Intertextualität

birgitH  / pixelio.de
In einem früheren Post habe ich schon einmal darüber nachgedacht, dass jeder Autor zuerst ein Leser ist. Ich dachte dabei vor allem an eine indirekte Beeinflussung durch verehrte Meister, eine Quelle der Inspiration, ein kollektives kulturelles Bewusstsein. Auf diese Weise können zentrale Motive vom Schreibenden kodiert und vom Lesenden dekodiert werden. Als ich aber heute Morgen begann, den soeben veröffentlichten Roman eines mir befreundeten Künstlers - "Alpha" von Rick Fischer - zu lesen, sprang mich noch ein anderes literarisches Phänomen an, Intertextualitat.

Intertextuelle Bzüge in Gegenwartsliteratur

Schon bei der Lektüre von Philipp Schönthalers "Nach oben ist das Leben offen", die ich hier ebenfalls bereits einmal erwähnt habe, fiel mir die intensive Arbeit mit Quellen besonders auf. Schönthaler hat seinem Erzählband sogar ein Literaturverzeichnis hinzugefügt. Bei Ricks Text findet sich nicht nur ein dem Roman vorangestelltes Zitat aus der Bibel auf der ersten Seite, er nutzt auch gleich im ersten Kapitel zahlreiche Anspielungen auf Dantes "Göttliche Komödie". Diese verbindet er im zweiten Kapitel leichtfüßig mit der alltäglich scheinenden Situation eines joggenden jungen Mannes, von dem en passant klar wird, dass es sich um einen arbeitslosen Superhelden handelt. Auf gerade einmal zehn Seiten springt er mit seinem Leser auf diese Weise vom wichtigsten religiösen Dokument der Christen über einen der prägendsten Klassiker der Weltliteratur bis zum als populärkulturelles Erzeugnis geltenden Genre des Comic. Dieser geballte kulturelle Background unserer Zeit wird an der Alltagsbeschreibung der grauen Stadt an der Elbe, in der auch der Autor selbst zu Hause ist, geradezu ironisch gebrochen.

Bezug zur Literaturgeschichte

Bevor ich weiter von einem Roman schwärme, den ich noch gar nicht ganz gelesen habe, komme ich zu meiner Ausgangsfrage zurück: Was bedeutet eigentlich Intertextualitat für Autoren und was bedeutet sie für Leser? Es gibt ja auch Texte, die ihre Anspielungen verschlüsseln. Ihr Ziel ist es wohl kaum nerdige Literaturfans dazu zu bringen in mühsamer Kleinarbeit alle wohl versteckten Verweise zu entschlüsseln (auch wenn dies natürlich eine unweigerliche Folge ihres Tuns ist). Doch was wollen sie erreichen? Wollen sie überhaupt etwas erreichen? Oder fließen Anspielungen auf Texte, Bilder, Lieder, Filme geradezu automatisch in ihre Arbeit ein, da sie nun einmal essentiell zu unserem Alltagserleben gehören?

Intertextualität als Assoziationsrahmen

Ich denke, dass dieser Aspekt zwar wichtig ist, dass aber noch ein anderer weit größerer Faktor in die intertextuelle Arbeit von Schriftstellern einfließt. Einzelne Textausschnitte, Versatzstücke aus großen Werken transportieren nicht nur den Inhalt ihrer Worte, sondern sind durch ihre Geschichte mit zahlreichen Assoziationen verknüpft. Eines der kleinsten und zugleich größten Beispiele, die ich kenne ist der Kleist'sche Gedankenstrich. Ein einzelnes Satzzeichen aus der Erzählung "Die Marquise von O." steht für eine Auslassung gehörigen Ausmaßes. Nicht nur verschweigt Kleist an dieser Stelle eine essentielle Begebenheit seiner Geschichte, eine Vergewaltigung, auch wurde dieser Text in seiner Rezeption immer wieder als Paradebeispiel für das Schicksal der Frau(en) herangezogen. Mit dem Zitat eines einzelnen Gedankenstrichs kann ein Autor heute auf ein ganzes Bedeutungskonvolut verweisen und sich gleichzeitig in eine Erzähltradition einreihen. Dies ist für mich der Kern des Zaubers der Intertextualitat.

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