Ist Jussi Adler-Olsen der neue Stieg Larsson? Ein Vergleich.

Larssons allzu früher Tod ließ seine gerade erst "angefixten" Leser in ein tiefes Loch fallen. Füllt Adler-Olsen 8 Jahre danach die entstandene Lücke aus?



Am 9. November jährte sich der Todestag des beliebten schwedischen Krimiautors Stieg Larsson bereits zum achten Mal. Mit seiner höchst ungewöhnlichen Millenium-Trilogie wurde er weltweit als Krimiautor bekannt, seine Bücher in Europa und Hollywood verfilmt. Schnell hat Larsson eine internationale Fangemeinde aufgebaut, deren Begeisterung nur eines trübt, der viel zu frühe Tod ihres neuen Lieblingsautors augrund eines Herzinfarkts.


Fünf Jahre nach der Tragödie, im Oktober 2009, erscheint ein Lichtblick am Horizont: Jussi Adler Olsens erster Kriminalroman "Schändung" kommt in Deutschland heraus. Bereits der Titel lässt Assoziationen mit dem verstorbenen schwedischen Kollegen aufkommen. Zumindest hatten die Mitarbeiter des Deutschen Taschenbuch Verlages diese beim Lesen des dänischen Manuskripts wohl, schließlich platzierten sie das Buch unter einem Titel, der denen der deutschen Larsson-Ausgaben zum Verwechseln ähnelt, auf dem Markt. Doch ist hier wirklich ein neuer Stieg Larsson am literarischen Firmament erschienen? Was macht die Faszination des schwedischen Autors aus und inwiefern gleicht ihm darin sein dänisches Pendant?

Lisbeth Salander

Die Millenium-Romane "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung" fallen zunächst durch ihre ungewöhnlichen Hauptfiguren auf. Vor allem die geradezu soziopathische Lisbeth Salander weicht stark von Figuren aus anderen Ermittlungsgeschichten ab. Als Kind musste sie unter einem entweder abwesenden oder gewalttätigen Vater leiden. Mit 12 Jahren versucht sie, ihn zu töten. Der Anschlag missglückt und das Kind wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Hier verbringt sie ihre gesamte Jugend und auch als Erwachsene wird ihr Leben noch durch einen Vormund geregelt. Lisbeth ist eine moderne Version der Kindfrau, ihr Körper ist zierlich und wird als dem eines zwölfjährigen Jungen ähnlich beschrieben. Gleichzeitig verbirgt sich in ihrem Inneren eine solche Energie, dass sie es scheinbar spielend mit den grausamsten Verbrechern ihres Landes aufnehmen kann. Lisbeth ist keine Identifikationsfigur für den Leser, sie ist ein Faszinosum. Trotzdem ist es kaum möglich, sich nicht mit ihr zu solidarisieren, so stark ist ihr Drang nach Gerechtigkeit, der sie auch vor roher Gewalt nicht zurückschrecken lässt.

Außerdem hat Lisbeth eine besondere Begabung. Sie ist eine der besten Hackerinnen ihres Landes. Die Beschreibung des Hacker-Millieus und die Vertrautheit seiner Heldin mit diesem hätte leicht zum Klischee werden oder als haltloser Versuch eines Literaten, modernen technischen Entwicklungen gerecht zu werden enden können. Larsson gelingt sie jedoch meisterhaft. Die gesamte Figur Lisbeth Salanders ist so authentisch beschrieben, dass sie weite Strecken des Romans trägt, die ohne eine derart starke Hauptfigur unglaubhaft wirken könnten.

Mikael Blomqvist

Den investigativen Journalisten Mikael Blomqvist gestaltet Larsson als schillernde Persönlichkeit, die im krassen Gegensatz zu Lisbeth steht. Als literarische Figur bleibt er zwar blasser als sie und übt nicht im Mindesten eine vergleichbare Anziehungskraft aus. Gerade in seinem Verhältnis zu Lisbeth finden Larssons Leser aber ein Angebot zur Identifikation. Auch Mikael ist fasziniert und kann seine Aufmerksamkeit nicht von der ungewöhnlichen jungen Frau abwenden. Er ist ebenso überrascht wie bestimmt auch viele Leser von den Möglichkeiten der Recherche, die Lisbeth durch ihre Tätigkeit als Hackerin eröffnet.

Verbrechen auf Ebene der Staatsregierung

Neben den Hauptfiguren ist der wohl überraschendste Aspekt von Larssons Krimis, dass sie sich alle drei mit einem einzigen Fall beschäftigen. Auch wenn im ersten Teil noch eine eigene in sich abgeschlossene Tat aufgedeckt wird, so handelt es sich unterschwellig bereits um den Auftakt zur eigentlichen großen Ermittlung. Es ist ein Verbrechen ungeheuren Ausmaßes, in welches Lisbeth bereits als Kind verwickelt wurde. Ihr Vater war einer der Drahtzieher von internationalen Waffen- und Spionagegeschäften, in die bis zur Gegenwart Lisbeths und Mikaels ein Großteil der schwedischen Regierung eingeweiht war und ist.

Der neue Stieg Larsson oder einfach nur Jussi Adler Olsen?

Jussi Adler Olsen by Phillip Drago Jörgensen 
Die ersten drei Romane von Jussi Adler Olsen weisen bis auf die Titel zunächst keine augenscheinliche Ähnlichkeit mit der Millenium-Trilogie auf. Zunächst einmal handelt es sich um eine der klassischen Kriminaltradition entsprechende Serie. Jeder Roman beschäftigt sich mit einem abgeschlossenen Fall. Alle Bände sind einzeln lesbar. Ermittler ist ein Kriminalkommissar, der geschieden und nicht sonderlich menschenfreundlich ist. Seitdem ein Kollege bei einem Arbeitseinsatz starb und ein anderer schwer verletzt wurde, ist er so stark traumatisiert, dass keiner mehr mit ihm zusammenarbeiten will. So wird ihm die Leitung des Sonderdezernats Q übertragen, welches sich mit Fällen beschäftigen soll, die seit Jahren ungeklärt sind. Eigentlich als Ordnungskraft eingestellt, hilft ihm bald ein Mann bei der Bearbeitung seiner Karteileichen, von dem er zunächst nicht einmal weiß aus welchem Teil der Erde er stammt: Assad.

So sehr Assad sich auf den ersten Blick auch von Lisbeth unterscheidet, gibt es doch einige verbindende Eigenschaften. Anders als Lisbeth ist Assad eine Frohnatur und so kommunikativ, dass es nicht nur für ihn selbst sondern auch für seinen Chef noch reicht. Doch ebenso wie Lisbeth hat Assad in seinem Leben viel Gewalt erfahren. Adler Olsen gestaltet Assads Vergangenheit nicht so plastisch wie Larsson Lisbeths, er deutet lediglich an, dass dieser in seiner Heimat Syrien unaussprechliches erlebt hat. Ebenso wie Lisbeth legt Assad das Gesetz etwas großzügiger aus, jedoch nicht ohne dabei sein überdurchschnittliches Gefühl für Gerechtigkeit zum Maßstab zu nehmen. Ebenso wie Lisbeth ist Assad in einer Szene beheimatet, die ihm oft helfen kann, an Informationskanäle zu kommen, die auf legalen Wegen verschlossen geblieben wären.

Bei allen Unterschieden der beiden herausragenden Krimiautoren lassen sich also doch auch Gemeinsamkeiten finden. Vor allem handelt es sich bei beiden Autoren um herausragende Schriftsteller, die die Authentizität im Ungewöhnlichen suchen und auch tatsächlich finden. Auch wenn Stieg Larsson immer für einen sehr eigenen Stil stehen wird und auch Adler Olsen als einzigartiger Autor angesehen werden muss, so können Krimifans doch beruhigt sein, dass immer noch jemand Originalität vertritt. So kann der eifrige Krimileser am heutigen Tag ruhig Stieg Larssons und seiner Errungenschaften für die Krimitradition gedenken und morgen genussvoll Jussi Adler Olsen lesen.

Larsson, Stieg: Verblendung; Heyne 2007; 3453432452; 9,95 Euro

Larsson, Stieg: Verdammnis; Heyne 2008; 3453433173; 9,95 Euro

Larsson, Stieg: Vergebung; Heyne 2009; 3453434064; 9,95 Euro

Adler Olsen, Jussi: Erbarmen; dtv 2011; 3423212624; 9,95 Euro

Adler Olsen, Jussi: Schändung; dtv 2010; 3423247878; 14,90 Euro

Adler Olsen, Jussi: Erlösung; dtv 2011; 3423248521; 14,90 Euro

Adler Olsen, Jussi: Verachtung; dtv 2012; 3423280026; 19,90 Euro

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Dieser Artikel von mir ist zuerst auf der Autorenplattform Suite101 erschienen. Der Originalartikel ist hier einsehbar.

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