Wofür schreiben?


Ich melde mich zurück...

Da die letzten Wochen für mich vor allem durch ein ungeheures Lesepensum geprägt waren, habe ich kaum Zeit gefunden zu schreiben, oder auch nur darüber nachzudenken. Ich habe diesen Blog darum viel zu lange vernachlässigt. Doch diese Durststrecke soll nun vorbei sein, ich melde mich zurück. Von nun an soll neben dem Lesen auch wieder das Schreiben fleißigst erforscht werden.

Schriftstellertum nach dem Zweiten Weltkrieg

Natürlich melde ich mich auch vor allem zurück, da mir wieder einmal ein Thema auf den Lippen brennt, oder vielmehr in den Fingern juckt. Nicht zuletzt die Debatte um das neueste Grass-Gedicht hat mich nachdenklich gemacht. Ich frage mich, was Schriftsteller und damit verbunden auch Schriftstellertum heute eigentlich bedeuten. Ich möchte meinen, dass Günther Grass in einer frühen Phase seiner Karriere recht klar definierte Möglichkeiten des Dichtertums vor Augen hatte. Es gab konservative Schriftsteller, die große Werke und langatmige Erzählungen schufen, um einen Beitrag zum Bildungsbürgertum zu leisten. Trotz aller Hinwendung zum Guten und Schönen, hatten diese Autoren zumeist gründlich darin versagt, das Volk zu einem edlen Charakter zu führen. Der Zweite Weltkrieg hatte bewiesen, dass Literatur in ihrer bisherigen Form nicht nur nicht in der Lage war, den Menschen zu verbessern, sondern dass Sprache auch missbraucht werden konnte, um das Schlechteste aus ihm heraus zu kitzeln. Somit blieben zwei Möglichkeiten: Nicht mehr schreiben oder es gerade in dem Bewusstsein tun, dass Sprache eine gewisse Macht besitzt. Grass entschied sich - wie wir wissen - für das Letztere und wurde ein politisch engagierter Schriftsteller.

Es kamen dann andere, die wiederum in Frage stellten, ob Sprache überhaupt politisch vereinnamt werden sollte. Es war eine Generation junger Wilder. Sie nutzten ihr Leben, um Extremerfahrungen zu machen und darüber zu schreiben. Inspiriert von der amerikanischen Beatgeneration wurde die Grenze zwischen hoher Kultur und Trivialität durchbrochen. Der Alltag und dessen Produkte erhielten Einzug in die Literatur. Es wurde kopiert, zerschnitten und neu angeordnet, es wurden neue Texte aus alten erstellt, Texte von Musik, Werbung und Film inspiriert. Es war eine kurze und intensive Phase der literarischen Grenzüberschreitung, die die erste Generation von Popliteraten durchmachte. Rolf Dieter Brinkmann, Hubert Fichte und Jörg Fauser standen neben Anderen für diese Art der Radikalliteratur. Kaum vergleichbar mit diesen Ansätzen ist die als junge Popgeneration bekannte Schriftstellerriege um Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht, die in den späten 1990er Jahren Popliteratur zur Spaßliteratur machten.

Verloren im Fluss der Strömungen

Heute erscheint mir Literatur so vielfältig zu sein, dass ich mich ernsthaft frage, wofür man eigentlich noch schreibt. Natürlich gibt es eine literarisch engagierte Riege von Jungautoren wie Daniel Kehlmann oder anderen, die schon einmal für den Buchpreis nominiert waren. Realismus und magischer Realismus scheinen hier beliebte Genres zu sein und seit einiger Zeit wohl auch der geteiltdeutsche Familienroman. Der Kriminalroman erlebt eine Hochphase in unserer Gesellschaft, ebenso wie Fantasy-Epen und All-Age-Romane. Provokationen sind nicht nur häufig literarisch schwach, sondern wirken auch nicht selten wie wohl organisierte PR-Strategien (ich denke hier vor allem an Charlotte Roche). Sehr selten gerät einem ein ehrlich engagiert wirkendes Buch in die Hände, das sowohl unkonventionell als auch sprachmächtigt ist. Ich hatte neulich das Vergnügen, das Debüt Philipp Schönthalers »Nach oben ist das Leben offen« zu lesen, bei dem es mir definitiv so erging (meine Rezension findest du hier). Daneben fällt mir auf, dass es zwar auch heute eine Independant-Bewegung unabhängiger Autoren gibt, diese aber inhaltlich gar keine Gegenströmlichkeit aufweist. Statt dessen handelt es sich um frei arbeitende Schriftsteller, die ihre Texte selbst als eBook produzieren und verkaufen. Auch hier kursieren zahlreiche Genres, oft publikumsnah verfasster Texte, die vor allem dadurch auffallen, dass sie häufig in ein Selbstmarketingkonzept eingebettet sind.

Wofür heute noch schreiben?

Nun habe ich etwas weit ausgeholt, um deutlich zu machen, wie ich auf meine Frage gestoßen bin. Bei all den literarischen Genres, den Bemühungen einzelner Autoren um Verkäufe, den Verlagsstrategien innerhalb des Marktes, was ist da das Schreiben noch anderes als ein »normaler« Beruf? Wer (außer Philipp Schönthaler und ein paar seiner Kollegen) möchte heute noch Sprache nutzen, um etwas über sich selbst, die Kultur, den Alltag, ... zu erfahren? Ist es nicht vielmehr ein Streben nach Lesbarkeit welches das Schriftstellertum heute auszeichnet? Ob es nun SEO-Konzepte fürs Bloggen, Genretreue für die Manuskriptbewertung im Verlag oder gezielt lancierte Provokation als Marketingstrategie ist, das Schreiben und die Macht der Sprache scheint dabei nicht selten in den Hintergrund zu rücken. Darum möchte ich von euch wissen, wofür ihr schreibt. Ich habe dafür auf diesem Blog eine Umfrage eingerichtet. Ich bin aber ebenso gespannt auf eure ausführlichen Antworten im Kommentarfeld!

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3 Responses to Wofür schreiben?

  1. Du hast mit diesem Eintrag ein ziemlich großes und weitreichendes Thema angesprochen. Wenn nicht sogar das Thema überhaupt. Warum ist man überhaupt kreativ. Du hast Recht, wenn du sagst, dass der Schriftsteller mehr und mehr zu einem echten (wenn auch wenig lukrativen oder einträglichen) Berufszweig avanciert. Immerhin leben wir in einer Konsumgesellschaft, ergo wird auch die Literatur an den Bedürfnissen des Marktes ausgerichtet. Selten war es umgekehrt. Heute erscheint es uns vielleicht nur viel deutlicher, schmerzlicher, realer, weil der Konsum ein solch zentrale Rolle in unserer Gesellschaft und unserem Leben einnimmt, dass er alles andere zu überschatten droht.

    Und damit wären wir bei dem Grund, warum ich schreibe. Ich schreibe, um etwas zu entdecken, dass gegen den Gebrauch von Dingen und Menschen geht. Ich versuche etwas Edles oder Schönes im Menschen zu finden. Ich versuche, die Seele des Menschen zu durchdringen. Und auf der anderen Seite bin ich auch viel zu gern Geschichtenerzählerin, als dass ich meine Geschichten nicht mitteilen wollte.

    Es ist ein zutiefst subjektives Empfinden, warum man schreibt und worüber man schreibt. Profitorientierte Schreiberlinge mögen zwar erfolgreich sein, aber ihre Arbeit besitzt keine Seele. Sie ist nur ein weiteres blutleeres Produkt, dass den Leser für ein paar Stunden mitreißen soll. Popcorn-Kino im Taschenformat. Und dagegen ist auch überhaupt nichts zu sagen. Aber genauso wichtig ist es, dass Schreiberlinge aus sich heraus den kulturellen Anspruch ihrer eigenen Arbeit erhalten wollen. Aber leider ist das literarische Schreiben ist genau wie die Malerei eine ziemlich brotlose Kunst.

    Wenn ich jetzt sehr weit ausholen darf, würde ich sogar behaupten, dass die Verlorenheit und das Nichtssagende in der Literatur ein Abbild des Zustandes der Gesellschaft ist. Die Frage ist allerdings, wohin sich diese entwickeln wird und welche Strömungen sich daraus ergeben. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass jemals irgendwer in seinem Stübchen gesehen und sich gesagt hat "Ab heute schreibe ich Popliteratur". Es ist einfach passiert.

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  2. Dein Post hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Zum einen über das Schreiben, zum Anderen aber auch über das Lesen. Etwas über die Gesellschaft erfahren, das ist für mich oft ein Anlass zu einem Buch zu greifen, vor allem, wenn es sich um Geschichten fremdländischer Autoren handelt. Beim Schreiben aber und auch beim Lesen mancher Bücher, die mich besonders berühren, geht es auch darum, die Psyhe des einzelnen Menschen zu erkunden. Es ist auch oft ein Spiel mit gewissen Determinanten auf der einen und dem freien Willen auf der anderen Seite. "Was würde meine Figur tun, wenn..." Oder auch die Entscheidung "Dies würde meine Figur nicht tun, weil sie..." wann handelt man logisch, wann unvernünftig, was führt einen dazu mit allem zu brechen, wie geht man mit Extremsituationen um usw. Hinter allem steht ja auch oft der leise Gedanke "was würde ich eigentlich tun, wenn..."
    Das ist es, was mich oft am Schreiben reizt. Übrigens auch beim Schreiben von Sachtexten ist für mich oft die Hauptfrage, warum Menschen etwas tun, was sie damit auslösen (wollen) und ob sie es erreichen. Darum geht es ja auch häufig in der Literaturwissenschaft.
    Auf welche Weise man schreibt, das passiert zwar oft unbewusst, wei du es beschreibts, aber man hält sich halt auch oft an Konventionen. Im Blog schreibt man anders als im wissenschaftlichen Text. Eine Liebesgeschichte wird einen anderen Tonfall bekommen als ein Krimi usw.

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  3. Sehr interessanter Blogeintrag welcher sich größtenteils mit meiner These deckt, inwiefern in der Gegenwart noch literaturgeschichtlich gesehen relevante Werke entstehen. Der Unterschied dürfte die gesamtgesellschaftliche Situation sein. So hatte jede Epoche ihre Strömungen und Ideale, aber auch ihre Probleme. In unserer jetzigen "Wohlfühlgesellschaft" macht sich eine Art Trägheit bemerkbar. Das lässt die Themen zwar in die Breite anwachsen und fördert eine Vielfalt - unterstützt allerdings auch eine beliebige Austauschbarkeit und geht nur noch selten in die wünschenswerte gesellschaftspolitische Tiefe. Wo die Literatur hingegen im Moment regelrecht erblühen soll, soll Südamerika sein hab ich mir sagen lassen. Würde den dortigen Umständen entsprechend auch logisch sein.

    Im Moment hab ich das Gefühl, besteht noch kein Bedarf für solche Literatur. Das könnte ein Fehler sein, welchen wir später schmerzlich eingestehen müssen uns jetzt aber noch abwägig erscheint.

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