Nobelpreisträger 2012: Mo Yans Roman "Das rote Kornfeld"



Die Entscheidung des Nobelkomitees, den chinesischen Schriftsteller Mo Yan in diesem Jahr zum Preisträger zu wählen, ist sehr kritisch beurteilt worden. Immerhin unterstützt Mo Yan das chinesische Regime. Dabei sind seine literarischen Fähigkeiten nie in Frage gestellt worden. Aber kann man denn einen Literaturnobelpreis aus politischen Gründen vergeben oder eben auch gerade nicht vergeben?


Ich muss sagen, dass ich generell überzeugt davon bin, dass der Literaturnobelpreis - immerhin die am höchsten dotierte Auszeichnung für Schriftsteller - an denjenigen vergeben werden sollte, der die höchste literarische Qualität hervorbringt. Allerdings war dieser Preis auch immer schon mit einer idealistischen Idee behaftet und somit nie ganz frei von politischen Einstellungen. Nichtsdestotrotz wollte ich diesem anzweifelbaren Nobelpreisträger eine Chance geben. Ich kaufte mir sein bekanntestes Werk, um mir selbst einen Eindruck zu machen, den ich jetzt an euch weitergeben möchte.

Ein Familienroman - eine Geschichte in Episoden

Mo Yan erzählt aus der Perspektive einer Enkelgeneration, die zurückblickt auf das Leben von Großeltern und Eltern. Am Beginn dieser Familiengeschichte steht die schicksalhafte Begegnung der Großmutter des Icherzählers mit dem Mann, der sein Großvater werden sollte. Die junge Frau - fast noch ein Kind - wird in einer Trage zu ihrer Hochzeit gebracht. Ihr Gesicht und ihre winzigen gebundenen Füße sind von solch erhabener Schönheit, dass einer ihrer Träger sich sofort in sie verliebt, als er während eines Überfalls auf ihren Trupp einen Blick auf sie erhaschen kann. Er führt sie ins Feld und macht sie zu seiner Geliebten noch bevor sie ihrem Mann zugeführt werden kann. Dieser ist, wie sich nur kurz später herausstellt, von Lepra befallen und somit eine Gefahr für das Leben der jungen Frau. Doch ihrem unerschrockenen Liebhaber gelingt es, seinen Nebenbuhler zu beseitigen. Das Mädchen übernimmt die Destillerie ihres Mannes und lebt fortan in wilder Ehe mit dem ehemaligen Träger, der erst zu einem ihrer Arbeiter und später zu einem Banditen wird bis schließlich der Krieg mit Japan ausbricht.

Erbitterte Kämpfe und blutige Siege

So wild-romantisch die im Rückblick eingestreuten Abschnitte dieser Familienvergangenheit wirken mögen, so erbittert ist der Kampf, dem der Vater des Icherzählers als Kind beiwohnt. Japanische Soldaten und ihre chinesischen Söldner fallen in ihr Dorf ein, worauf der Großvater eine Wiederstandsarmee gründet, mit der er bis zum letzten Mann kämpft. In diesem Kampf fällt auch seine schöne Frau. Schon vorher von hitzigem Gemüt wird er nun zu einem erbarmungslosen Rächer, der immer neue Wege sucht, gegen die Japaner zu kämpfen. Sein Sohn ist dabei ständig an seiner Seite und wird mit seinen Freunden von klein auf zum Kämpfer des chinesischen Widerstands erzogen. Was seine kindlichen Augen dabei bezeugen müssen ist oft so grausam, dass sich selbst dem erwachsenen Leser das ein oder andere Mal der Magen umdreht.

Literarisch anspruchsvoll ja - aber ein Genuss?

Die Konstruktion von "Das rote Kornfeld", die Art, in der die Geschichten von drei Generationen dem Leser zunächst nur bruchstückhaft enthüllt und somit geschickt verwoben werden, ist ohne Zweifel meisterhaft. Auch, dass die Grausamkeit des Krieges in einer Offenheit geschildert wird, die jegliche Szenarien westlicher Thriller in den Schatten stellen, kann durchaus gerechtfertigt erscheinen. Nur eines ist mir klar, nachdem ich dieses Werk Mo Yans gelesen habe. Dieser Autor kann nicht unpolitisch gelesen werden. "Das rote Kornfeld", welches auch verfilmt wurde, zeigt eine Form des sozialistischen Realismus, die Gewaltbereitschaft, Banditentum und Kriegsverherrlichung inmitten einer ländlichen Idylle zulässt. Dabei richtet sich die Wut, die durch alle drei Generationen männlicher Protagonisten erhalten bleibt, gegen ein stigmatisiertes Feindbild, welches unreflektiert und mit Schimpfworten besetzt bleibt.

Wie es Mo Yan gelingen kann eine derartige Liebe zur Gewalt trotz all ihrerer ebenfalls genannten Grausamkeiten zu erhalten und zu vertreten ist mir ein Rätsel. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass Literatur Literatur sein darf und Politik Politik sein lassen darf, aber im Fall des aktuellen Literaturnobelpreisträgers ist eine solche Trennung schlicht und einfach nicht möglich, da er selbst beide Bereiche vermengt. Für mich war "Das rote Kornfeld" darum eine interessante Lektüre, die mich zum Nachdenken über das Verhältnis von Politik und Literatur gebracht hat und die ich nur zum kritischen Lesen und weniger als Lesegenuss empfehlen kann.

Mo Yan: Das rote Kornfeld. ISBN: 3293203839. Unionsverlag 2007. 12,95 Euro  

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