Literatur im Blog - "Klage" - von Rainald Goetz


Da der letzte Rainald Goetz - Post so beliebt war, möchte ich euch heute einen weiteren Einblick in sein Werk geben und darüber nachdenken, welche Informationen es für die zeitgenössische Literatur andeutet. Es ist schon ein paar Monate her, dass ich "Klage" gelesen habe, doch für mich als Bloggerin ist es sein interessantestes Buch, da Goetz es zuerst als Blog der Vanity Fair veröffentlichte. Munter kommentiert der Autor das politische und kulturelle Alltagsgeschehen, das ihn umgibt. Darüber hinaus lässt er aber auch fiktionale Passagen einfließen. Wie schon in früheren Werken experimentiert Goetz auf diese Weise mit Fakt und Fiktion. 

"Klage" - ein Buch ohne Geschichte?

Worum es eigentlich in Goetz' Blogbuch "Klage" geht, lässt sich schwer sagen. Vom wem es handelt, wird noch weniger klar. Mal scheint der Autor von sich selbst zu sprechen, von Goetz oder Rainald oder R. Dann wieder tauchen fiktive Personen auf, wie z.B. Barbie. Oft geht es um Kommentare zu aktuellen Ereignissen, mal steht da auch ein Gedicht auf einer Seite. Einzige Regel scheint für Goetz gewesen zu sein, jeden Tag etwas auf sein Blog zu posten. So erhält das später im Suhrkamp Verlag erschienene Buch nicht wirklich eine Handlung, die man als roten Faden ausmachen könnte, zeigt nicht eine große, sondern viele kleine Geschichten.

Literatur im Blog vs. Blogliteratur

Was im Buch leider nicht mehr anklingt, sind die Umsetzungsmodalitäten des Blogs. Da der ursprüngliche Goetz-Blog heute nicht mehr online ist, ist nicht mehr nachvollziehbar, welche der denkbaren Features Goetz tatsächlich nutzte. Neben schlichtem Text könnte er Zitate, Verlinkungen, Gespräche oder Videos eingefügt haben. Darüber hinaus ist es möglich, dass Leser oder Mitblogger Kommentare geschrieben haben, die Goetz in besonderer Weise inspiriert haben könnten. Für mich sind daran vor allem zwei Dinge interessant:

1. Was bedeutet das Bloggen für Goetz

2. Was bedeutet Bloggen für Autorschaft und Autorität im Allgemeinen

Da Goetz’ Texte im Einzelnen sehr stark durchkomponiert erscheinen, ist davon auszugehen, dass er nicht zugelassen hat, dass seine Einträge kommentiert wurden. Wenn er es zuließ, so flossen die Kommentare wohl höchstens indirekt in sein Werk ein. Goetz nutzte den Blog wahrscheinlich als eine unkomplizierte literarische Form, deren Genrekonvention vorgab, dass er nur kurze, tagebuchartige Texte verfassen musste. Das half ihm über seine vermutete Schreibhemmung (zwischen 2000 und 2008 veröffentlichte er keine umfangreichen literarischen Werke) und mündete in ein neues Werk. Das Tagebuchartige des Blogs unterstützt außerdem seinen Spaß an der (Simulation von?) Faktualität.

Blogportal als Literaturcommunity?

Wenn aber in einer Community, die auf vielen Blogportalen  entstehen kann, alle Möglichkeiten des Blogs genutzt werden, so kann sich meiner Meinung nach eine besondere Art der Autorschaft herausbilden. Ich gebe zu, dass die Theorie utopisch klingt, doch ich bin tatsächlich überzeugt davon, dass in Blogcommunities alle Kollegen gleichzeitig als Autoren bloggen und als Leser konsumieren und kommentieren (können). Ich glaube auch, dass man sich auf diese Weise gegeseitig beim Schreiben sehr unterstützt. Fragen, Kommentare oder das Rebloggsystem sorgen in meinen Augen dafür, dass ein Blog zwar einen Autor aber auch viele Coautoren hat, die dem Kreise seiner Leser entspringen. Natürlich kann es trotzdem immernoch Autoren geben, die über allem schweben, ungreifbar und fern. Diese Art Autor wird auch weiterhin mit voller Autorität über seine Werke regieren. Daneben aber existieren inzwischen auch die Möglichkeiten zum kommunikativen schreiben. Ich finde, sie sollten genutzt werden und bin sehr gespannt, welche Entwicklungen uns hier noch bevor stehen. Wie denkst du darüber?

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5 Responses to Literatur im Blog - "Klage" - von Rainald Goetz

  1. Hallo liebe Mareike. Ich bin schwer beeindruckt. Von deinem ganzen Blog. Ich finde es grandios, wie du schreibst und wie du kritisierst. Wirklich großartig. Du hast eine neue Anhängerin gefunden- weiter so! :D

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  2. 1. Goetz hat in der Online-Version von "Klage" weder Videos noch Links geteilt, mir liegt der gesamte Blog als Textdatei vor.
    2. Am Anfang waren die Kommentare offen, nach kurzer Zeit allerdings wieder zu. Bis dahin gab es 2, 3 nichtssagende Comments.
    3. Irgendwo schreibt Goetz selber, dass es ihn zu sehr verwirre und er nicht arbeiten könne, wenn jeder jederzeit online seine Texte kommentieren könne.
    4. Goetz hat bei Klage nicht wirklich "gebloggt". Er hat schlicht geschrieben, wie er es immer tut. Der Vanity-Fair-Rahmen war lediglich eine Motivation zur regelmäßigen Textarbeit.

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  3. Vielen Dank für die Infos. Trotz eingehender (wenn auch nicht allzu ausführlicher) Recherche habe ich nicht so viel zu "Klage" gefunden wie du. Es hat mich aber zum Nachdenken darüber, was möglich wäre angeregt.
    Nun bin ich aber endlich etwas informierter darüber, "wie es wirklich war" :D
    Liebe Grüße,
    Mareike

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  4. Hier finden sich einige Infos, z.B. diese:

    "Ich hatte leider noch nie das Gefühl, dass ich das Kreuz dazu habe, um so eine Resonanz auszuhalten und selber darauf antworten zu können. Ich bin zu verwirrbar." (Goetz)

    http://de-bug.de/mag/6307.html

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  5. Das sieht hochinteressant aus, da werde ich mich gleich mal hineinvertiefen!

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