Hörbuch-Tipp: Nele Neuhaus "Böser Wolf"

Schon lange wollte ich mal einen der Frankfurt-Krimis von Nele Neuhaus lesen. Nun habe ich ihren aktuellen Roman "Böser Wolf" als Hörbuch entdeckt. Eine unaufgeregt erzählte Geschichte über einen Ring organisierter Verbrecher, die einem mehr als einmal den Atem stocken lässt.

Ein Mann bereitet sich auf ein Treffen mit einer Frau vor, Jugendliche trinken im Wald bis zur Bewusstlosigkeit und Kommissarin Pia bekommt Besuch von ihrer "Stiefenkelin" Lilly. So alltäglich beginnt der Kriminalroman "Böser Wolf" von Nele Neuhaus. Doch die trügerische Normalität bricht bereits auf als Pia zum ersten Leichenfundort gerufen wird. Das Opfer ist ein junges Mädchen, dass offensichtlich schwer misshandelt worden ist. Doch niemand vermisst die Jugendliche, die von einer Teilnehmerin des Komasaufens am Tag danach entdeckt worden ist. Nicht viel später wird eine bekannte Journalistin mit starken Verletzungen im Kofferraum ihres Wagens gefunden. Als sie im Krankenhaus zu sich kommt, kann sie sich nicht daran erinnern, was ihr zugestoßen ist. Ohne dass es offen ausgesprochen wird, zeigen sich an einem anderen Spielort dieses komplex konstruierten Kriminalromans die Spuren eines weiteren Verbrechens. Die kleine Louisa fühlt sich plötzlich in ihrem eigenen Zuhause nicht mehr wohl. Sie zerstört ihr liebstes Kuscheltier und möchte nur noch bei ihrem Papi sein, der kurz zuvor von seiner hochschwangeren Frau - einer Freundin von Kommissarin Pia - rausgeschmissen wurde, da er sie betrogen hat. Drei Verbrechen, scheinbar unabhängig voneinander begangen, die schließlich auf eine Gruppe von Tätern deuten. Eine Gruppe, die sich für Pia nicht nur beruflich, sondern auch privat als ein gefährlicher Gegner entpuppt.

Wollen die wirklich "nur spielen"

Schnell wird deutlich, welches Verbrechen im Zentrum der Ermittlungen steht. Es geht um Kindesmissbrauch. Was jedoch erst sehr viel später klar wird, ist, in welchem Umfang dieser stattgefunden hat. Dabei arbeitet die Autorin geschickt mit Klischees, um diese aufzubrechen. Dass ein als pädophil verurteilter Anwalt zuerst zum Verdächtigen wird, obwohl das zweite Opfer die nicht nur erwachsene, sondern auch sehr weibliche Journalistin Hannah Herzmann war, gehört zu diesem Hinterfragen von vorschnellen Verurteilungen. Doch auch die Unsicherheit diesem schlimmsten aller Verbrechen gegenüber wird klar. Viel zu schnell lässt sich Pias schwangere Freundin Emma von der Sorge um ihre Tochter dazu hinreißen, ihren eigenen Mann zu verdächtigen. Erst im letzten Moment rücken die tatsächlichen Täter ins Visier - Männer, die mitunter selbst Familienväter und dafür bekannt sind, gerne mit anderen Kindern zu spielen. Dass aus dem Spiel manchmal ein Schauermärchen wird, vor dem auch die eigenen Kinder nicht sicher sind, zeigt sich viel zu spät.

 Geschickt konstruierter Kriminalroman

Immer dichter verweben sich die Fäden, die Nele Neuhaus zu Beginn von "Böser Wolf" auslegt. Trotzdem wird erst ganz zum Schluss ein einheitliches Bild daraus. Aus verschiedenen Perspektiven werden mosaikartig Bruchstücke des Geschehens enthüllt. Dabei führt die Autorin zahlreiche Figuren ein, die alle zum Teil des Netzwerkes werden. Für einen Kriminalroman ist diese Art der Konstruktion zwar längst nichts ungewöhnliches mehr, in Form des Hörbuchs erfordert "Böser Wolf" vom Zuhörer dennoch einige Konzentration. Zwar gehört die überwiegend heitere Atmosphäre, in die die Verbrechen wie Fremdkörper eindringen, zur geschickten Gestaltung des Romans, doch für Zuhörer entsteht so leider auch schnell der Eindruck eines Dahinplätscherns der Geschichte. Wer auf diese Weise verlockt, seine Gedanken kurz abschweifen lässt, verpasst allerdings allzuleicht entscheidende Details. So musste ich die Audioversion auch gleich zweimal hören, um die Zusammenhänge in Gänze zu verstehen.

Ich habe dieses Hörbuch in der ungekürzten Exklusiv-Version von der Hörbuch-Plattform Audible.de gehört und muss sagen, dass mir die Lesung von Oliver Siebeck insgesamt sehr gut gefallen hat. Dennoch muss ich hier eine Warnung aussprechen. Wer sich für diese Version entscheided, darf nicht erschrecken. Die Lesung beginnt mit einer Frauenstimme. Eine erkennbar ungeschulte Stimme, die sich als die der Autorin herausstellte als ich - erschrocken über die "Verwechslung" meines Einkaufs - noch einmal genauer nachschaute. Ich bin der Meinung, dass Autoren sich niemals dazu hinreißen lassen sollten auch nur Teile ihrerBücher selbst einzulesen. Ein Urteil, welches ich hier wieder bestätigt fand (natürlich gibt es auch Ausnahmen dieser Regel). Ist man aber einmal durch den Prolog hindurch, beginnt wirklich ein Hörgenuss.

Für Leser/Hörer von: Arne Dahl, Arnaldur Indridason oder Yrsa Sigurdardottir (Anwältin-Dora-Reihe)

Neuhaus, Nele: Böser Wolf. Audible.de ungekürzte Lesung, 27,95 Euro.

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