls etwas überraschenden emotionalen Schwierigkeiten der Zuschauer erst später erfahren soll (ich verrat' nix, da müsst ihr den Film schon selber gucken!), fügt sich nur schlecht in dieses familiäre Umfeld.

Für Sam und Suzy, die sich einige Zeit vorher bei einer Aufführung von Benjamin Brittens Kinderoper "Arche Noah" in der Dorfkirche kennengelernt, und seitdem eine intensive Brieffreundschaft gepflegt haben, ist klar, dass der Verlust, den sie durch eine Flucht aus ihrem jeweiligen Umfeld riskieren, gering ist. So treffen sie sich eines Tages unweit von Suzys Elternhaus und machen sich von dort aus auf in die Wildnis. Die Pfadfinderschaft bemerkt den Verlust eines ihrer Mitglieder als Erstes und setzt alle Hebel in Bewegung, Sam wiederzufinden. Eine Gang von Sams Feinden wird als Suchtrupp ausgeschickt und die Elt:ern benachrichtigt. Doch, oh Schreck, diese reagieren mit einer ähnlichen Kündigung, wie Sam sie an seinen Campleiter schrieb. Sie möchten den Pflegesohn doch bitte behalten oder ans Jugendamt verweisen, denn die Familie könne ihn nicht wieder aufnehmen. Erst als ihre Mum sie am Abend per Megaphon zum Essen ruft, bemerkt Suzys Familie, dass ihre Älteste nicht mehr zu Hause ist. Sie benachrichtigen den Dorfpolizisten (gespielt von Bruce Willis), der praktischerweise auch der Liebhaber von Suzys Mum ist. Während auf beiden Seiten also der Kampf um die Rückeroberung der Entflohenen brodelt, erleben Sam und Suzy zum ersten Mal, was Eigenverantwortung und liebevolles Miteinander bedeuten und gründen ihr Moonrise Kingdom.

"Moonrise Kingdom" - der Trailer






Die Weisheit und Leidenschaft der Nicht-Erwachsenen

Am meisten fällt in diesem Film der Gegensatz zwischen der geradezu eingefroren erscheinenden Welt der Erwachsenen und der Leidenschaft der kindlichen Welt auf. Es ist so erschütternd zu sehen, wie z.B. Suzys Eltern nebeneinander herleben. Sie sind beide Juristen und haben doch kaum etwas, über das sie sich miteinander unterhalten können. Sie schlafen in einem Zimmer aber nicht in einem Ehebett. Auch die Affäre der Frau ist eher traurig als aufregend. Obwohl der Polizist ihr Liebe entgegen bringt, schafft sie es nicht, aus ihrer Lethargie aufzuwachen. Wie anders erscheint dagegen die Welt der Kinder, in der auch die erwachsenen Pfadfinder sich ein bisschen Jugendlichkeit bewahren. Hier geht es zwar rau zu, aber dafür leidenschaftlich. Spitznamen wie "Schielauge" oder "Winzling" verwundern hier niemanden. Es gibt entweder Feind oder Freund und Waffen sind dazu da, gefährlich zu sein. Gerade am Anfang drängt sich dem Zuschauer der Eindruck auf, es hier mit einer ganzen Reihe Schwererziehbarer zu tun zu haben. Doch in dem Moment, wo aus Feinden Freunde werden und Sams Pfadfinder-Kollegen beschließen, ihn zu unterstützen, zeigt sich, wie wahrhaftig und ehrlich diese raue Welt ist. Natürlich sind beide Welten abgesehen von ihren gegenteiligen Besonderheiten so schrullig dargestellt, dass man einfach nur darüber lachen muss.

Ästhetisch-intelligente Komödie

So wie sich in diesem Film inhaltlich zwei Lebensentwürfe gegenüberstehen, so folgen auch die Filmbilder stets einem klaren Aufbau. Sie sind von einer auffallenden Symmetrie und wirken dadurch sehr ästhetisch. Bei Telefonaten wird gerne die fast schon etwas veraltet wirkende Film-erzähltechnische Konvention des Split-Screens eingesetzt. Was zuerst verwundert, unterstützt aber letztendlich wieder nur den Zusammenhang von Form und Inhalt, denn auch hier geht es nicht nur darum, zu zeigen, dass am anderen Ende der Telefonleitung ein anderer Mensch zur gleichen Zeit an einem anderen Ort sitzt. Sondern es entsteht wieder der Eindruck, dass unterschiedliche Welten aufeinandertreffen. Selbst wenn gleiche Gesetzgebung das Dorf, das hier gezeigt wird, mit dem Rest der Welt verbindet, so scheinen doch ganz eigene Regeln zu gelten. Der Film wirkt also insgesamt nicht nur schön gemacht, sondern es scheint tatsächlich möglich, in jedem erzähltechnischen Detail auch einen Sinn zu erkennen. Die DVD zu "Moonrise Kingdom" birgt also nicht nur eine tragikomische Abendunterhaltung, sondern einen rundum stimmigen ästhetisch-intelligent-witzigen Filmgenuss, den man immer wieder sehen kann.

Anderson, Wes: Moonrise Kingdom. Universal/DVD 2012. 15,99 Euro.

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8 Responses to Film-Rezension: Skurril und herrlich komisch - "Moonrise Kingdom" von Wes Anderson

  1. Vorgestern hieß es hier noch:

    "Ich werde also ab heute fleißig daran arbeiten, alle Buchlinks umzustellen, sodass bald keine Links von meinem Blog mehr zu Amazon führen",

    jetzt schallt es aus der gleichen Richtung:

    "Wenn dir mein Artikel gefallen hat, kannst du deinen nächsten Amazon-Einkauf gleich über diesen Link starten. Ich darf mich über eine kleine Provision freuen und du bezahlst nichts extra."

    Das ist gelinde gesagt schade. Sehr gelinde.

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  2. Hey Florian,
    danke für den Hinweis - wie du siehst ist die Zeile schon weg. Da gehe ich fleißig die alten Posts durch, um nach und nach alle Partnerlinks zu ersetzen und vergesse die Artikel, die bereits vorgeplant sind. Das tut mir sehr leid und ist natürlich nicht im Sinne meines Statements von Vorgestern. Es wird aber, wie du siehst, weiter daran gearbeitet und ich hoffe meine Schusseligkeit verziehen.
    Liebe Grüße,
    Mareike

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    1. Dann will ich nichts gesagt haben.
      Die anderen Andersonfilme sind übringes ebenfalls alle sehr sehenswert!
      grüße,
      flo

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    2. Nee, gut, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast - das Gute an so einem peinlichen Faut Pas ist ja, dass es einem nur ein Mal passiert ;)
      Ich kenne bisher nur noch die Tiefseetaucher von Wes Anderson. Den fand ich aber auch großartig... ach, was sag ich, Darjeeling Limited kenne und liebe ich natürlich auch!

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  3. Vielen Dank für diese ausführliche Rezension. Sie lässt sich wirklich sehr gut lesen und macht Lust auf den Film. Ich vermute, dass mir der Film gar nicht aufgefallen wäre, wenn du nicht die Rezension darüber verfasst hättest. Vielleicht besorge ich mir mal die DVD oder aber achte zumindest darauf, ob er mir mal in der TV-Zeitschrift auffällt - zumindest in 2-3 Jahren sollte er ja auch dort zu sehen sein... Danke auf alle Fälle für den Tipp!

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    1. Hey Julie,
      das freut mich sehr :) Wenn du den Film in die Finger kriegen solltest, lass ihn dir nicht entgehen!
      Liebe Grüße,
      Mareike

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  4. Herrlich fand ich insbesondere die leidenschaftliche Ernsthaftigkeit der altklug-selbstreflektiert überzeichneten kindlichen Hauptprotagonisten. Mit welch zielstrebiger Inbrunst sie ihr Abenteuer verfolgen, hebt sich dezidiert von der trostlos anmutenden Ziellosigkeit der erwachsenen Nebendarsteller ab. Eine vielsagende Metapher auf das sprichwörtliche innere Kind, dessen Kreativität im Verlauf von so manchem Erwachsenenleben einem stillen Untergang geweiht ist.

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    1. Hey Mila,
      Das ist eine sehr interessante Beobachtung. Vor allem der Vater von Suzy erscheint ja auf so sinnentleerte Weise "kindlich". Er trägt den ganzen Tag Pyjamahosen und macht nix. Für die wirklichen Kinder im Film erscheint dagegen alles total sinnvoll. Alles, was sie tun, verfolgen sie mit leidenschaftlicher Innbrunst.
      Liebe Grüße,
      Mareike

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