Fokalisierung

Fokalisierung ist ein narratologisches Konzept, mit dem ich erst in meinem Studium in Berührung kam. Zuerst dachte ich, es wäre doch ein eher theoretisches Modell und als solches sperrig und wenig anwendbar. Nun, ich habe mich getäuscht. Mit der Frage nach dem Fokus einer Geschichte kann man ihr schon ziemlich nahe kommen, sowohl als Leser als auch als Schreibender. Statt sich nur zu fragen, aus welcher Perspektive eine Geschichte erzählt sein soll, klärt die Beschäftigung mit der Fokalisierung eines Erzählers vor allem die Frage, wie viel er von den Figuren weiß.





Der allwissende Erzähler

Ein allwissender Erzähler weiß alles von allen Figuren, das sagt schon sein Name. Er hat keinen bestimmten Fokus und zeigt dem Leser eine breite Innen- und Außensicht der Figuren. Er ist nullfokalisiert. Dieser im Vergleich zum Schulwissen für mich neue Begriff sagt gar nicht unbedingt mehr aus als der des allwissenden Erzählers. Dass das Konzept der Fokalisierung allerdings insgesamt präziser ist als die Schulbegriffe, zeigen weitere Erzähltypen.

Der Icherzähler

Was in der Schule als Icherzähler bezeichnet wurde, ist meist ein Erzählertyp, der in der Narratologie mit einem intern fokalisierten Erzähler beschrieben wird. Aber auch andere Erzähler können intern fokalisiert sein, wenn sie die Innenperspektive einer einzigen Figur kennen. Ein Erzähler, der in der dritten Person spricht, muss nicht immer alles über alle Figuren wissen. Anders herum muss ein Icherzähler logischer Weise immer intern fokalisiert sein, wenn er einem realen Menschen nachempfunden und nicht mit besonderen Talenten, wie dem Lesen von Gedanken anderer begabt ist.

Externe Fokalisierung

Wenn eine Erzählerfigur andere Personen einer Handlung nur von außen beschreibt, so ist er extern fokalisiert. Obwohl er ebenso wie der allwissende Erzähler in der dritten Person Singular spricht, ist er wie ein Fremder, der nur das weitergeben kann, was andere von sich durch Wort und Tat preisgeben. Ich finde die Fokalisierung so interessant, weil das, was ein Erzähler von den übrigen Figuren weiß, immer auch das ist, was ein Leser von ihnen erfährt. Um die Perspektive für eine Geschichte festzulegen, ist es mir also immer besonders wichtig, mich zu fragen, wie viel der Leser wissen soll. Nicht selten hängt das auch vom Genre ab. In einem Kriminalroman ist es oft spannender wenig von den Figuren zu wissen, während eine Romanze ohne Innensicht der Protagonisten wohl ziemlich langweilig wäre...

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One Response to Fokalisierung

  1. Ich finde das Fokalisierungs-Konzept auch superinteressant und dachte, ich hätte jetzt alles verstanden. Und jetzt kommt das 'Aber': Aber ich merke gerade während der Tüftelei an meiner Masterarbeit und meiner Definition für mentale Metadiegesen im zeitgenössischen Film, dass sowohl dieses Fokalisierungs-Konzept, als auch die Frage nach figuraler und narratorialer Perspektive (Wolf Schmid) nicht immer hundertprozentig einfach zu lösen ist. Vielleicht ist das in der Literatur einfacher, weil beim Film noch die Plurimedialität für zusätzliche Komplexität und Ambivalenz sorgt. Aber auch da stößt man an seine Grenzen, wenn man versucht, die Fokalisierung am Wissensverhältnis zwischen Erzähler und Figur auszumachen. Gerade bei mentalen Vorgängen wird es knifflig. Wie bewusst ist zum Beispiel K. in Kafkas "Das Schloß" sein Traum, als er bei diesem einen Beamten im Gasthaus plötzlich wegnickt? Ist das dann nicht eher eine Nullfokalisierung, weil der Erzähler mehr weiß, als K.? Oder ist es eine interne Fokalisierung, weil in die Figur hineingeblickt wird?
    Ähnlich beim Film: Wenn ich da eine Traumsequenz habe, die der Figur in dem Moment eigentlich gar nicht so bewusst sein kann, wo die Figur sich vielleicht selbst nicht sicher ist, ob sie träumt oder wach ist? Dann weiß sie in dem Moment weniger, als die Erzählinstanz(en) zeigt(en). Aber gleichzeitig sieht man nicht, was außerhalb des Innenlebens der Figur geschieht, also zeigt(en) die Erzählinstanz(en) gleichzeitig auch nicht mehr, als die Figur weiß... Und wenn eine Figur eine Geschichte erzählt im Film und diese Erzählung wird gleichzeitig visualisiert, ist das dann eine figurale Perspektive, weil die Geschichte aus 'Sicht' der Figur erzählt wird? Oder eine narratoriale Perspektive, weil eine Figur zum Erzähler wird? Oder ist das dann eine figural-narratoriale Perspektive? Oha, jetzt schwirrt mir schon wieder der Kopf :-)
    Auf jeden Fall denke ich, dass man mit dem "Wissensverhältnis" tatsächlich bei der Darstellung mentaler und emotionaler Prozesse schnell in Erklärungsnot gerät.

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