Literatur zum Nachdenken: Hermann Kochs Roman "Angerichtet"


Hermann Koch richtet seinen Roman wie ein schwer verdauliches vier-Gänge-Menü an: auf der Karte die Themen Familie, Karriere, Gerechtigkeit und ein Skandal.

Zwei Ehepaare treffen sich zum gemeinsamen Essen in einem teuren Restaurant. Die Männer sind Brüder, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Einer ist Politiker, karrriereorientiert und immer auf seinen guten Ruf bedacht. Der andere ist Lehrer im Vorruhestand, aus dem Dienst ausgeschieden wegen einer psychischen Erkrankung, die zunächst nicht weiter definiert wird. So harmlos wie eine leichte Vorspeise beginnt Hermann Kochs Roman „Angerichtet", der im Frühjahr des Jahres 2010 auf den Buchmarkt kam und seitdem bei seinen Lesern tiefe Spuren hinterlassen hat. Denn natürlich entfaltet sich mehr als ein harmloser Familienkonflikt in diesem Stück Weltliteratur. Der fassungslose Zeuge, zu dem der Leser wird, wird geradezu gezwungen, Stellung zu beziehen zu einem Thema, welches die Vier auch während des Hauptgangs noch aussparen und welches an den Grundfesten des menschlichen Wesens zerrt. Erst zum Nachtisch geht es dann um Themen, die sie alle betreffen, um ihre Kinder, deren Zukunft und ihre Rolle als Eltern.

Nur langsam gibt Koch preis, dass die drei Söhne der beiden Ehepaare etwas Illegales getan haben. Sie wurden dabei gefilmt und das Video wurde auf die Internetplattform Youtube eingestellt, die Polizei sucht die unkenntlichen Täter, die die vier Hauptfiguren als ihren Nachwuchs erkennen. Als sie zum Ende des Abends endlich zu diesem Thema vordringen, welches sie bis dahin krampfhaft umschifft haben, sind die Meinungen zwiespältig. Der Politiker ist sowohl um seinen eigenen Ruf als auch um den seines Sohnes und seines Adoptivsohnes besorgt. Dennoch weiß er um die Bedeutung von Recht und Gerechtigkeit und stimmt darum eher für die Vertuschung der Tat. Der Lehrer hingegen stellt sich sofort hinter seinen Sohn und setzt sich vehement dafür ein, dass dessen Zukunft nicht verbaut wird.

Frage nach der Rangordnung moralischer Grundsätze

Durch Kochs geschickte Führung des Lesers mit dem voran gehenden Menü in den Konflikt der Geschichte hinein, erreicht er ein hohes Maß an Auseinandersetzung mit dessen Inhalt. Zu Beginn scheinen die Fronten klar. Der Leser ist dicht bei der Figur des Lehrers durch dessen Sicht die Geschichte erzählt wird. Die Liebe zu seinem Kind, welche in die bedingungslose Verteidigung dessen mündet, scheint mehr als nachvollziehbar. Der Jugendliche, der, ebenfalls aus der Perspektive seines Vaters, als liebenswerter Junge beschrieben wird, erscheint eines gravierenden Verbrechens kaum fähig. Die Idee das eigene Kind anzuzeigen, wie der Politiker-Bruder es vorschlägt scheint absurd und unmenschlich. Die ganze Sympathie des Lesers ist mit dem Lehrer und seiner Frau, es erscheint völlig unmöglich nicht davon auszugehen, dass das „Verbrechen" nicht mehr ist als ein dummer Jungenstreich. Unter diesen Umständen ist es nur logisch, dass Elternliebe als moralischer Wert höher gestellt wird als das Recht, welches eigentlich auch für Gerechtigkeit steht.

Bedingungslose Liebe oder Liebe zur Gewalt

Doch dann wandeln sich die Vorzeichen. Der vom Leser bereits als recht sympathisch angenommene Protagonist entwickelt immer mehr Widersprüche in seiner Persönlichkeit. Er wird zunehmend nervös und reizbar. Plötzlich scheint er gar nicht mehr so viel sympathischer zu sein als sein Bruder. Dieser Eindruck spitzt sich immer weiter zu, bis daran erinnert wird, dass dies lediglich eine psychische Krankheit ist, die dem Leidenden bereits das Ausscheiden aus dem Schuldienst bescherte. Wieder neigt der Leser dazu, ihm zu verzeihen auch, und gerade, weil seine Frau beruhigend und ausgleichen auf ihn einwirkt.

Schließlich aber kommt die Sprache wieder auf die eigentliche Tat, die dem Leser endlich in vollem Maße vor Augen geführt wird. Sie übersteigt in ihrer Grausamkeit die schlimmsten Erwartungen und wirft so sämtliche Konstellationen von Gut und Böse in Relation zu den dargestellten Figuren wieder über den Haufen. Es wird klar, dass die Perspektive des Protagonisten nicht nur die Darstellung seines Sohnes verzerrt, sondern, dass dies geschieht, weil er die gleichen Anlagen wie sein Vater in sich trägt. Dabei handelt es sich nicht um eine Erbkrankheit, sondern schlicht um überdurchschnittliche Aggressivität. Er ist nicht nur voreingenommen, weil der Täter nun einmal sein Sohn ist, sondern - und das macht es so grausam - er ist auch noch stolz darauf, genauso wie seine so ausgleichend wirkende Frau. Und dennoch kann der Leser sich nicht am Ende ungebrochen auf die Seite des Bruders stellen, da dieser seine Kinder anzeigen würde, obwohl sie nur vergleichsweise passive Komplizen waren. Die Positionen, die der Roman anbietet, müssen also allesamt abgelehnt werden, doch welche Haltung wäre in so einem Fall überhaupt die Richtige? Mit dieser Grundsatzfrage lässt Hermann Koch seine Leser allein. Es ist „angerichtet" doch klar ist nur eines: Dieses Menü liegt schwer im Magen!

Koch, Hermann: Angerichtet; Kiepenheuer und Witsch 2010; 3462041835; gebundene Ausgabe; 19,95 Euro

Dieser Artikel von mir ist zuerst auf der Autorenplattform Suite101 erschienen. Der Originalartikel ist hier einsehbar.

Wenn dir mein Post gefallen hat, kannst du deinen nächsten Buch-Einkauf gleich über diesen Link starten:
Bücher portofrei bestellen!
Jetzt bei www.buecher.de!

 Ich darf mich über eine kleine Provision freuen und du bezahlst nichts extra.

Posted in , , . Bookmark the permalink. RSS feed for this post.

Leave a Reply

Search

Swedish Greys - a WordPress theme from Nordic Themepark. Converted by LiteThemes.com.