Roman-Tipp: "Vielen Dank für das Leben" von Sybille Berg

Toto ist ein Nichts. Sie hat kein Geschlecht, keinen Willen und keiner kann etwas mit ihm anfangen. Doch es hat eine wunderbare, überirdische Stimme, die jedoch weder in ihrer Heimat, einem kleinen sozialistischen Land, noch später im Westen, jemand hören möchte. Sybille Berg spricht in ihrem neuen Roman viele ungewöhnliche Themen unserer Zeit an und malt ein düsteres Gesellschaftsporträt.

Was wäre wenn?

Was wäre wenn in unserem Land ein Kind zur Welt käme, das kein Geschlecht hat? Was wäre, wenn die Mutter aus Gleichgültigkeit die in solchen Fällen zu ihrer Zeit übliche Operation nicht durchführt? Was wäre wenn dieses Kind erwachsen und in die Kapitalistische Gesellschaft entlassen wird, in der alle etwas wollen nur es selbst nicht? Was wäre, wenn es den perfekten »guten Menschen« gäbe und keiner ihn mag? Sybille Berg wagt in ihrem Roman »Vielen Dank für das Leben« das Gedankenexperiment einen solchen Menschen, eine solche Geschichte zu entwerfen. So können wir als Leser beobachten, wie ein Kind auf die Welt kommt, das noch nicht einmal richtig intersexuell ist, sondern eigentlich gar kein Geschlecht und damit auch gar keinen Trieb, ja nicht einmal einen eigenen Willen hat. Wir betrachten dieses Kind, wie es in ein Waisenhaus kommt, wie es von stark alkoholabhängigen Pflegeeltern als Arbeitskraft auf ihren Bauernhof gebracht wird und wie es zufällig von einer Kommune auf Ostbesuch in den Westen »gerettet« wird. Als Toto erwachsen wird, erkennt es, dass alle etwas wollen und, dass es selbst eigentlich nur singen will. Doch der Leiter der Musikhochschule ist angewiedert von dem Menschen, den er nicht einordnen kann, der weder Mann noch Frau zu sein scheint, der vielleicht ein Transvestit ist, der aber eher aussieht wie ein großer dicker Teddybär. Auch der Gesang ist viel zu ungewöhnlich, viel zu unmenschlich und dann beginnt Toto während ihres Vortrags auch noch zu weinen, vor lauter Ergriffenheit. Der Leiter der Musikhochschule lacht, lacht Toto aus und wirft sie raus, in seiner Schule ist für etwas wie ihn keinen Platz. Auch sonst ist für diesen Riesenengel kein Platz auf dieser Welt. Toto lässt sich treiben, ist genügsam und hört auf, irgendetwas vom Leben zu wollen.

Buchtrailer


Und weiter

Diese Geschichte, die immer weiter und weiter geht, wie die Kapitelüberschriften sagen, ist so seltsam wie ihr Protagonist. Die Situationen, die Sybille Berg schildert sind oft überspitzt dargestellt und wirken beinahe komisch. Doch die positiven Wendungen bleiben aus und so erhalten sie eine düstere Traurigkeit. Trotzdem ist die Lektüre nicht unbedingt niederschmetternd. Statt sich mit den Figuren identifizieren zu können, bekommt man als Leser von »Vielen Dank für das Leben« eher das Gefühl sie von Ferne zu beobachten, als Blicke man auf eine Versuchsanordnung. Dabei erkennt man viele Züge der eigenen Gesellschaft wieder, die die Autorin mit scharfer Zunge charakterisiert. Am Ende muss man sich selbst fragen, ob man einen Menschen, wie Toto eigentlich mag, ob man sich eigentlich anders verhalten hätte als die Menschen in diesem Roman. Denn obwohl Toto seinen eigenen Weg geht, ist es so frei von Ecken und Kanten, ist so rund, so willenlos, dass man als Leser kaum Ansatzpunkte hat, die dieses Wesen wirklich greifbar machen.

Vielen Dank für den Roman


Diese ungewöhnliche Geschichte lässt einen noch lange nachdenken, weil sie fundamentale Funktionen des Erzählens nutzt. Gleichzeitig sprachlich gekonnt und dadurch sehr unterhaltend, hinterfragt Sybille Berg unser Alltagsleben. Dabei geht es ihr sowohl um die Entwicklung und den Fortschritt, um die Frage, worauf wir uns eigentlich zubewegen, als auch um den Blick auf den Einzelnen. Mehr als einmal musste ich beim Lesen an das »Wir sind Helden«-Lied »Wir müssen nur wollen« denken. Denn dies ist eine weitere Frage, die in »Vielen Dank für das Leben« aufgeworfen wird - was passiert eigentlich, wenn wir nichts wollen? Die Antwort findet ihr in dem ausgezeichneten neuen Roman von Sybille Berg. Wenn ihr ausgelesen habt, bin ich auf eure Eindrücke gespannt, die ihr wie gewohnt gerne im Kommentarfeld hinterlassen könnt!

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One Response to Roman-Tipp: "Vielen Dank für das Leben" von Sybille Berg

  1. Hallo Mareike,
    ich habe dir gerade einen Award verliehen, schau mal vorbei :)
    www.buecher-schoeneneuewelt.blogspot.de

    Liebe Grüße,
    Anna

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