Schreiben 2.0 - Literatur im Netz

Es gibt diese Bilder sehr berühmter Autoren - Thomas Mann mit einem Buch am Strand, Herrmann Hesse beim Wandern - die eine Idee vom Dasein des Autors schaffen. Aussagen und Reflektionen dieser Zunft kommen hinzu und prägen den Gedanken der öffentlichen Meinung, dass Autorschafft auch etwas mit Aussteigen zu tun haben kann. Wahrscheinlich ist schon der alte Platon etwas Schuld daran, dass Schriftsteller eher in der Tradition des Außergesellschaftlichen gesehen werden, als er sie als "Lügner" aus seinem Konzept des perfekten Staates ausschloss.

Im krassen Gegensatz dazu steht der moderne Mensch. Für ihn ist nicht nur von zentralem Interesse, sich mit anderen Menschen im realen Alltag zu vernetzen, er schafft sich meist auch noch mehrere zusätzliche Netzidentitäten.  Das virtuelle Leben durchkreuzt das tatsächliche, Berufliches und Privates vermischt sich. Die meisten von uns leben schon lange nicht mehr zwei- oder dreidimensional, sondern zählen vor allem auf Relationen zwischen den Eckpunkte ihres Daseins - je feinmaschiger das Netz, desto weicher der Aufprall, falls man einmal fallen sollte. "Multi" und "Trans" sind dabei die neuen Modepräfixe, wenn wir unser Leben beschreiben wolle: Multi- und Transmedial, Multi- und Transrelational, Multi- und Transnational, Multi- und, wahrscheinlich bald auch, Transtaskingfähig. Unsere riesigen Netze machen kaum noch vor altmodischen Einsiedlern Halt...

Nunja,  so ganz hat uns dieses Szenario zwar noch nicht eingeholt, aber wir sind schon ganz gut dabei. Was bedeutet das also für unsere Nicht-Gesellschaftlichen Autoren? Zunächst einmal nichts, was sie nicht wollen. Mal ehrlich, als guter Schriftsteller kommt man ganz gut ohne das Gedöns aus. Aber, einmal anders herum gefragt, was bietet dieses Zeitalter der Vernetzung vielleicht auch der Literatur? Es gibt ja schon einige zarte Ansätze und Versuche, sich innerhalb dieses Netzes zu positionieren. Viele Verlage oder Autoren lassen Buchtrailer erstellen und weiten damit ihre Geschichte auf eine visuelle Ebene aus. Einige veranstalten Weblesungen und verleihen ihren Figuren auf diese Weise halb virtuelle und halb reale Stimmen. Das Hörbuch ist längst eine feste Alternative zum Papierformat geworden. Und dann gibt es da noch Autoren, die sich so richtig ins Getümmel stürzen und bloggen und twittern und Fanpages erstellen. Alles reines virales Marketing?

Okay noch ein anderes Szenario: Es gibt ein Buch, einen hübschen Trailer, Autorenlesungen, ein Hörbuch und - jetzt kommt's - einige Social Media Seiten unter den Namen der Figuren! "Abgefahren!" sag ich dazu "laaaangweilig" werdet ihr vielleicht erwidern. Aber gibt das nicht eine ganz neue Facette von Literatur, ist hier nicht eine Erweiterung der Textwelt möglich? Kann man nicht gerade hier ganz wunderbar mit Fakt und Fiktion spielen? In einer Welt, in der eh schon alle Inszenierung und reales Leben ineinander laufen lassen, eröffnet nicht da ein solches Spiel neue Dimensionen der Authentizität? Es ist immer schwierig, Prognosen zu erstellen, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass hier ein Zukunftsmodell des Literarischen und vor allem der Alltagspoesie seine Wurzeln hat.

Posted in . Bookmark the permalink. RSS feed for this post.

2 Responses to Schreiben 2.0 - Literatur im Netz

  1. Nun,

    ich glaube diese Vernetzung kann für die Literatur sowohl eine Bereicherung als auch eine Gefahr sein - wobei ich inzwischen mehr für die Gefahr "plädiere" als für die Bereicherung.

    Als Bereicherung empfinde ich sie weil es mehr Möglichkeiten gibt für die Recherche des jeweiligen Buches. Ich selbst arbeite - sofern mir Familie, Beruf und Studium Zeit lassen - an einem Buchprojekt zur Todesstrafe in den USA, und ohne "Netz" hätte ich viele Kontakte bzw. Quellen nicht gefunden. In dieser Hinsicht scheint die Vernetzung eine unschätzbare Möglichkeit zu sein.

    Andererseits glaube ich, dass die Virtualität mehr und mehr Literatur auch zu einer Art multimedialem Ereignis werden lässt, wo es buchstäblich mehr und mehr den "Hype", um das "Event" geht, weniger um einen Dialog zwischen AutorIn und LeserIn.

    Vielleicht bin ich trotz meiner 47 in dieser Hinsicht etwas altmodisch ;-) Aber für mich bedeutet Lesen ein Buch in der Hand zu haben (kein Hörbuch, kein E-Reader) und durch das Lesen entsteht so etwas wie ein Zwiegespräch zwischen Autor und Leser, ja zwischen Leser und den Figuren innerhalb des Buches (der Geschichte). So ein Zwiegespräch kann im virtuellen Raum nicht entstehen.

    Viele Grüße,

    Joachim

    P.S. Danke für den Tipp bezüglich wordle - hat geklappt ;-) Leider konnte ich weiter unten nicht mehr antworten, ich glaube die Kommentarfunktion von Blogger ist etwas fehlerhaft

    AntwortenLöschen
  2. Danke für den Hinweis auf die Recherche von Sachtexten. Hier gibt es definitiv viele neue Möglichkeiten der Recherche und auch oft eine einfachere, ungezwungenere Kontaktaufnahme. Ich selbst nutze diese Möglichkeiten auch im Rahmen des Studiums.Unter Wissenschaftlern wird diese Vernetzung nämlich auch immer wichtiger.

    Beim Lesen von Literatur sehe ich zwar viele Möglichkeiten, eine davon ist, Literatur zum Event zu machen. Natürlich darf man trotzdem nicht vergessen, dass es eigentlich das Gegenteil von der implizierten Schnelllebigkeit des Netzes ist. Im Endeffekt geht es immer noch in erster Linie um die konzentrierte und langwierige Auseinandersetzung mit einem Text. Ich denke jedoch auch, dass Literatur dann nach dem Lesen auch weiter gesponnen werden kann, z.b. Im Netz...

    Übrigens keine Ursache ;) das mit der Kommentarfunktion höre ich jetzt schon zum zweiten Mal und es macht mir etwas Sorge. Das entspricht ja so gar nicht meiner Idee dieses Blogs, da muss ich mich mal drum kümmern.

    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen

Search

Swedish Greys - a WordPress theme from Nordic Themepark. Converted by LiteThemes.com.