Klassische strukturalistische Narratologie

Der erste inhaltliche Schwerpunkt unserer narratologischen Summerschool in Aarhus lag, wie sollte es anders sein, auf der klassischen strukturalistischen Narratologie. Dazu gehört der russische Formalismus ebenso wie der französische Strukturalismus. Namentlich sind bis heute zwei der wohl bekanntesten Vertreter dieser besonderen Nische der Literaturwissenschaft Todorov und Genette.

Empirisierung der Literaturwissenschaft

»Alles eine Frage der Interpretation« oder »Was will uns der Autor damit sagen?« sind Sätze, von denen sich die ersten Narratologen befreien wollten. Sie nahmen den Vorwurf, die Literaturwissenschaft sei ein weiche Wissenschaft, da sie sich nicht auf Empirie stützte auf und versuchten den Gegenbeweis. Nicht der einzelne Text sollte im Vordergrund stehen und schon gar nicht einzelne Autoren oder Leser. Stattdessen galt es allgemeingültige Strukturen zu finden, die allen Erzählsituationen zu Grunde liegen. Sie wollten, dass die Literaturwissenschaft ein Konvolut an Kategorien entwirft, die zur Untersuchung jedweden Erzähltextes genutzt werden können. Auf diese Weise sollte es möglich werden, die Literaturwissenschaft weniger von Thesen geleitet und damit deduktiv, sondern vielmehr induktiv, ergebnisoffen und im Ergebnis dadurch allgemeingültiger zu machen. Subjektive Kategorien wurden darum von vornherein aus der Forschung ausgeschlossen. Statt nach Autorintentionen zu fragen, begann man lieber vom Text auszugehen und auch dort nur objektiv überprüfbare Elemente zu untersuchen. So begaben sie sich auf die Suche nach der Antwort auf die Frage, was die Literatur im Innersten zusammen hält.

Beispiel Perspektive

Ein wie ich finde sehr anschauliches Beispiel für die Vorgehensweise der klassischen Strukturalisten ist die  Bearbeitung der Kategorie »Perspektive« oder »Point of View«. Allein schon die uneinheitliche Benennung zeigt, wie diffus diese Kategorie einmal war. Auch die Modelle, welche Wissenschaftler bisher aufzustellen versucht hatten, zeichneten sich nicht selten vor allem durch reichlich Unordnung aus. Munter wurde zwischen Autor- und Erzählinstanz hin- und hergewechselt ohne klare Unterscheidungen zu beachten. Außerdem weisen beide hier genannten Begriffe eine optische Grundbedeutung auf, während Literatur schließlich in erster Linie erzählt. Todorov stellte fest, dass es für einen Erzähltext nicht entscheidend ist, was ein Erzähler sieht, sondern vielmehr, was er weiß und damit was er über die Figuren verrät. Er stellte ein dreischrittiges Modell auf, nach welchem der Erzähler mehr, gleich viel oder weniger als eine Figur wissen kann. Damit fand er ähnliche Kategorien, wie vor ihm bereits der deutsche Wissenschaftler Stanzel, der die Begriffe des auktorialen Erzählens, des Icherzählens und des personalen Erzählens prägte. Nun, um es salopp auszudrücken, von der in Deutschland zu dieser Zeit bereits arrivierten Tradition der Erzähltheorie lasen die Strukturalisten aus Mangel an Übersetzungen eher wenig. Trotzdem ließ Gerard Genette sich nicht nur von Todorovs Modell sondern auch von Stanzels Begriffen zu seinen Ideen zur Fokalisierung inspirieren.

Wer sieht und Wer spricht

Es ist Genette zu verdanken, dass bis heute fundamental zwischen Figuren und Erzählern unterschieden wird. Diese Unterscheidung geht zurück auf die Grundfragen, welche Genette sich anlässlich der Perspektive stellte, »wer sieht« und »wer spricht«. Was man in einem Erzähltext zu sehen glaubt, ist im Grunde genommen das, was die Figuren sehen. Dass man es zu sehen glaubt, ist der Tatsache zu verdankte, dass es jemand erzählt. Die Antwort auf die Frage nach dem Sprecher lieferte Genette gleich mit, indem er feststellte, dass es immer einen Erzähler geben müsse. Dass dieser nicht mit dem Autor verwechselt werden sollte, wurde von Genette gar nicht erst explizit erwähnt, er setzte es einfach voraus.

Wissenschaft ist Dialog

Es ist fast schon witzig, wie es dann tatsächlich zur Entwicklung von Genetttes Fokalisierungsmatrix kam. Dorit Cohn machte ihn darauf aufmerksam, dass es kaum angemessen sein kann, die deutsche Tradition der Erzähltheorie so gekonnt auszublenden. Glücklicher Weise war Stanzels Forschung inzwischen übersetzt worden, sodass Genette sich korrigieren konnte. Heraus kam ein System mit zwei Parametern. Zur Frage, wie viel der Erzähler weiß bzw. wieviel der Leser erfährt, kam nun die Frage nach dem Standpunkt des Erzählers hinzu. Nimmt er an der erzählten Welt Teil oder befindet er sich außerhalb? Die Storyworld bezeichnete er als Diegese, die Welt außerhalb als Exegese. Der Erzähler konnte nun allwissend sein also nullfokalisiert, wissen, was eine Figur weiß also intern fokalisiert oder Figuren nur von außen beschreiben können also extern fokalisiert sein. Außerdem kann er homodiegetisch oder heterodiegetisch - an einem Standpunkt gleich oder ungleich der Storyworld befindlich sein. Mit den sechs Kombinationsmoglichkeiten, die sich daraus ergaben, hoffte Genette  alle Texte sortieren zu können. Tatsächlich stellte er fest, dass Texte selten bei einer Fokalisierung bleiben und, dass es Boxen gab, die sich nur schwer oder gar nicht mit Beispielen füllen ließen. Eine extern fokalisierte homodiegetische Erzählung schien ihm bis dato undenkbar. Ein Punkt an dem andere Forscher oder Schriftsteller ansetzen konnten.

Ist es nun also als bewiesen zu betrachten, dass es Strukturen gibt, die allen Erzählungen zu Grunde liegen? Zunächst einmal könnten die Strukturalisten dahingehend kritisiert werden, dass sie sich gar nicht mit besonders vielfältigen Texten auseinander setzten. Die meisten Beispiele stammten aus der englischsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts. Andere Kritikpunkte nahmen sie selbst vorweg, als sie einräumten, dass Texte durchaus mehrere strukturelle Eigenheiten aufweisen konnten. Für mich sind Parameter wie die Fokalisierung heute gute Hilfsmittel, um einen ersten Zugang zu Erzähltexten zu bekommen. Ohne darauf folgende Interpretation bleibt dieser jedoch meist etwas blutleer, weshalb ich für einen doppelten Ansatz aus strukturalistischen und interpretativen Methoden plädieren würde.

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4 Responses to Klassische strukturalistische Narratologie

  1. Liebe Mareike,

    ich bin über das Blog-Zug-Forum auf deinen Blog gestoßen. Gefällt mir wirklich gut hier, und ich freue mich, neben Buchrezensionen auch ein bisschen Literaturtheorie zu finden. Die kommt ja sonst bei Bücherblogs eher zu kurz.

    Vielleicht hast du ja Lust, auch bei bei The Kitten Review vorbeizuschauen, dem Blogprojekt von meinem Freund und mir, das sich allem widmet, was mit Literatur, Büchern und lesen zu tun hat. Wir stecken noch ganz am Anfang, freuen uns aber über alle Leser.

    Lieben Gruß
    Lena

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  2. Da habe ich natürlich Lust zu und finde euer Projekt wirklich sehr gut! Ich bin gleich Leserin geworden und wünsche euch ganz viel Erfolg auf eurem englischsprachigen literaturblog!
    Liebe Grüße,
    Mareike

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  3. Da freue ich mich sehr drüber! Natürlich darfst du meinen Header dafür verwenden. Wenn du mehr Text- oder Bildmaterial brauchst, melde dich einfach noch einmal bei mir.
    Liebe Grüße,
    Mareike

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  4. Hallo Mareike,

    ich freue mich erst mal, auf deinen Blog gestoßen zu sein. Ich würde mich über ein Paar Erklärungen über die klassischen und neuen Medien der Erzählung freuen.

    Besten Dank

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