Rainald Goetz - ein Popliterat auf der Longlist des deutschen Buchpreises 2012

Merle Stechow / pixelio.de

Dass mit Rainald Goetz ein Popliterat auf die Longlist des deutschen Buchpreises gekommen ist, möchte ich zum Anlass nehmen, an dieser Stelle ein paar Worte zu seinem Wirken und Werken zu verlieren. Ich beschäftige mich ja nun schon seit einigen Monaten anlässlich meiner M.A.-Thesis mit der Literaturströmung der Popliteratur. Rainald Goetz ist einer der interessantesten und in seiner Idee von Literatur auffälligsten Schriftsteller dieser literarischen Stilrichtung. Da mich vor allem sein Spiel mit Fakt und Fiktion fasziniert, möchte ich euch den Autor unter besonderer Berüpcksichtigung dieses Aspekts vorstellen.




Rainald Goetz ist “Der von Klagenfurt ’83″

Der 1954 geborene Rainald Goetz ist einer der bekanntesten deutschen Popliteraten. Er steht mit seinem Schreiben in einer Traditionslinie mit Wolf Dieter Brinkmann und der amerikanischen Beatgeneration. Mit Ersterem verbindet ihn vor allem die Ansicht, eine Trennung zwischen Hoch- und Trivialkultur sei überflüssig, mit Letzterer der Mut zum literarischen Selbstexperiment. Goetz’ bis heute nachhallender Ruhm basiert auf einem Skandal, den er 1983 beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt auslöste. Der junge Autor demonstrierte mit seinem Beitrag gegen die Blutleere des Literaturbetriebs, indem er sich während seiner Lesung die Stirn aufritzte. Stark blutend las er weiter und bekam dafür das Lob des Jurors Reich-Ranicki und die Kritik seiner Kollegen. Einen Preis bekam er nicht.

Goetz' Auftritt in Klagenfurt 1983

Autoriszenierung und Realitätseffekte in “Irre”

Heute ist man sich weitgehend einig, dass Goetz sich selbst und seinen Körper nutzt, um seine Literatur besser in Szene zu setzen. Ein Element der Realität quasi, um das er seine Texte erweitert. Wer seinen ersten Roman “Irre” las, der kurz nach dem Klagenfurt-Skandal heraus kam, musste wohl unweigerlich an das Event zurück denken. Goetz schrieb über einen psychiatrischen Assistenzarzt, der selbst eine psychische Störung entwickelt, die zu dem Drang nach Selbstverletzung führt. Darüber hinaus äußert Goetz gerne immer mal wieder, dass er ausgedachte Texte nicht leiden kann. Der Leser fragt sich also unweigerlich, ob Goetz tatsächlich autobiografisch schreibt.

Fakt und Fiktion – ein Spiel

Auch in anderen Romanen spielt Goetz mit Faktualität. Er mag es, seine Figuren nach sich selbst zu benennen (wahlweise “Rainald” oder “Goetz”), sie als Ich-Erzähler auftreten zu lassen und dann urplötzlich die Perspektive zu wechseln. Alles authentisch, behauptet Goetz, alles kalkuliert, sagen seine Kritiker. Goetz rufe lediglich Realitätseffekte hervor. Ich mache “Fiktionsfiktion”, sagt Goetz, Goetz macht “Faktualitätsfiktion”, sagen die Wissenschaftler. Es steht Aussage gegen Aussage. Abschließend kann wohl nie geklärt werden auf welcher Seite des schmalen Grades zwischen Fakt und Fiktion Goetz sich gerade befindet.

Angesichts seiner Bedeutung für die Popliteratur kann ich gar nicht anders als diesem Kauz des literarischen Lebens die Daumen zu Drücken und zu hoffen, dass er es zumindest auf die am 12. September veröffentlichte Shortlist schafft.

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2 Responses to Rainald Goetz - ein Popliterat auf der Longlist des deutschen Buchpreises 2012

  1. Hallo Mareike :)

    Interessanter Post!^^

    Ich habe "Irre" von Rainald Goetz gelesen und finde es eigentlich sehr gelungen und kann einige Etappen sehr gut mit eigener Psychiatrieerfahrung vergleichen. Allerdings bin ich angesichts seines Auftritts, von dem ich vorm Lesen deines Posts übrigens noch nichts gehört hatte, geneigt ebenfalls davon auszugehen, dass er wohl so manches kalkuliert und bewusst in Szene setzt. So übertrieben exzentrisches "Damm-Damm" lässt mich ein wenig genervt eine Augenbraue heben. Des Lesers Gier autobiograpische Züge zu finden lässt sich scheinbar immer sehr gut nützen.

    Aber jetzt rein literarisch gesehen hat er durchaus was zu bieten und hätte einen Platz auf der Shortlist verdient :)

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  2. Ja, seine Art der Inszenierung ist heute wie damals wohl zu Recht umstritten. Wenn ich auch von seinem Auftritt in Klagenfurt nicht viel halte, so bewundere ich doch den Mut und die Tatkraft, mit der Goetz immer wieder Grenzen austestet. Auch das Spiel mit Fakt und Fiktion sehe ich als eine Art des Grenzen Austestens. Ich finde, dass es diesem Autoren schon sehr gut gelingt, Authentizität zu erzeugen, auch wenn man sich in manchen Werken mehr, in manchen weniger der Fiktion bewusst ist bzw. Goetz diese auch gar nicht unbedingt immer verschleiert.

    In seinen ersten Roman Irre sind übrigens auch die Erfahrungen des Autors als Arzt (denn in seinem früheren Leber war er einer) eingeflossen. Wenn er also nach seinem Auftritt verlauten lässt, es gehe ihm gut und er mache so was öfter, wie in dem Filmausschnitt zu hören, ist das wohl ein typisches Beispiel für die Ambiguität, die er so oft erzeugt. Es bleibt offen, was er öfter macht - das Versorgen von Wunden oder die Selbstverletzung... Obwohl er vielleicht Ersteres meint und damit die Wahrheit sagt, schafft er doch gleichzeitig die Fiktion vom autoaggressiven Selbst. Dann kann man sich natürlich auch noch fragen, inwiefern der Autor durch seine Inszenierung dafür verantwortlich zu machen ist und wie sehr die Köpfe der Zuschauer mitarbeiten. Das Gefühl der Authentizität fügt einem Text ja schon eine besondere Ebene hinzu.

    Du siehst, ich beschäftige mich gerade viel mit solchen Autoren, die ein Stück von sich selbst in ihre Texte hinein schreiben und je mehr man darüber nachdenkt, desto interessanter wird es :)

    Vielen Dank Dir für den schönen Kommentar, der mich gleich wieder zum Nachdenken animiert hat!

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