Buchtipp: Aravind Adiga "Letzter Mann im Turm"


Adiga hat für seinen Debütroman "Der weiße Tiger" - eine schockierende Geschichte über die Laufbahn eines modernen Verbrechers aus verlorener Ehre - den Booker Price bekommen. Sein dritter Roman "Letzter Mann im Turm" ist ein subtileres Porträt der indischen Großstadt Mumbai und ihrer Bewohner.

Wer von Adigas drittem Roman die gleiche schockierende Schärfe erwartet wie vom "weißen Tiger" wird enttäuscht werden. "Letzter Mann im Turm" bietet dagegen eine nahezu philosophische Geschichte, die Zweifel an dem hervor ruft, was einen guten Menschen ausmacht und wo die Grenzen der Nächstenliebe liegen. Adiga führt zunächst sorgsam die Personen ein. Nach und nach lernt der Leser den faulen Sekretär der Wohnungsgemeinschaft mit der überkämmten Glatze, das Ehepaar Puri mit ihrem am Downsyndrom leidenden Sohn Ramu, die Sozialarbeiterin Giorgina Rego, Mary, die Putzfrau aus dem nahe gelegenen Slum, die Pintos, ein altes Ehepaar und alle anderen anteiligen Eigentümer des Turms kennen. Dabei wird auch die Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt Mumbai deutlich. Dem Leser wird vor Augen geführt, dass die Gesellschaft hier nach Adressen hierarchisiert ist. Auch ohne die ins Buch eingefügte Karte wird jeder, der Mumbai einmal kennen lernen durfte den Lokalkolorit spüren.

Stadtentwicklung durch Immobilienhaie

Urheber des wirklich großzügigen Angebots für ihren Wohnraum ist Dharmen Shah. Die Geschichte, die er über seine Herkunft zu erzählen pflegt, klingt wie der amerikanische Traum. Als Sohn der ersten Frau seines Vaters hatte et nach deren Tod unter Missachtung zu leiden. Stets wurden seine Halbgeschwister ihm vorgezogen. So packte er eines Tages sein Bündel und zog mit nicht mehr als ein paar Rupien in der Tasche nach Bombay, um hier sein Glück zu machen. Er begann Land von Slumbewohnern aufzukaufen, um darauf luxuriöseren Wohnraum zu schaffen. Wenn jemand sein Zuhause nicht verkaufen möchte, hilft Shahs "linke Hand", sein Assistent Shanmugham. Manchmal muss man die Menschen eben unsanft zu ihrem Glück bringen. Shah sieht sich als Stadtentwickler und ist sich gleichzeitig darüber bewusst, dass er als solcher bereit ist über Leichen zu gehen. Doch um sein Karma sorgt er sich nur zeitweilig und unterm Strich seltener als um seinen Ruhm.

Die Figur Dharmen Shahs vereinigt in sich die Widersprüchlichkeiten des Entwicklungswillen Mumbais und seiner Bewohner. Slums werden als Ärgernis wahrgenommen, das zum Wohle aller beseitigt werden soll. Dass die Menschen, die hier wohnen, sich durchaus zu hause fühlen und fest verwurzelt sind, ist sowohl für Shah als auch für den Leser nur schwer zu verstehen. Durch das Zusammentreffen mit der Figur der Putzfrau Mary gelingt es Adiga jedoch diesem Konflikt ein sehr menschliches Antlitz zu geben. Shah scheint unter den Immobilienhaien Mumbais noch einer der menschlichsten zu sein. Er zahlt mehr als üblich und beteiligt so die Verkäufer ihres Heimes am Wachstum der aufstrebenden Stadt. Dabei überwindet er aber doch nicht die relativ geringe Bewertung von einzelnen Leben, die wohl durch die Überbevölkerung zu Stande kommt.

Ein einziger alter Mann leistet Widerstand

Ebenso vielschichtig wie Dharmen Shah stellt Adiga seinen "letzten Mann im Turm", den im Ruhestand befindlichen Lehrer Yogesh Murthi, von allen liebevoll "Masterji" genannt, dar. Er ist eigentlich kein besonders starker Mann. Er konnte seine Frau nicht davor beschützen von ihren Brüdern um ihr Erbe gebracht zu werden und er konnte seiner Familie selbst nie ein Leben im Wohlstand ermöglichen. Er war keine starke Vaterfigur, da er stets mehr an seine Schüler gedacht als an seine eigenen Kinder. Auch er ist in gewisser Weise am Wachstum der Stadt beteiligt, doch er versucht diesen über Wissen und Persönlichkeitsbildung der nächsten Generation eher denn über Reichtum zu erreichen.

Will er zuerst nur sein Heim behalten, in dem er drinnen einen Rückzugort voller Verbundenheit mit seiner toten Frau findet und draußen eine von Freundschaft geprägte Nachbarschaft, so steigert er sich immer mehr in den Willen zum Widerstand an sich hinein. Er besteht darauf nichts von Shahs Geld zu wollen und er will sich nicht von physischer Bedrohung einschüchtern lassen. Doch schließlich schalten sich im Angesicht der Bedrohung ihres Verkaufsvorhabens die lieben Nachbarn ein...

Ein subtiles aber äußerst eindringliches Porträt Mumbais

Wie auch schon in seinen ersten Romanen schafft Adiga eine sehr dichte Atmosphäre. Seine Figuren sind eine repräsentative Auswahl aus Vertretern des indischen Mittelstandes. In das Geflecht aus persönlichen Geschichten und Beziehungen webt er politische Gegebenheiten und Probleme. Dabei gelingt es ihm eine harmlose Ausgangssituation in eine mitreißende Story zu verwandeln. Der Leser gerät von einem plätschernden Bach in einen reißenden Strom. Hinzu kommt, dass die Figuren so sympathisch daher kommen und zunächst so nachvollziehbar handeln, dass die Möglichkeit zur Identifikation sehr hoch ist. Am Ende muss er sich selbst die Fragestellen, ob er vielleicht eben so gehandelt hätte wie die "guten Menschen" aus dem Turm. Eine Auseinandersetzung, die literarischen Genuss mit der Frage nach der Beschaffenheit des Menschen verbindet.

Adiga, Arawind: "Letzter Mann im Turm", C.H. Beck, 2011, 978-3406621567, 19,95 Euro

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Dieser Artikel von mir ist zuerst auf der Autorenplattform Suite101 erschienen. Der Originalartikel ist hier einsehbar.

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2 Responses to Buchtipp: Aravind Adiga "Letzter Mann im Turm"

  1. Dankeschön! Dien Blog gefällt mir richtig gut! Der Header ist wirklich genial :)

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  2. Das freut mich sehr :D ! Wie du weißt, finde ich deinen Blog auch richtig gut und ich folge zwar erst kurz, aber es macht trotzdem schon richtig Spaß!

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