Perspektiven

Es klingt selbstverständlich, aber manchmal bemerkt man erst, wie wichtig etwas ist, wenn man sich bewusst damit auseinandersetzt. Mir war natürlich auch vorher schon klar, dass Perspektiven einer Geschichte ihren besonderen Tonfall geben, dass ein Point of View aber im wahrsten Sinne des Wortes auch für den Leser einen neuen Standort bedeutet, sieht man erst, wenn man sich genau darauf konzentriert. Normalerweise erscheint eine Geschichte ja auch nur in einer Form, hat zum Beispiel einen Ich-Erzähler. Die meisten Leser werden nie erfahren, was Nebenfigur x über die ganze Story denkt oder wie es wäre, wenn ein allwissender Erzähler die Dinge einmal unter die Lupe nimmt...



In besonderen Fällen aber, bekommen wir auch als Leser die Chance aus unterschieldichten Perspektiven auf ein und dieselbe Geschichte zu schauen. Historisch wichtige Ereignisse gehören wohl zu den am häufigsten nacherzählten Geschichten. Neben Sachberichten tragen auch nicht selten Romane zur Vielfalt der Bücherlandschaft zu einem Ereignis bei. Ich las z.B. gerade eine Romanbiografie über die erste Frau Hemingways (ausführliche Rezension findet ihr hier). Die Schilderungen über das Leben mit dem berühmten Schriftsteller im Paris der 20er Jahre machte mich neugierig und so begann ich daraufhin gleich mit einer sachlichen Biografie über Hadley Richardson (»Paris Without End - The True Story of Hemingways First Wife«). Zuerst hatte ich den Eindruck, lediglich ein Negativ von dem zu lesen, was ich kurz darauf bereits kennen gelernt hatte. Doch je weiter ich in die Geschichte vordrang, desto klarer wurden mir die Möglichkeiten, die so ein Sachbuch bietet. Während die Icherzählweise des Romans ganz klar Hadleys Standpunkt einnimmt und versucht, diesen zu verstehen und in allen noch so kleinen Gedankengängen nachzuvollziehen, kann die Biografie aus Perspektive einer heutigen Erzählstimme zusätzliche Beurteilungen mit einbeziehen. So erfährt der Leser, zu welcher Einschätzung Forscher später über die Beziehung der Hemingways gekommen sind. Als erster von insgesamt vier Frauen wurde Hadley mal gar kein, mal ein großer Einfluss auf das Werk des wichtigen Autoren zugeschrieben. Der Biograf kann sich mit eigenen Meinungen zurück halten, kann aber auch das Leben Hadleys in Bezug zu dem heutiger Frauen setzen. Nur eines wird bei dieser Perspektive verborgen bleiben - Hadleys Meinungen und Gefühle.

Diese Leseerfahrung hat mich darin unterstützt, zu erkennen, wie wichtig es ist, Geschichten aus verschiedenen Perspektiven zu schreiben. Solange noch nicht feststeht, welcher Standpunkt die Erzählung dominieren soll, macht es Spaß damit herum zu experimentieren. Dabei sind neben den klassischen Erzähltypen auch extravagante Blickpunkte interessant. Sehr selten ist in der Literatur die Du-Erzählung. Zum Lesen etwas sperrig, kann sie im Experiment aber interessante Einblicke geben. Welche Erfahrungen habt ihr mit Perspektive gemacht?

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