Buchtipp: Vikas Swarups "Immer wieder Ghandi" ist ein Feuerwerk indischer Erzählkunst

Erzählt wird die Geschichte von sechs Menschen unterschiedlichster Herkunft, die alle an einem Abend zufällig zusammen treffen, auf einer der legendären Parties von Vicky Rai. Es ist der Abend an dem der Gastgeber stirbt, ermordet von einem seiner Gäste, einem der sechs Protagonisten.


Was zusammengefasst wie ein typischer Kriminalroman anmutet, entspricht in Wirklichkeit keiner westlichen Erzähltradition. Vielmehr vermischt der Autor Mittel, die an klassisch arabisch-indische Literatur wie "1001 Nacht" erinnern mit einer kriminalistisch anmutenden Rahmenhandlung. Der prominente Vicky Rai wird im eigenen Haus, umgeben von vielen Menschen, erschossen. Trotzdem bleibt verborgen wer der Täter ist, da die Zeugen zur Wahrung eigener Interessen, aus Angst vor den beteiligten genauso wie vor den Vertretern einer korrupten Staatsjustiz zunächst schweigen.

Ein ungewöhnlicher Ermittler in einem ungewöhnlichen Land

Auch der Ermittler entspricht keineswegs dem scharfsinnigen Hüter der Gerechtigkeit, der so häufig durch europäische und amerikanische Thriller führt - dem Bösewicht am Ende immer einen Gedanken voraus. Vielmehr rutscht der Kolumnist Arun Advani, der dem Fall in seiner wöchentlichen Radiokolumne nachgehen will, ungewollt immer tiefer in die Abgründe des Falles hinein. Was ihm den Fall zunächst zu einem Rätsel macht, eröffnet ihm nach und nach die wahre Geschichte des Vicky Rai und Derjenigen, die seinen Tod am meisten herbei wünschten, da die Verdächtigen, eine Möglichkeit zum Profit witternd, zu reden beginnen. So entfalten sich nach und nach die Geschichten der sechs Verdächtigen und des Opfers vor dem jungen Journalisten und somit auch dem Leser. Dabei werden die sechs Geschichten parallel erzählt, jede Episode endet, wenn es am spannendsten wird. Dieses typisch orientalische Erzählmuster gibt dem Umfangreichen Roman eine besondere Spannung, die bis zum Ende nie abflacht.

Sechs Verdächtige

Ein verweichlichter Amerikaner, ein wunderschönes Bollywood-Sternchen, ein korrupter Politiker, der eigene Vater Rais, ein gemeiner Straßendieb und ein Ureinwohner der Adamanen, dies ist der Kreis der Verdächtigen Sie alle waren auf der Party, die Vicky übrigens zur Feier seiner Freilassung aus dem Gefängnis gegeben hatte. Sie alle hatten eine Waffe dabei. Sie alle haben ein Motiv.

Die wohl skurrilste aber auch vielschichtigste aller Geschichten ist wohl die von Vickys Vater, der eigentlich selbst ein skrupelloser Geschäftsmann ist, bis zu dem Tag an dem bei einer Seance der Geist Mahatma Gandhis von seinem Körper Besitz ergreift. Von diesem Moment an handelt er mit einer multiplen Persönlichkeit An einem Tag organisiert er die Freilassung seines laut 50 Augenzeugenberichten schuldigen Sohnes, am nächsten eine Protestdemonstration gegen selbige. In dieser Konstellation treffen nicht nur Gutmensch und Profitsüchtiger in einem Körper zusammen, sondern auch das historische Indien des Unabhängigkeitskampfes das vom modernen rücksichtslosen Kapitalismus des nächsten Tigerstaates fast verdeckt wird.

Bollywood und unbegrenzte Möglichkeiten

Ebenso interessant sind die Verwicklungen der Schauspielerin Shabnam und des reichen Amerikaners Larry. Sie ist ein Mädchen, dass sich aus ärmlichen Verhältnissen herausgearbeitet hat. Sie hat mit ihrer Familie gebrochen um Schauspielerin zu werden, sie sieht sich an der Spitze und doch nicht, wie allein sie eigentlich ist. So merkt sie nicht, dass das Mädchen, dass sie für ihre Freundin hält und das in Wahrheit nur eine junge Frau ohne Perspektive ist wie sie einst eine war, ihr nach und nach ihre Identität klaut. Sie sieht nicht, dass ihre Persönlichkeit so artifiziell und klischeehaft geworden ist, dass sie mit Leichtigkeit kopiert werden kann. Zurück in ihr Dorf kann sie nun nicht mehr und so geht sie auf die Party des Mannes, der die Fäden des Identitätsklaus gesponnen hat und sie hat eine Waffe bei sich...

Larry ist das Gegenteil von Shabnam unbeliebt und unattraktiv aber talentiert in seinem Job und somit reich. Da er in seiner Heimat, den USA, keine Frau fürs Leben findet, durchstöbert er Kontaktanzeigen aus aller Welt. So trifft er auf eine wunderschöne Inderin mit der er eine Brieffreundschaft beginnt. Sie schickt ihm ein Foto von sich, er merkt nicht, dass es sich um ein aus einem Magazin heraus geschnittenes Bild der Schauspielerin Shabnam handelt. So schickt er seiner Liebsten Geld, damit sie in ihrer Heimat die Hochzeit vorbereiten kann. Als sie nicht am vereinbarten Treffpunkt auftaucht ist Larry fast krank vor Sorge und beginnt sie zu suchen. Am Ende geht auch er auf die Party von Vicky und auch er hat eine Waffe bei sich...

Beitrag zur Völkerverständigung oder zu viel für den westlichen Leser?

Die Verwicklungen in diesem Roman sind zahlreich, der Autor zeichnet das Porträt eines Landes, dessen Ausmaße unendlich erscheinen und in dem trotzdem alles zusammen hängt Neben Wirtschaft, Filmwelt und internationalen Beziehungen, die in den oben skizzierten Geschichten vorrangig sind, werden auch noch die Justiz, soziale Ungleichheiten, die unterdrückenndigener Bevölkerungsreiche Religionskriege und viele weitere hochaktuelle Themenstellungen Indiens angesprochen. Der westliche Leser mag sich davon überfrachtet überfordert fühlen Doch zeigt Swarup womit die Menschen seines Landes jeden Tag und zu jeder Zeit konfrontiert werden. Der zunächst unbedeutend erscheinende Mord an einem Verbrecher offenbart die Vielfalt eines Landes in dem tägliche Sorgen Lebens bestimmend sind und das trotzdem eine Kultur voller Humor und Herzensgüte entstehen konnte. Swarup zeigt uns ein Land, das von den Larrys dieser Welt immer noch viel zu sehr unterschätzt wird. Unbedingt empfehlenswert!


Swarup, Vikas: Immer wieder Gandhi, Kiepenheuer & Witsch, 2011, ISBN: 978-3462043099, 9,95 Euro

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One Response to Buchtipp: Vikas Swarups "Immer wieder Ghandi" ist ein Feuerwerk indischer Erzählkunst

  1. Moin,
    du bist bei meiner Blogvorstellung dabei. :-)
    Am 26.11 gegen 14:00 Uhr wirst du mit 2 anderen Blogs vorgestellt.
    Dazu habe ich mich an deinem Header bedient.
    Hoffe, das ist OK?

    LG

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