Bewusstseinsströme

Gerd Altmann  / pixelio.de
Heute wende ich mich einmal wieder mir einem fragenden Artikel an euch. Letzte Woche las ich einen Auszug von Alan Palmer zum Thema »Fictional Minds«. Er beschreibt darin, welche Techniken man als Autor anwenden kann, um eine besonders gute Imitation realer Denkprozesse zu erreichen. Eine Möglichkeit ist z.B. der Bewusstseinsstrom. Ein Erzählverfahren, bei dem der Versuch unternommen wird, Gedanken nahezu ungefiltert aneinander zu reihen. Zu Beginn aber auch noch in der Mitte des 20.Jahrhunderts war das sehr beliebt. Auf diese Weise erhielten wir als Leser Einblick in den Kopf des »Leutnant Gustl«, des »kunstseidenen Mädchens« oder etwas später in den Protagonisten von »Berlin Alexanderplatz«.

Pseudoreal bleibt pseudoreal

Liest man heute mit etwas Abstand diese Werke, so fallen einem mindestens zwei Dinge auf. Zunächst einmal bindet die Technik des Bewusstseinsstroms ein Werk sehr stark an seine Zeit. Das ruft den Effekt hervor, dass ein Leser bei sich oft denkt »Ah, so haben die damals also gedacht«. Außerdem beginnt man nicht selten sich zu fragen, ob diese Darstellungsform wirklich so realistisch ist. Nein, auch Palmer hat festgestellt, dass es sich eben bei keiner »fictional mind« um eine »real mind« handelt. Der Autor wird zu einer Art Übersetzer der Gedankensprache seiner Figuren, ordnet und komplettiert, was im realen Gehirn ein munteres Gemisch aus Satzfetzen, Bildern und Emotionen ist. So merkt auch der Leser letztendlich, dass es sich um eine Imitation, eine Pseudorealität handelt. Vielleicht ist das der Grund, warum heute in der Literatur Bewusstseinsströme so selten geworden sind.

Mentalesisch als Collage?

Und doch frage ich mich, ob die Vorgänge in unseren Gehirnen heute, mit Hilfe von Multimedialität, literarisch imitiert werden können. Vielleicht könnte man eine Collage aus Filmfetzen, Worten und Bildern erstellen. Ob dafür eine textbasierte Form allerdings ausreichen würde, oder ob die Literatur hier ihre Grenzen findet, habe ich noch nicht heraus gefunden. Vielleicht sind Gedanken aber auch zu kryptisch, um direkt transportiert zu werden. Wohl möglich, dass keiner verstehen könnte, was ein Anderer denkt, bevor dies nicht von einem kompetenten Übersetzer bearbeitet wurde. Die Gedankensprache, die Palmer in Anlehnung an einige seiner Vorgänger »Mentalesisch« nennt, ist vielleicht gar nicht dazu gedacht, direkt auf Papier gebannt zu werden. Dieses Gefühl beschleicht mich jedenfalls häufig beim Schreiben. Es gibt immer ein gewisses + der Figuren, das ein Autor nicht fassen und schon gar nicht in ein Buch bringen kann. Es entfaltet sich allein in seinem und dem Kopf des Lesers und muss mitnichten überein stimmen. Wie geht es euch dabei, die Gedankenwelt eurer Figuren einzufangen?

Zum Weiterlesen: Alan Palmer: Fictional Minds. University of Nebraska Press 2004.

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One Response to Bewusstseinsströme

  1. Ich denke (!), man kann die Gedanken einer Figur nicht 1 zu 1 schriftlich widergeben. Aber man kann wohl schon einige 'Tricks' anwenden, um dem Rezipienten Hinweise darauf zu liefern, wie eine Figur so 'tickt'. Da muss man dann auch zwischen den Zeilen lesen. Viele Gedanken sind einem ja gar nicht unbedingt so bewusst, manchmal überschlagen sie sich auch oder man verwirft sie gleich wieder oder man vergisst sie sofort. Eine Frage, die angeblich Männer nicht hören mögen, ist, was sie denn gerade dächten (Ich habe darüber vor ein paar Jahren mal einen kleinen Essai geschrieben: http://isa09.wordpress.com/2008/05/25/essai-21-uber-was-man-gerade-denkt/ ). Angeblich denken sie nämlich hin und wieder auch mal gar nichts und glauben dann, sie müssten sich dafür rechtfertigen. Ich glaube, man hat dann schon an irgendwas gedacht, aber es gleich wieder vergessen. Manchmal schweifen die Gedanken ja auch einfach so vor sich hin.
    Meiner Meinung nach ist es daher auch ganz gut, dass man nicht alle Gedanken genau so wie in der wirklich wahren Realität darstellen kann, das wäre nämlich ganz schön langweilig. Man denkt ja auch sehr viel Schrott, wenn der Tag lang ist. Als Autor muss man daher immer auch überlegen, was man denn erzählen will und die Gedanken der Figur entsprechend sortieren.
    Ich glaube auch, um einen möglichst realistischen Effekt zu erreichen, muss man mehr 'tricksen', wenn man alles versucht ungefiltert darzustellen, wirkt es eher künstlich. Das ist paradox, aber lässt sich auch beim Film und beim Theater beobachten. Nimmt man für das Theater zum Beispiel Laiendarsteller, die einfach irgendwas erzählen, ohne dass ein Regisseur, Dramaturg, Bühnenbildner, Beleuchter, etc. irgendwas dazubringt, ist das vielleicht authentischer, als wenn da ein ganzer Wald auf der Bühne nachgebaut ist, realistischer WIRKEN tut aber letzteres. Beim Film ganz ähnlich: Die Dogma-Filme, die ohne künstliches Licht, nur mit Handkamera, etc. gedreht sind, wirken weniger 'echt', als so ein aufwendiger Kostüm-Monumental-Schinken.

    Interessant finde ich aber auch den Umkehrschluss: Inwieweit beeinflussen literarische, filmische, theatrale Werke unser Denken?

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