Melancholisch-poetischer Roman: "Ich nannte ihn Krawatte" von Milena Michiko Flasar

Zwei Außenseiter einer auf Hochleistung ausgerichteten Gesellschaft treffen sich zufällig auf einer Parkbank. Der Ich-Erzähler hat seit Jahren mit keinem Menschen mehr gesprochen und zieht sich am liebsten allein in sein Zimmer zurück. Der, den er nur Krawatte nennt, ist ein ehemals erfolgreicher Angestellter, der seinen Job verloren hat und es seiner Frau nicht sagen kann. Gegenseitig ermuntern sie einander, ins Leben zurückzukehren.

Wenn es nur Leistung gibt

Milena Michiko Flasars neuer Roman spielt in Japan, die Geschichte, die sie erzählt, könnte aber ebenso gut in jeder anderen Leistungsgesellschaft stattfinden. Der Protagonist sieht nur einen Weg in seinem Leben und dieser ist geprägt von Leistung und Anpassung. Dass er sich mehr als einmal in Freundschaft zu Menschen verbunden fühlt, die nicht in dieses Ideal passen, stürzt ihn in tiefe Gewissenskonflikte. Dass er seine Freunde verprellt, um nicht aufzufallen, belastet ihn schließlich so sehr, dass er selbst beschließt aus der Gesellschaft auszusteigen. Er schließt sich in sein Zimmer ein. Er reduziert den Kontakt zur Außenwelt auf ein Minimum, spricht nicht einmal mehr mit seinen Eltern. Er wird zu dem, was in Japan »Hikikomori« genannt wird, einem Einsiedler inmitten einer hochfunktionalen Gemeinschaft. Dass er überhaupt in den Park geht, in dem er »Krawatte« kennenlernt, kostet ihn bereits große Überwindung.

In »Krawattes« Leben gibt es keinen Zufall. Er heiratet eine Frau, die ihm vermittelt wird, um mit ihr eine Familie zu gründen. Jeden Tag geht er zur Arbeit, macht viele Überstunden, Spaß macht ihm nur das Nachhausekommen. Seine Frau erkennt es als ihre Aufgabe, ihm diesen Alltag zu ermöglichen. Morgens um sechs Uhr steht sie auf, um für ihn das Essen zu kochen. Als er schließlich gefeuert wird, fühlt »Krawatte«, dass dieser liebgewonnene Alltag für ihn und seine Frau ins Wanken geraten könnte. Er erzählt ihr nichts von seiner Arbeitslosigkeit und geht jeden Tag pünktlich aus dem Haus, verbringt den Tag im Park, um kurz nach 18 Uhr wieder aufzubrechen und nach Hause zu fahren.



Eine Gesprächstherapie, die die Gesellschaft in Frage stellt

Die beiden Antihelden in »Ich nannte ihn Krawatte« finden sehr langsam zueinander, fassen aber schließlich Vetrauen. Sie erzählen von ihrem Leben und stellen plötzlich die Fragen laut, die sie sonst immer nur in ihrem Herzen bewegt haben. Milena Michiko Flasar erzählt eine ruhige Geschichte in oft poetischen Bildern. Dabei fragt sie danach, wie ein gutes Leben gelingen kann, wenn innere Bedürfnisse und gesellschaftliche Zwänge so gegensätzlich sind, dass die Spannungen, die daraus entstehen für sensible Menschen unerträglich werden. Mich hat die Lektüre dieses ungewöhnlichen Romans sehr zum Nachdenken angeregt. Die Sprache war mir zwar manchmal etwas zu stilisiert, etwas zu poetisch und dadurch beinahe kitschig, doch die Geschichte hat mich trotzdem sehr fasziniert. In meinen Augen bringt die Autorin in der Freundschaft zwischen dem jungen Mann, der den Schritt in die Leistungsgesellschaft verweigert und dem väterlichen »Krawatte«, der bereits daran gescheitert ist, das Gefühl der Funktionsuntüchtigkeit auf den Punkt. Dass es den beiden Figuren dennoch gelingt, einander davon zu überzeugen, dass ein gutes Leben möglich ist, ist gleichzeitig überraschend und tröstlich. Eine wirklich interessante Geschichte, die ich euch nur empfehlen kann!

Flasar, Milena Michiko: Ich nannte ihn Krawatte. ISBN: 978-3803132413. Klaus Wagenbach Verlag: 16, 90 Euro.

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