Identität

Gerd Altmann  / pixelio.de
Im Zuge meiner M.A.-Arbeit beschäftige ich mich gerade mit einem Thema, welches mir für das Erzählen ungemein wichtig erscheint - Identität. Wir alle haben eine. Wir alle wissen in etwa, was mit dem Begriff gemeint ist. Und wir alle (oder fast alle) gehen davon aus, dass sie singulär und in der Zeit so konstant ist, dass man sich auch mit dem identifizieren kann, was man einmal war. Auch ich habe diesen Begriff immer selbstverständlich hingenommen, bevor ich begonnen habe mich näher damit auseinander zusetzen. Auch wenn philosophische Ansichten zu dem Thema äußerst erhellend sind, möchte ich mich hier natürlich auf die erzählerischen Aspekte von Identität beschränken, da sie mir für das Schreiben ungemein wichtig erscheinen.






Ich erzähle, also bin ich

Das Sein ist eigentlich eine Erfahrung des Augenblicks. Demnach müsste auch Identität an einen Augenblick gebunden sein und der ist - wie schon Goethes Faust erkannte - niemals ewig. Nun ist es aber übertrieben zu behaupten, dass wir in jeder Sekunde zu jemand anderem werden, nein, wir identifizieren uns durchaus noch mit dem, was wir vor einer Sekunde waren, vor einer Minute und einer Stunde. In der Regel identifizieren wir uns auch noch mit dem, was wir vor ein paar Jahren waren, auch wenn wir, zugegebener Maßen, nicht mehr mit dem Kind, dem Jugendlichen usw. von damals identisch sind. Um diese merkwürdige Situation eines wandelbaren Selbst in ein für uns logisches Konzept zu bringen, erzählen wir Geschichten. Jeder, der schon einmal auf Jobsuche war, weiß, dass diese Geschichten, unsere Lebensgeschichten, meist von uns so ausgedeutet werden, dass sie auf ein klares Ziel zusteuern, wie z.B. den Traumjob zu bekommen, um den es geht. Der (hoffentlich) zukünftige Chef trägt übrigens auch dazu bei, dass diese Geschichte ausgeformt wird. Er möchte nämlich anhand der Identität des Bewerbers darauf schließen, ob dieser für den fraglichen Job geeignet ist. Er fragt also nach und bringt sein Gegenüber zu Erklärungen seiner Selbst, seines Lebensweges, seiner Taten. Doch nicht nur durch diese Fragen, wirkt er auf die Identität ein, sondern auch durch die Zu- oder Absage, die ja irgendwie auch eine Bewertung der Lebensgeschichte zu sein scheint. Schon beginnt man, die Identifikation mit der eigenen Geschichte zu überdenken, zu modifizieren. Lange Rede, kurzer Sinn, ich schaffe mir mit einer schlüssigen Lebensgeschichte auch eine schlüssige Identität, ich finde mich, bis ich mit mir im Reinen - »identisch« - bin.

Identitäten erzählen


 Erzählen ist also für die Identität wichtig, aber sind Identitäten auch für das Erzählen wichtig? Nun, ich denke, sie sind die Basis jeder eindringlichen Erzählung. Weil wir es so gewohnt sind, dass Identität uns erzählt wird, sind wir als Leser geradezu darauf trainiert, diese zu entdecken. Trotzdem können hier gewaltige Schwierigkeiten auftreten. Manchmal wirken Charaktere hölzern, oberflächlich, unecht. Als Leser habe ich das Gefühl sie nicht richtig erkennen zu können. Auf der anderen Seite ist es gar zu langweilig, jede Facette eines Charakters unter die Nase gerieben zu bekommen, da bleibt ja gar kein Interpretationspielraum mehr. Es gilt also wieder einmal einen idealen Mittelweg zu finden. In den Texten, die ich zur narrativen Identität gelesen habe, wird meist zwischen den zwei Grundfacetten dessen, was äußerlich wird und dessen, was innerlich ist, unterschieden. Äußerlich sind Handlungen, Fremdzuschreibungen, kommunikative Vorgänge. Dabei ist auch hier wieder die Geschichte wichtig, die Vergangenheit und die Zukunft. Innerlich sind Selbstreflexionen und vor allem natürlich Emotionen, die mich bewusst oder unbewusst zu Handlungen anreizen. Einstellungen, Haltungen und Bewertungen gehören auch dazu. Nun kommen Erzähltexte zur Not auch ohne diese innerlichen Attribute aus, Handlung reicht im Prinzip. Doch dann stellt sich m.E. meist der oben beschriebene Aspekt ein, die Figuren wirken unnahbar. Rein selbstreflexive Texte gibt es auch, aber, ehrlich gesagt, langweilt einen das als Leser schnell, man möchte die Figuren schütteln und zum Handeln zwingen. Natürlich ist es eine Geschmacksfrage, aber ich denke ein Verhältnis, bei dem Handlung überwiegt und man als Leser viel (aber nicht alle) Innerlichkeit selbst hineininterpretieren kann ist ideal.

Gebrochene Identitäten

Ich halte gebrochene Identitäten für einen der spannendsten erzählerischen Kniffe. Um sie zu verstehen, muss wieder etwas Psychologie angewendet werden. In dieser Wissenschaft geht man davon aus, dass z.B. Traumata dazu führen können, dass man sich nicht mehr mit der eigenen Vergangenheit identifizieren kann, es kommt zu einem Bruch. Die Lebensgeschichte, die wir uns gerne so zurechtlegen, dass sie für uns und andere stimmig ist, wird durcheinander gebracht. Ebenso aberwitzig erscheint es, wenn eine Person mehrere Identitäten hat, also nicht nur mit einer früheren, sondern auch mit einer (oder mehreren) derzeitigen Identität(en) identisch ist. Matt Ruff hat mit »Ich und die Anderen« einen Roman über dieses Phänomen geschrieben, der wirklich beeindruckend ist, zumal er darin auch noch zwei multiple Figuren aufeinander treffen lässt. Eine Figur ohne Zukunft ist auch in einem Identitätskonflikt. Romane die von zum Tode verurteilten erzählen, zeigen uns dies sehr eindringlich und als Leser ist man immer geneigt, sich in diese unvorstellbare Lage - zu wissen, dass die eigene Zukunft ausgelöscht ist - hineinzuversetzen. Anhand dieser Beispiele wird also deutlich, dass Identität drei zeitliche Stützen braucht, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Der Vollständigkeit halber muss ich jetzt aber auch noch einmal erwähnen, dass es für Leser ebenso verstörend sein kann, wenn ein Mensch mit einer grausamen Vergangenheit und ohne Zukunft trotzdem mit sich selbst identisch zu sein scheint, wie bei einem der Mörder aus Truman Capotes »Kaltblütig« der Fall.

Der Schlüssel des Erzählens

Ja, wenn ich so über Identität(en) nachdenke, scheinen sie mir sogar der Schlüssel des Erzählens zu sein. Schließlich ist die Frage nach dem Ich oft der Ausgangspunkt einer Geschichte und manchmal auch der Anlass, ein Buch aufzuschlagen und zu lesen. Was meinst du dazu?

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One Response to Identität

  1. Einerseits muss man unterscheiden zwischen Identitäten im 'richtigen Leben' und Identitäten in fiktionalen Werken, andererseits denke ich aber auch, dass das, was wir für unser 'Ich' halten zu großen Teilen die Konstruktion unseres eigenen fiktionalen Werks ist. Im 'richtigen Leben' halte ich es für wenig sinnvoll, sich darüber zu sehr den Kopf zu zerbrechen, weil man sich dann viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, zu einem egomanischen Jammerlappen zu verkommen droht, ratzfatz in eine Sinnkrise gerät und allen Leuten damit auf den Wecker fällt: http://isa09.wordpress.com/2008/07/13/essai-35-uber-identitat-und-krisen-derselben/

    In manchen Situationen, wie das genannte Bewerbungsgespräch, aber ist es durchaus sinnvoll, dass wir unsere eigene Geschichte möglichst spannend und unterhaltsam erzählen, damit wir den Job kriegen, der zu uns passt. Im Grunde fängt das auch schon beim Anschreiben der Bewerbung an, sonst kommt es ja gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch. Auch wenn man andere Menschen kennen lernen möchte, ist es von Vorteil, wenn man seine eigene Geschichte interessant präsentieren kann.

    Sowohl bei der eigenen Geschichte als auch bei den Geschichten fiktionaler Figuren ist es hierbei spannender, wenn man Mut zur Lücke beweist. Man muss nicht alles erzählen, man muss nicht alles wissen und man darf auch mal Dinge für sich behalten. Es ist überhaupt nicht schlimm sich selbst und anderen ein bisschen ein Rätsel zu sein.

    Ich glaube, spannende Figuren, widersprüchliche Charaktere, wie J.M.R. Lenz sie schon im 18. Jahrhundert für das Theater gefordert hat, die aufeinanderprallen und durch ihre Konflikte eine Handlung in Gang bringen, sind der Schlüssel zu einer fesselnden Geschichte. Ich habe gemerkt, dass mir Figuren z.B. in Fernsehserien besonders ans Herz wachsen, wenn sie mich an meine Freunde oder Familie, also an 'echte' Menschen erinnern. Sie müssen dafür nicht besonders realistisch sein, solange sie irgendwie menschlich sind. Aber was genau heißt "menschlich"? Vielleicht, dass man ihre Handlungen nachvollziehen kann, weil sie entsprechend motiviert sind. Bei "Boston Legal" zum Beispiel habe ich den Eindruck, die Frauen verfallen Alan nur deshalb reihenweise, weil es so im Drehbuch steht. Das stört die Illusion, wenn die Handlungen der Figuren unmotiviert wirken. Und die Illusion ist unverzichtbar, wenn man sich in das fiktive Geschehen und die Figuren einfühlen und sie als 'Identitäten' und 'Charaktere' betrachten will. Man kann's natürlich auch anders machen, wie Brecht, dann gibt's halt keine Einfühlung. Die Absicht dahinter ist, dass man über das dargestellte Geschehen kritisch reflektiert, aber meiner Ansicht nach kann das genauso gut nach hinten losgehen und man ärgert sich einfach nur, dass die Figuren so kühl, unnahbar, unmotiviert und gelangweilt wirken. Und wer sich ärgert, denkt nicht über das Gesehene nach. Mit der richtigen Mischung aus Rätseln und Hinweisen auf mögliche Lösungen aber bleibt man als Zuschauer eher bei der Stange. So kann ich zum Beispiel bei "Breaking Bad" mit dem Physiklehrer, der zum Drogenbaron aufsteigt mitfiebern und trotzdem über die sozialen Umstände kritisch nachdenken und reflektieren, die dazu führen können, dass ein braver Familienvater so dermaßen auf die schiefe Bahn gerät.

    Soweit erst mal ein paar etwas konfuse Gedanken von mir zum Thema 'Identität' :-)

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