Wo ist Freitag? Ernst Augustin "Robinsons blaues Haus"

Ich bin auf dieses Buch gestoßen, da es auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis stand, der am Montag, den 8. Oktober in Frankfurt verliehen wurde. Bis jetzt weiß ich nicht genau, was ich mit der Lektüre-Erfahrung anfangen soll. Ein Mann sucht nach einem roten Faden in seinem Leben sowie der Leser einen solchen in diesem Buch auszumachen versucht.


Robinson sucht Freitag

Ernst Augustin hat versucht, eine moderne Robinson-Figur zu schaffen. Er lebt zwar nicht auf einer einsamen Insel und doch scheint er gestrandet zu sein. Einsam in einer Masse von Menschen, die ihn nicht zu sehen scheinen und von denen er meistens auch nicht gesehen werden möchte. Der Leser erfährt, dass Robinson sich ständig wandelt, immer ein anderer zu sein scheint, immer unterwegs ist. Beziehungen scheint er nicht zu haben. Doch von Zeit zu Zeit geht er in ein Internetcafé und schreibt an "Freitag", eine Person, die er nur virtuell kennt und doch als Freund bezeichnet. Dieser Person schreibt er Geschichten aus seinem Leben. Er erzählt von seiner Kindheit, in der er bereits im wahrsten Sinne des Wortes vor seinen Mitschülern untertauchte, indem er sich im Fluss vor dem Haus ein Unterwasser-Versteck baute. Nach und nach ergibt sich auch das Bild seiner Familie, vor allem seines Vaters. Dieser war Bänker und in nicht ganz legale Geldgeschäfte verwickelt. Robinson erbt von seinem Vater einen unerschöpflich erscheinenden Vorrat an Geld und alles, was damit verbunden ist - auch die Schuld. Er fühlt sich ständig verfolgt und vertraut niemandem. Seine eigenartige Vorliebe für merkwürdige Bauwerke verleitet ihn dazu, den ehemaligen Londoner Dungeon zu kaufen, um dort seinen eigenen Kerker zu haben oder ein Schiff für Erlebnisreisende ins leben zu rufen auf der ein "Captain Kuk" wie ein zeitgenössicher Pirat herrscht. Am Ende landet Robinson dann doch noch in seinem Inselexil, wo er weiter auf seinen Freitag wartet.

Ich suche einen Sinn

Um es einmal vorweg zu nehmen: Es macht Spaß dieses Buch zu lesen. Die Sprache ist schlicht und in einem angenehmen Erzählstil. Die einzelnen Anekdoten aus Robinsons Leben sind spannend erzählt. Doch fehlt ihnen in meinen Augen oft die Emotionalität. Da es keine Freundschaft, keine Liebe - eigentlich gar keine richtigen zwischenmenschlichen Beziehungen - gibt, bleibt das Leben des Protagonisten so wenig bemerkenswert wie seine äußere Erscheinung. Beim Lesen kam ich nicht umhin, mich das eine oder andere Mal zu fragen, welcher größere Sinn hinter dieser Geschichte stehen mag. Geht es um die Skrupellosigkeit kleiner Bankangestellter, die mit ihren Geschäften ihr eigenes und das Leben ihrer Kinder zerstören? Geht es darum, dass heutzutage alle Menschen in Beziehungslosigkeit ertrinken? Oder geht es einfach darum, eine merkwürdige Geschichte zu erzählen? Alles in diesem Roman bleibt ungreifbar. Der Ich-Erzähler bekommt keine klare Persönlichkeit, das Geheimnis seines Erbes bleibt im Dunkeln, seine Verfolger könnten ebenso gut physischer wie psychischer Natur sein. Und Freitag? Freitag scheint es auch nicht wirklich zu geben. So stehe ich nach der Lektüre dieses ungewöhnlichen Romans etwas ratlos vor euch und kann nur sage, wer einmal ein merkwürdiges Buch lesen möchte, der sollte dieses wählen. Es macht irgendwie Spaß und wäre ein guter Buchpreisträger gewesen ;)

Augustin, Ernst: Robinsons blaues Haus. ISBN: 978-3406629969. C.H. Beck Verlag.

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2 Responses to Wo ist Freitag? Ernst Augustin "Robinsons blaues Haus"

  1. Hallo Mareike,

    mir gefällt, wie du dieses Buch beschreibst. Bei mir stand es bis jetzt auf der Liste, aber ich war unentschlossen.

    Vielleicht ist das der Reiz, dass man nicht weiß, ob es noch experimentell oder schon daneben ist.

    Prinzipiell finde ich immer Menschen spannend, die in irgendeiner Form sich mit dem Sinn ihres Lebens beschäftigen. Leider wird man häufig im Alltag mit so vielen Dingen bombardiert, dass einem das Hören und Sehen vergeht.

    Ich werde das Buch auf meiner Liste lassen. Danke für die Infos.

    LG von der
    Fee

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  2. Liebe Fee,

    das freut mich zu hören. Ich habe lange überlegt, wie ich meinen leseeindruck in Worte fassen kann.

    Jetzt bin ich schon sehr gespannt, wie dir das Buch gefallen wird und was du auf deinem Blog dazu berichten wirst :)

    Liebe Grüße,
    Mareike

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