Denkübung als Schreibübung oder: Der persönliche auktoriale Erzähler

Jetti Kuhlemann  / pixelio.de

Ok, ich geb es gleich unumwunden zu, was jetzt folgt, wird auf den ersten Blick leicht schizophren wirken, ist aber eine wunderbare Erzählübung. Darauf gekommen bin ich im selben Seminar, in dem wir auch über Bewusstseinsströme sprachen. Als wir überlegten, ob der interne Monolog überhaupt den Anspruch erheben darf, als realistisch zu gelten, kamen wir auch auf den sogenannten allwissenden Erzähler zu sprechen. Wir waren uns einig, dass keiner von uns einen solchen mit sich herumträgt, der ständigkommentiert, was wir tun, denken, fühlen, ... der Erzähler, der in der dritten Person Singular zum Leser spricht, schien uns eine zutiefst literarische Erfindung. Dieser Gedanke brachte mich auf eine Idee.

Da es hier ja mein erklärtes Ziel ist, den Alltag etwas literarischer zu gestalten, begann ich auszuprobieren, ob dies durch einen persönlichen Erzähler funktionieren könnte. Ich versuchte, mein Leben selbst aus der Perspektive eines Unbeteiligten zu sehen und zu kommentieren. Ich merkte schnell, dass das nicht nur ein lustiger (wenn auch anfangs etwas merkwürdiger) Zeitvertreib ist, sondern mich auch dazu brachte, meine Erzählfähigkeit zu trainieren. Gleichzeitig schult diese kleine Übung - die sich leicht zwischendurch z.B. auf U-Bahnfahrten umsetzen lässt - den Blick für Dinge, die um einen herum passieren. Plötzlich entdeckt man, was man bewusst wahrnimmt, worüber man nachdenkt, welche Menschen man heimlich beobachtet und warum. Abends lohnt es sich dann, sich kurz hinzusetzen und aufzuschreiben, was man erinnert. Das ist meistens das, was man selbst für besonders erzählenswert hält. Am nächsten Morgen verrät ein kritischer Blick auf die gestrigen Aufzeichnungen, an welchen Stellen die eigene Erzählerfigur noch unglaubwürdig oder steif wirkt. Dann kann es von neuem losgehen - ganz nebenbei. Probier es aus, ich bin auf deine Erfahrungen gespannt!

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4 Responses to Denkübung als Schreibübung oder: Der persönliche auktoriale Erzähler

  1. Da die Kommentarfunktion streikte, trage ich hier einen Kommentar von Isabelle Dupuis nach, den sie mir auf Facebokk postete:
    "Und ich dachte schon, ich bin die Einzige, die sowas macht :-) Tatsächlich kommt man sich dabei zwar reichlich spinnert vor, aber es macht einen Heidenspaß und schult die Selbstironie, die einem hilft, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Dann ist man auch nicht so schnell beleidigt. Vielleicht hätte Leutnant Gustl die Option des Selbstmords überhaupt gar nicht erst in Erwägung gezogen, wenn er seinen eigenen inneren Monolog nicht begonnen hätte mit "Wie lang' wird denn das noch dauern? Ich muß auf die Uhr schauen... schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert.", sondern mit "Leutnant Gustl saß schon seit einer halben Ewigkeit in diesem sterbenslangweiligen Konzert und hatte keine Möglichkeit auf diskrete Art und Weise diesem quälenden Oratorium oder was das war zu entkommen...".
    Auf jeden Fall ein interessanter Aspekt, diese Spinnereien als Schreibübung nutzbar zu machen :-)"

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  2. Das ist mal wirklich eine interessante Idee! Ich bin sowieso jemand der gerne beobachtet - in der U-Bahn, im Cafe etc. Jetzt muss ich mir nur noch angewöhnen, mir jeden Abend Notizen darüber zu machen. :) Das ist leider nicht so einfach wie es klingt - aber einen Versuch ist es definitiv wert! :)

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  3. Was du da beschreibst, erinnert mich an den Begriff Mindfulness bzw. Achstsamkeit, wie er im Buddhismus als Technik zur Auseunandersetzung mit dem eigenen Selbst angewandt wird. Auch dort wird die Aufmerksamkeit auf die eigenen Bewusstseinsprozesse gelenkt.

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